Einleitung

Alle Neuigkeiten, Informationen, Non-Sense und Reiseberichte aus der Ukraine, damit auch der "ferne" Westen auf dem Laufenden ist, was dem Kai in der Ukraine so alles passiert. Ich freue mich natürlich über Wortmeldungen, Lebenszeichen, Infomeldungen oder Anmerkungen von euch - per Email/ Skype/ Kommentarfunktion etc.

Donnerstag, 23. September 2010

Fische, Birnen und Äpfel

Oder: Eine besonders absurde Fahrt in der Marschrutka


Gestern durfte ich meine bisher absurdeste Marschrutka-Fahrt erleben. Ich war im Bahnhof, um mein Ticket für die anstehende Zugfahrt nach Odessa zu kaufen. Dort werde ich ein Seminar für die Deutschlehrer in der Ukraine besuchen; nach zwei Wochen Saporoschje geht es also wieder für eine Woche ans Schwarze Meer, bevor hier der „Ernst des Lebens“ beginnt und ich in den richtigen Schulalltag starte. Das bedeutet wiederum 18 Stunden Zugfahrt hin und 18 Stunden Zugfahrt zurück.
Vom Bahnhof aus fahren mehrere Marschrutka-Linien in Richtung Zentrum, ich bestieg die erstbeste – groß, frei und der Motor lief auch schon; ich dachte, es würde dann direkt losgehen und voll wäre es auch nicht. Spätestens, als ich 50 Kopeken (eine Griwna sind 100 Kopeken; 1 Griwna entspricht ungefähr 10 Cent) vom Fahrtgeld zurückbekam, hätte ich stutzen sollen. Normalerweise kostet eine Fahrt mit der Marschrutka zwei Griwna, aber hier musste ich nur 1,50 löhnen. Einen Augenblick wunderte ich mich – aber begründete das für mich einfach damit, dass man nicht für alles ein System erwarten kann, so wie es in Deutschland oft der Fall ist. Falsch gedacht, zeigte sich, denn das System ist ganz einfach: Je weniger du für ein öffentliches Verkehrsmittel zahlst, desto langsamer ist es.
Die Marschrutka war nämlich von der Größe fast vergleichbar mit einem (kleinen) Linienbus, was auch bedeutete, dass Beschleunigen und Bremsen nicht so schnell gehen, wie bei einer „normalen“ Marschrutka. Außerdem kann man mit einem kleineren Gefährt viel besser vorhandene Lücken im Straßenverkehr, Seitenstreifen und kurz-vor-Rot-Ampelphasen ausnutzen. Dies entfiel hier; auf dem Weg ins Zentrum wurden wir von allen anderen Marschrutkas überholt.
Das wusste ich aber noch nicht, als ich drin saß. Der Motor lief ja bereits schon – auch das hier keine Ungewöhnlichkeit, denn eigentlich lässt man in der Ukraine seinen Motor immer laufen; was ist schon Umweltschutz? Nach zwei Minuten Standzeit am Bahnhof schaltete der Fahrer aber den Motor aus. „Dauert noch fünf Minuten bis zur Abfahrt“, war die Ansage. „Gut, wenn du schon drin sitzt und auch sitzt und nicht stehst“, dachte ich mir, „dann bleibst du einfach sitzen.“ Nach den nächsten zwei Minuten: Motor wieder an. Dann nochmal drei Minuten Warten – und es ging los.
An der nächsten Station stieg ein Angler ein mit voller Materialausrüstung ein. Vermutlich fuhr er zum Dnjepr, dort sind hunderte Angler, meist Rentner, unterwegs und fischen sich ihr Abendessen. Dieser Angler setzte sich vor mich, nach kurzer Zeit konnte ich dann auch seinen intensiven Fisch-Geruch wahrnehmen. Wie wir wissen, riecht frischer Fisch nicht, sondern nur alter. Der Ursprung diese Geruchs muss sehr alt gewesen sein. Parallel dazu lief im Radio, dass für alle Fahrgäste deutlich hörbar aufgedreht war, „Daddy DJ“ und „I like to move it“. Hinter mir wurde im Minutentakt die Rotze hochgezogen. Eine wahre Pracht für Nase, Augen und Ohren.
Der Höhepunkt der Fahrt sollte aber noch folgen: Eine Station nach dem Angler stieß dann noch eine mit vielen großen Tüten beladene Frau zur Reisegesellschaft hinzu. Erst lud sie ihre Taschen ab und ging dann zum Fahrer, um zu zahlen. Vermutlich hatte sie kein Geld dabei – jedenfalls zahlte sie mit drei Äpfeln und zwei Birnen. Schön, dass das hier auch geht, ich werde es mir fürs nächste Mal merken, wenn ich kein Geld mehr im Haus haben sollte.

2 Kommentare:

  1. Sehr, sehr schön Kai! Du bist eine ausgezeichnete Gute-Nacht-Lektüre! ;)

    AntwortenLöschen
  2. Hallo Kai!
    Ich muss gestehen, dass ich bisher immer nur einen kurzen, schnellen Blick auf deine Seite geworfen habe, nach dem Motto: "Schnell schauen, ob er noch lebt", da auch andere Freunde zur Zeit fleißig aus dem Ausland schreiben - ich könnte Blog-lesen also fast hauptberuflich machen. ;)
    Aber deine letzten Einträge habe ich mir jetzt zu Gemüte geführt und mich jedesmal echt weggelacht! Klingt total cool, was du so erlebst - auf jeden Fall spannend und sehr, sehr anders als das Leben hier... Ich hoffe, du fühlst dich wohl, es geht dir gut und der Schul-Job macht Spaß!
    Ab jetzt lese und schreibe ich öfter - versprochen! :)
    Lass es dir gut gehen!
    Liebe Grüße aus Kölle!

    Die Benni

    AntwortenLöschen