Einleitung

Alle Neuigkeiten, Informationen, Non-Sense und Reiseberichte aus der Ukraine, damit auch der "ferne" Westen auf dem Laufenden ist, was dem Kai in der Ukraine so alles passiert. Ich freue mich natürlich über Wortmeldungen, Lebenszeichen, Infomeldungen oder Anmerkungen von euch - per Email/ Skype/ Kommentarfunktion etc.

Donnerstag, 23. September 2010

Fische, Birnen und Äpfel

Oder: Eine besonders absurde Fahrt in der Marschrutka


Gestern durfte ich meine bisher absurdeste Marschrutka-Fahrt erleben. Ich war im Bahnhof, um mein Ticket für die anstehende Zugfahrt nach Odessa zu kaufen. Dort werde ich ein Seminar für die Deutschlehrer in der Ukraine besuchen; nach zwei Wochen Saporoschje geht es also wieder für eine Woche ans Schwarze Meer, bevor hier der „Ernst des Lebens“ beginnt und ich in den richtigen Schulalltag starte. Das bedeutet wiederum 18 Stunden Zugfahrt hin und 18 Stunden Zugfahrt zurück.
Vom Bahnhof aus fahren mehrere Marschrutka-Linien in Richtung Zentrum, ich bestieg die erstbeste – groß, frei und der Motor lief auch schon; ich dachte, es würde dann direkt losgehen und voll wäre es auch nicht. Spätestens, als ich 50 Kopeken (eine Griwna sind 100 Kopeken; 1 Griwna entspricht ungefähr 10 Cent) vom Fahrtgeld zurückbekam, hätte ich stutzen sollen. Normalerweise kostet eine Fahrt mit der Marschrutka zwei Griwna, aber hier musste ich nur 1,50 löhnen. Einen Augenblick wunderte ich mich – aber begründete das für mich einfach damit, dass man nicht für alles ein System erwarten kann, so wie es in Deutschland oft der Fall ist. Falsch gedacht, zeigte sich, denn das System ist ganz einfach: Je weniger du für ein öffentliches Verkehrsmittel zahlst, desto langsamer ist es.
Die Marschrutka war nämlich von der Größe fast vergleichbar mit einem (kleinen) Linienbus, was auch bedeutete, dass Beschleunigen und Bremsen nicht so schnell gehen, wie bei einer „normalen“ Marschrutka. Außerdem kann man mit einem kleineren Gefährt viel besser vorhandene Lücken im Straßenverkehr, Seitenstreifen und kurz-vor-Rot-Ampelphasen ausnutzen. Dies entfiel hier; auf dem Weg ins Zentrum wurden wir von allen anderen Marschrutkas überholt.
Das wusste ich aber noch nicht, als ich drin saß. Der Motor lief ja bereits schon – auch das hier keine Ungewöhnlichkeit, denn eigentlich lässt man in der Ukraine seinen Motor immer laufen; was ist schon Umweltschutz? Nach zwei Minuten Standzeit am Bahnhof schaltete der Fahrer aber den Motor aus. „Dauert noch fünf Minuten bis zur Abfahrt“, war die Ansage. „Gut, wenn du schon drin sitzt und auch sitzt und nicht stehst“, dachte ich mir, „dann bleibst du einfach sitzen.“ Nach den nächsten zwei Minuten: Motor wieder an. Dann nochmal drei Minuten Warten – und es ging los.
An der nächsten Station stieg ein Angler ein mit voller Materialausrüstung ein. Vermutlich fuhr er zum Dnjepr, dort sind hunderte Angler, meist Rentner, unterwegs und fischen sich ihr Abendessen. Dieser Angler setzte sich vor mich, nach kurzer Zeit konnte ich dann auch seinen intensiven Fisch-Geruch wahrnehmen. Wie wir wissen, riecht frischer Fisch nicht, sondern nur alter. Der Ursprung diese Geruchs muss sehr alt gewesen sein. Parallel dazu lief im Radio, dass für alle Fahrgäste deutlich hörbar aufgedreht war, „Daddy DJ“ und „I like to move it“. Hinter mir wurde im Minutentakt die Rotze hochgezogen. Eine wahre Pracht für Nase, Augen und Ohren.
Der Höhepunkt der Fahrt sollte aber noch folgen: Eine Station nach dem Angler stieß dann noch eine mit vielen großen Tüten beladene Frau zur Reisegesellschaft hinzu. Erst lud sie ihre Taschen ab und ging dann zum Fahrer, um zu zahlen. Vermutlich hatte sie kein Geld dabei – jedenfalls zahlte sie mit drei Äpfeln und zwei Birnen. Schön, dass das hier auch geht, ich werde es mir fürs nächste Mal merken, wenn ich kein Geld mehr im Haus haben sollte.

Montag, 20. September 2010

Party in der Kneipe

Oder: Viel Gljuck und viel Segen


Zweite Woche in der Schule – und schon der erste Geburtstag im Kollegium, den man mitfeiert. Am Freitag erhielt ich schon eine Einladung in die Kneipe zur Party. Eine Kollegin hatte Geburtstag, zwei andere klinkten sich ein, da sie in den Sommerferien Geburtstag hatten. So etwas nennt man schnelle Integration! Stattfinden sollte das Ganze am Montag in der Pause nach der zweiten Stunde; deshalb war ich auch etwas verwundert ob der Lokalität der „Party“.
Des Rätsels Lösung: Es gibt einen ungenutzten Raum in der Schule, der vom Deutsch-Kollegium für Besprechung oder sonstige Veranstaltungen genutzt wird – und dieser Raum wird „Kneipe“ genannt. Die Bedeutung des Raum-Namens ist dem Rest des Kollegiums nicht bekannt und ein „Insider“ unter den Deutschlehrerinnen.
Aus diesem Grund stand ich dann am Montag nach der zweiten Stunde mit den meisten meiner zwanzig Deutschkolleginnen in der „Kneipe“, zur Feier des Tages gab es auch zur frühen Stunde schon ein Plastikbecher mit einem Schlückchen Wein und natürlich Kuchen für alle. Den Geburtstagskindern wurde natürlich ein deutsches Ständchen gesungen, wobei bei mir – als einzigem Muttersprachler – die Aussprache ein ordentliches Schmunzeln bereitete. Sowohl im Russischen als auch im Ukrainischen gibt es die deutschen Umlaute nicht, das „ü“ lässt sich noch am ehesten mit dem kyrillischen Buchstaben „Ю“ vergleichen, der als „ju“ ausgesprochen wird. Wenn man nun inmitten von knapp 15 Deutschlehrerinnen steht und mehrfach ein „viel Gljuck und viel Segen“ entgegengeschmettert bekommt, ist es schwer, sich ein Grinsen zu verkneifen.
Übrigens ist die „Kneipe“ auch einer von zwei Räumen, die in der Auswahl stehen, mein „Kabinett“ zu werden. Kabinett ist hier das gängige Wort für Büro. Wenn die Kneipe mein Büro wird, bitte ich um Vorschläge per Email oder Kommentarfunktion, welchen Namen sie erhalten soll. „Bei Kai“ in Anlehnung an die einzig wahre Uedesheimer Gaststätte bringe ich dann ins Rennen, vielleicht hat noch jemand einen besseren Vorschlag für einen deutschen Namen? Bitte teilt ihn mir mit, schließlich haben die Vorschläge zum Blog-Titel auch einige feine Ideen hervorgebracht. Und diesem Blog kann etwas mehr Interaktivität sicherlich nicht schaden.
Ansonsten kann ich mit Fug und Recht behaupten, dass ich hier mittlerweile voll angekommen bin. Ich bin auch schon Thema in der Schulleitung gewesen: Mehrere Schülerinnen aus der zehnten Klasse haben sich vor der obligatorischen Schutzimpfung gedrückt – mit dem Argument, dass heute der „deutsche Lehrer“ im Unterricht hospitiert. Dass ich natürlich niemandem verboten habe, den Unterricht für eine Schutzimpfung zu verlassen, weil ich hinten sitze und zuschaue, versteht sich von selbst und konnte dann auch schnell (und ohne mein Wissen) geklärt werden. Ich habe die Geschichte nämlich erst hinterher erfahren.

Mein Haus, mein Auto, mein Pool

Oder: Die ersten richtig eigenen vier Wände



„Straße der 40 Jahre der sowjetischen Ukraine, Hausnummer 61, Wohnung 39“ – meine Adresse für die nächsten sechs Monate und gleichzeitig auch das erste Mal, dass ich in meiner eigenen Wohnung lebe. Kinderzimmer ade, Wohngemeinschaft ade, hallo Ukraine!

Idylle pur (der Blick aus der Tür in den Innenhof ist zensiert): hier rein und dann noch vier Treppen hoch.
Aus Odessa wusste ich schon, dass das Treppenhaus und die Umgebung nichts über die Wohnung im Inneren eines Hauses aussagen. Eigentlich muss man sagen, dass die Wohnungen umso besser aussehen, je dreckiger, versiffter und kaputter das Treppenhaus ist. Auch hier fehlen Fliesen, die Farbe platzt von der Wand und im Innenhof liegt ziemlich viel Zeug rum, das eigentlich auf einer Mülldeponie besser aufgehoben wäre - übrigens direkt neben den Spielgeräten für die Kinder. Dieser Theorie zufolge müsste meine Wohnung eigentlich ziemlich gut aussehen, dachte ich mir, als meine Mentorin mich bei meiner Ankunft vom Bahnhof abholte und ich das erste Mal die Treppe hochging. Und tatsächlich lassen sich meine vier Wände sehen, zwar nicht in den angesagtesten Farben und der absoluten Top-Qualität, aber immerhin. Gasherd, Kühlschrank, Badewanne, Waschmaschine und Balkon sind schon mal eine Ausstattung, mit der sich arbeiten lässt.

Der Blick vom Balkon.
Wohnungen werden hier meistens möbliert vermietet, was mir zugute kommt, denn eine ausgiebige Möbelsuche hätte vermutlich viel Zeit geraubt; allerdings muss ich nun mit dem leben, was hier steht. Bett, Kleiderschrank und Nachttisch sind in elfenbeinfarbenem Holzfurnier gehalten, was ausgezeichnet zum dunkelgrünen Teppich und den orange-getupften Tapeten passt. Im Gegensatz dazu beißen sich Bad und Küche nicht so krass mit meinem Farbgeschmack, obwohl die mint-grüne Tapete in der Küche ein Muster hat, das man vielleicht am ehesten mit Eidechsenhaut vergleichen könnte. Das Pendant dazu klebt in orange im Flur an der Wand. Mein kleiner Balkon mit viel Grün davor macht diese kleinen Makel aber wieder wett.
Da ich ganz oben in der fünften Etage (= 4. Obergeschoss in Deutschland, aber nicht in ganz Deutschland, denn ich habe erfahren, dass in einigen Regionen Thüringens auch ohne Erdgeschoss gezählt wird; herzlichen Dank für diese landeskundliche Information, Jule!) wohne, habe ich auch nur nebenan und untendrunter Nachbarn, die bisher nicht mit immenser Lautstärke aufgefallen sind. Die Wände scheinen hier auch nicht bleckmannsch’e WG-Qualität aus Münster zu haben, sodass man nicht das Husten von nebenan hört. Allerdings muss ich feststellen, dass die Aussage „Holz lebt“ auch auf Stein bezogen werden kann, denn meine Bad-Wand hat sich schon in der einen Woche hier leicht in Richtung Nachbarwohnung verschoben; dies lässt sich wunderbar anhand der Breite des Ritzes in der Badezimmerecke beobachten, stört aber nicht weiter und bedeutet ja eigentlich auch mehr Wohnraum für dasselbe Geld.

Mein Hausblock vom Innenhof aus gesehen.
Das einzige wirklich Manko an der Wohnung ist der Stromzähler. Während ich von den Nachbarn kaum was höre, dreht der Stromzähler seine Runden mit einem behäbigen Rattern und Summen, sodass ich beim Einschlafen mit einer wenig angenehmen Hintergrundmusik begleitet werde. Einzig gutes Zeichen daran ist, dass man weiß, dass es noch Strom gibt. Den ersten (hier nicht untypischen) Stromausfall habe ich nämlich auch schon mitbekommen.

Freitag, 17. September 2010

Гимназия 46, Запорожъе (Gymnasium 46, Saporoschje)

Oder: Mein erster Schultag


Mein erster Schultag – und zwar nicht als I-Dötzchen mit Schultüte in der Hand in der St. Martinus-Grundschule in Uedesheim am Rhein, sondern als Deutschlehrer am Gymnasium Nr. 46 in Saporoschje am Dnjepr.
Um zur Schule zu kommen, muss ich mit der Marschrutka von meiner Wohnung circa 20 Minuten fahren – und zwar nicht an der Uferpromenade entlang, sondern direkt durch das Industriegebiet. Leichter Schwefelgeruch zieht in den Mini-Bus, rechts und links Fabrik an Fabrik, Schornstein an Schornstein. Die Straße führt schnurgerade an den Betrieben vorbei, nach zehn Minuten erreicht die Marschrutka dann das „Raion“ (ukrainisch für Stadtteil), das - umzingelt von Fabriken und dem Dnjepr - der Ort ist, in dem meine Schule liegt.

Das Gymnasium Nr. 46 der Stadt Saporischschja - so ungefähr steht es auf dem Schulschild.

Die Schule besteht aus zwei Gebäude-Teilen, der alte stammt aus dem Jahr 1937, der neue aus dem Jahr 1995. Der ältere ist aber vor einigen Jahren renoviert und macht einen deutlich besseren Eindruck als der alte, denn der sieht eigentlich so aus, als ob er aus den 50er Jahren stammen würde. Durch den Anbau ist die Gebäudestruktur auch etwas kompliziert, im Kollegium wird gerne auch über „das Labyrinth“ gesprochen. Nach zwei Tagen habe ich das System aber verstanden, muss aber aufpassen, denn im Russischen gibt es kein Erdgeschoss, sondern es wird von „Etage 1“ an gezählt. In Deutschland hätte das Gebäude also 2 Geschosse, hier sind es drei Etagen. Verkompliziert wird das Ganze durch die Kolleginnen, die dieses System dann für mich „westeuropäisieren“, dann ist man komplett durcheinander und läuft vielleicht die eine Treppe zuviel hoch oder runter.

Der Haupteingang liegt im neuen Gebäudeteil.

Die ersten beiden Wochen hospitiere ich im Deutschunterricht verschiedener Klassen und werde danach entscheiden, in welchen Klassen ich dann bis März unterrichten werden. Die Unterrichtsbedingungen sind gut: Das Gymnasium Nr. 46 hat einen Deutsch-Schwerpunkt, 20 der knapp 60 Kolleginnen unterrichten deutsch. Es gibt an der Schule auch zwei Lehrer, die habe ich aber bisher noch nicht gesehen (einer der beiden ist auch schon 70 Jahre alt und unterrichtet nur nebenbei) – ansonsten bin ich umgeben von einem rein weiblichen Kollegium, die fast alle „40+“ sind.
Die Schulklassen haben schon aber der ersten Klasse Deutsch-Unterricht (ukrainische Schulen laufen fast immer von der ersten bis zur elften Klasse, nach der elften Klasse hat man die Hochschulreife) und werden schon ab der ersten Klasse für den Deutschunterricht gedrittelt. So sitzen im Deutschunterricht maximal 10 Schüler, durchschnittlich sind 6 oder 7 von ihnen Mädchen. Die Gruppen werden nach Leistungsstärke sortiert, in den „starken“ Kursen herrscht deshalb ein gutes Niveau, in den „schwachen“ Kursen geht dafür dann aber auch zum Teil nicht viel.
An meinem ersten und zweiten Tag besuche ich Deutsch-Kurse in den achten und neunten Klassen, an meinem dritten Tag schaue ich auch in die dritte Klasse. In den kommenden Tagen werde ich außerdem noch den deutschen Literatur- und Landeskundeunterricht besuchen und auch die anderen Schulstufen anschauen.
In ukrainischen Schulen trägt man Schuluniform. Das hat zum einen für mich die Folge, dass ich keine Blue-Jeans tragen soll, sondern Stoffhosen (dunkle Jeans gehen auch). Zum anderen laufen die meisten Schüler, vor allem die Kinder der Unterstufe, im feinen Zwirn durch die Flure. Es gibt zwar keine richtige Uniform, aber die Farben weiß und schwarz werden von der Schule vorgegeben. Viele Jungen kommen dementsprechend mindestens im Hemd, auch gerne im Anzug und mit Krawatte in die Schule, und die Mädchen tragen Rock, Kleid oder ähnlich. Die Erst-, Zweit- und Drittklässler laufen von ihren Lehrern begleitet auch ordentlich in Zweierreihen durch das Schulgebäude – wenn die Lehrer nicht da sind, wird aber – egal ob Anzug oder nicht – in den Fluren fangen gespielt, gedrängelt und geschubst. Da sind keine großen Unterschiede zu deutschen Schulen zu erkennen; wenn die Siebenjährigen sich in Kleid und Anzug hinterher rennen, sieht das aber schon lustig aus.
Am Montag darf bzw. muss ich mich dann direkt nach Schulschluss vor dem versammelten Kollegium vorstellen, meine rudimentären Russischkenntnisse reichen dafür schon aus. 50 oder 60 interessierte Lehrerinnen schauen und hören mir bei meinem Russisch-Versuchen zu; ich werde aber herzlich willkommen geheißen.

Der Vollständigkeit halber auch das alte Schulgebäude.

Im Übrigen ist die Schule völlig begeistert, dass jemand aus dem fernen Deutschland in den ukrainischen Osten gefunden hat. Unter den Schülern hat sich auch schnell herumgesprochen, dass ein richtiger, echter deutscher Deutschlehrer in der Schule herumläuft. Da ich als (fast) einziger Mann und als jüngster Lehrer natürlich auffalle, weiß vermutlich schon nach zwei Tagen jeder, wer ich bin. In den Gängen grüßen mich Kinder, die ich noch nie gesehen habe, mit „Challo“ (das „H“ muss ordentlich russisch als „CH“ ausgesprochen werden) (ein „Wurst“ wurde mir als Begrüßung im Flur auch schon an den Kopf geworfen) und hinter meinem Rücken wird getuschelt und ich werde manchmal angeschaut, als wäre ich ein Außerirdischer. Im Unterricht der Drittklässler wurde fast mehr nach hinten zu mir geguckt, als nach vorne zur Lehrerin...
Die einzige Person an der Schule, die das noch nicht mitbekommen hat, ist die Frau an der Eingangstüre, die für die Garderobe, die Klingel und den Schlüsselkasten zuständig ist. Sie schaut natürlich auch darauf, dass keine fremden Menschen die Schule betreten – und ich entspreche, wie schon berichtet, nicht dem Lehrer-Klischee der Schule. Schon zum zweiten Mal musste ich hier heute morgen auf Russisch erklären, dass ich neuer Deutsch-Lehrer an der Schule bin. Da gerade Pause war, amüsierten sich natürlich einige Achtklässler, bei denen ich am Tag zuvor hospitiert hatte, köstlich darüber, dass der neue Lehrer auf schlechtem Russisch der alten Frau an der Tür erklären muss, was er hier macht. Da mein Russisch aber nach vier Wochen Lernzeit besser ist, als es das Deutsch der Jungens nach acht Jahren Unterricht ist, geht der Punkt aber trotzdem an mich, würde ich sagen. Die Frau hat mich nämlich verstanden, wer aber im Unterricht einen Hamster kaufen und dies mit der Verbform „ich bin verkauft“ tun möchte, sollte sich nicht über mich lustig machen.

Mittwoch, 15. September 2010

Saporoschje

Oder: Eine Zeitreise.


Das klassische Thema der Geographie: Die Stadt. Nordamerikanische Stadt, orientalische Stadt, lateinamerikanische Stadt, römische Stadt - und natürlich: Die sowjetische Stadt. Was mir bisher nur aus der Theorie bekannt war, ist nun meine Heimat für sechs Monate. Saporoschje ist ein Prachtbeispiel für die sowjetische Stadt; das ist Teil 1 einer Zeitreise, denn die Stadt hat auch schon vor 20 Jahren so ausgesehen, als der Sozialismus noch real existierte.

Der Lenin-Prospekt am Abend.

Ich wohne in einer Ein-Zimmer-Wohnung im Zentrum des neuen Teils der Stadt. Die Straße, auf der ich wohne, heißt „40 Jahre der sowjetischen Ukraine“. Sie ist eine Parallelstraße der wichtigsten Straße in Saporoschje, dem Lenin-Prospekt. Dieser zieht sich vom Dnjepr bis in den alten Teil der Stadt und ist mit 14 km die längste Allee der Welt. Den neuen Teil der Stadt (der in den 70er Jahren entstand) erkennt kann man natürlich an seinen einheitlichen Plattenbauten und den vielen großen Plätzen mit Monumenten aller Art: für den Sieg, für „40 Jahre des Sieges“, für Puschkin, für Lenin, und auch Stalin hat hier vor kurzem wieder ein Denkmal bekommen. Also, herzlich willkommen in der (ehemaligen) Sowjetunion.

Der Blick auf das Industriegebiet von der Neustadt aus. Mitten im Zentrum gibt es eine Schneise für die Eisenbahn und die Hochspannungsleitungen.

Ein Wurst-Trolley-Bus.

Außerdem gibt es in Saporoschje das allererste Wasserkraftwerk der Sowjetunion, errichtet in den 1930er Jahren. Es staut den Dnjepr (der der drittgrößte Fluss Europas ist) kurz vor dem wichtigsten Erholungsgebiet der Stadt, der Insel Kortiza. Sie ist knapp 10 km lang und (abgesehen von den über sie verlaufenden Hochspannungsleitungen) tatsächlich ein sehr schönes Naturgebiet. Diese Insel ist außerdem eines der wichtigsten Nationalsymbole der Ukraine, denn auf dieser Insel haben sich die Kosaken begründet. Die Insel lädt zum Schwimmen, Wandern und Ausruhen ein, es gibt steile Felsen und Sandstrände, zum Teil auch unberührte Natur.

Das Hotel "Intourist".

Das Wasserkraftwerk funktioniert übrigens auch heute noch – auch wenn die Brücke über die Staumauer merklich wackelt und gerne Bodengitter fehlen, sodass man seinen Fuß auch 25 Meter tiefer abstellen könnte, wenn man nicht aufpasst. Das Wasserkraftwerk kommt dann bei der zweiten Zeitreise ins Spiel, denn es erzeugt vielen günstigen Strom für das Industriegebiet von Saporoschje. Die Stadt liegt in einem Halbkreis um ein riesiges Industriegebiet herum, in dem Stahl, Aluminium, Koks, Autos und vermutlich noch viele andere Dinge produziert werden. Produziert wird aber vor allem auch viel Rauch, Staub und Gestank. Über die Stadt legt sich je nach Windrichtung ein ordentlicher Schwefel-Geruch (55 faule Eier sind nichts dagegen; Grüße an dieser Stelle an Jonas C.’s Onkel), die „Skyline“ der Industrie qualmt in allen Abstufungen von weiß bis schwarz, auch rot ist dabei. Zwischendurch werden auch Gase abgefackelt, damit der Betrachter auch noch einige Pyro-Effekte mitbekommt. Man kommt nicht umhin, Assoziationen an das Ruhrgebiet loszuwerden. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass es vor 40 bis 50 Jahren dort genauso geraucht und gestunken hat. Es gibt kaum bis gar nicht Filter (dem Rauch nach zu urteilen) und es recken sich hunderte Schlote und Schornsteine in den Himmel. Im Kern des Industriegebietes gibt es eine Siedlung mit knapp 50.000 Einwohnern, vor allem Mitarbeitern der Industriebetriebe; hier steht meine Arbeitsstelle, die Schule Nr. 46.


Ein Teilstück des Lenin-Prospekts.

Die Kontraste könnten also größer nicht sein: Industriegebiet, Sowjetarchitektur und tiefblaues Flusswasser. Bisher ist das Wetter aber super, 25° und Sonnenschein – da kann man über lokalen Schwefelgeruch hinwegriechen und den Strand am See oder am Fluss genießen oder Erkundungstouren durch die Neustadt machen und vielleicht das Café „Oberhausen“ oder „Politbüro“ ausprobieren. Nicht umsonst sind das Reminiszenzen an frühere und (vielleicht gar nicht so) andere Zeiten.

Samstag, 11. September 2010

Speck und Bier

Oder: Bahnfahren verbindet.


Eine weitere Zugfahrt stand auf dem Programm – nachdem ich vor zwei Wochen mit der Bahn von Berlin nach Odessa gefahren bin, ging es diesen Freitag von Odessa nach Saporoschje.
Während für die erste Zugfahrt noch 36 Stunden angesetzt waren, waren es dieses Mal „nur“ 18 Stunden. Wer nun annimmt, dass die ukrainische Eisenbahn diese Zeit für eine Strecke im vierstelligen Kilometerbereich benötigt, irrt. Schlappe 475 km beträgt die Entfernung von Odessa nach Saporoschje. Von Düsseldorf nach Berlin, was etwa derselben Kilometerzahl entspricht, braucht die Deutsche Bahn 4 Stunden, für die Direktverbindung gleicher Länge benötigt man hier das Vierfache an Zeit. Damit aber weniger Zeit verloren geht, fährt die Bahn einfach über Nacht.
Die Standardvariante für die Fahrt in ukrainischen Bahnen ist die „Coupet“-Klasse. Das sind Abteile mit vier Liegen, für die man Bettzeug gestellt bekommt. Man hat die Wahl zwischen oben oder unten links – oder oben/ unten auf der rechten Seite. Mein Ticket hat übrigens 10 € gekostet – Fahrzeit also Mist, für diesen Preis aber Daumen hoch für die ukrainische Bahn. Außerdem bekommt man hier die volle Portion Personalversorgung, denn in jedem (!) Waggon fährt ein eigener Zugbegleiter bzw. Zugbegleiterin mit (was übrigens eine gute Möglichkeit ist, die Arbeitslosigkeit zu senken). Beim Einsteigen wartet diese Person am Waggon und kontrolliert das Ticket; später im Zug wird es einem dann wieder abgenommen. Eine interessante Arbeit verrichten auch die Männer, die an jedem Bahnhof zu zweit arbeiten und dort mit einem großen Hammer gegen die Bahnräder klopfen, wenn der Zug hält. Sie überprüfen eigentlich den Zustand der Bahnräder; das sehr sonderbare Konzert, was sich durch dieses Klopfen ergibt, freut besonders nachts, wenn der Zug hält und man eigentlich schlafen möchte. Ich vermute auch, dass die Herren nichts in die Wege leiten, solange das Rad überhaupt ein Geräusch von sich gibt, wenn sie mit dem Hammer dagegen klopfen.

Maks, ich und Aleks (von links).

In meine Abteil hatte ich dann jedenfalls das Vergnügen mit einer Rentnerin, die in Odessa Urlaub gemacht hatte und in Saporoschje lebt (und mich somit die gesamte Fahrt begleiten sollte). Die ehemalige Russischlehrerin war sehr erfreut, ihre wenigen Brocken Deutsch an mir ausprobieren zu können. Mein Russisch reichte dann auch für eine Vorstellung und einige Sätze russischen Small-Talk. Und dann durfte ich am eigenen Körper erfahren, dass man Gastfreundschaft nicht nur auf Gäste im eigenen Haus beziehen muss, sondern auch auf fremde Menschen im „heimatländischen“ Zug. Meine Horror-Ankündigung für die Ukraine war, dass man hier anscheinend zu jeder Zeit und zu jedem Anlass Speck in dünnen Scheiben zur Mahlzeit und zum Getränk reicht. In Odessa war mir das dankenswerterweise noch nicht über den Weg gelaufen, denn meine Gastfamilie hatte mich prima umsorgt. Nun kündigte die Babuschka aber nach zwei Stunden Fahrt an, dass die Essenszeit gekommen sei. Ihre Pflege für mich in allen Ehren, aber als sie dann ein großes, weißes, fettiges Stück Speck auspackte, lief es mir kalt den Rücken runter. Ich bekam dann noch ein „Ja ne liubliu“ (= „Ich liebe das nicht“) hinaus, denn „ich mag das nicht“ kannte ich bis dahin noch nicht. Sie sagte, sie würde mir auch nur eine dünne Scheibe abschneiden – und prompt hatte ich ein daumendickes Stück Speck auf einer kleinen Scheibe Brot vor mir liegen. Und aller guten Dinge sind ja bekanntlich zwei – deshalb lieferte mir sie, bevor ich überhaupt etwas angerührt hatte, noch ein zweites Stück derselben Dimension hinterher. Die dünne Scheibe ging dann übrigens auf ihr Brot. Irgendwann ist es nun mal soweit; Magen und Kopf streubten sich vor diesem ekeligen Stück totem Tier. Schon die Tatsache, dass ich Wasser dazu trinken wollte – anscheinend trinkt man nur Tee zu dieser Delikatesse – ließ der Babuschka die Gesichtszüge zusammenfallen. Eine Einladung lehnt man ja nicht ab, also hieß es: „Augen zu und durch“. Welch ein Hochgenuss. Ich hoffe, ich muss das nie wieder essen. Innerlich bejubelte ich meine Entscheidung, nicht bei einer Babuschka zu wohnen, sondern meine eigenen vier Wände in Saporoschje zu mieten. Ansonsten sorgte sie sich aber prima um mich, nach kurzer Zeit wurden mir auch meine Russischunterlagen aus der Hand gerissen und von ihr kontrolliert.
Und ebenfalls nicht länger sollte es dauern, bis die nächste Mahlzeit anstand. Mir war klar, dass der strenge Geruch aus ihrer Tasche einen Grund haben musste. Mahlzeit Nummer 2 wurde also mit einem Käse fraghafter Herkunft und hygienischer Beschaffenheit begangen. Dass Käse umso besser schmeckt, je mehr er riecht, bewahrheitete sich aber zu meiner Freude. Ich habe allerdings gehofft, dass dieses Essen am nächsten Tag nicht schwerwiegende Folgen nach sich ziehen würde.
Bis dahin hatte ich angenommen, dass keine weiteren Personen in das Abteil kommen würden, denn mit zwei Personen hat man deutlich mehr Platz als zu viert. In Nikolajew stiegen allerdings zwei biertrinkende Männer zu, die auch für unser Abteil Tickets gebucht hatten. Wir sollten die Fahrt bis nach Saporoschje zu viert fortsetzen – was sich anhand des massigen Gepäcks etwas eng gestaltete. Da ich mit den beiden, Alex und Max, allerdings ziemlich zügig ins Gespräch kam, wurde mir auch schnell ein Bier angeboten. In Cherson hielt der Zug planmäßig für vierzig Minuten - das gehört zu einer ukrainischen Bahnfahrt dazu, denn wenn man sowieso schon langsam unterwegs ist, dann kann man auch ruhig so lange warten, bis der Zug erst am nächsten Morgen am Zielort ankommt und nicht mitten in der Nacht. Die Wartezeit ließ jedenfalls die Möglichkeit zu, Bier-Nachschub zu kaufen und den Abend gesellig im Abteil ausklingen zu lassen. Die Kommunikation lief, wie Max es nannte, auf einem neuen Esperanto, einem Sprachmix Russisch-Englisch-Deutsch.
Bei der Ankunft in Saporoschje gab es dann noch ein Gruppenfoto, am Bahnhof wurde ich dann von zwei Lehrerinnen der Schule Nr. 46, meinem neuen Arbeitsplatz, in Empfang genommen. Eine skurrile Bahnfahrt ging zu Ende – mit der Erkenntnis, dass ukrainisches Bier gut schmeckt, ukrainischer Speck nicht und dass man trotz oder gerade wegen langer Fahrtzeiten deutlich mehr Spaß und Kommunikation hat, als bei der Deutschen Bahn.

Montag, 6. September 2010

Marschrutka

Oder: Wie man von A nach B kommt


In Odessa (und jeder weiteren ukrainischen Stadt) gibt es eine völlig undeutsche Möglichkeit, sich im Stadtverkehr fortzubewegen: Die Marschrutka.
Dieses Gefährt kann man sich am ehesten als großen Bulli vorstellen. Es gibt allerdings nicht eine Variante, sondern viele verschiedene Möglichkeiten, auf welchem Fahrgestell eine solche Marschrutka aufgebaut sein kann und wie sie eingerichtet ist. Die Variante, die man in Odessa am meisten nutzt, hat eine Tür beim Fahrer und eine Tür hinten. Innen befinden sich auf der einen Seite sieben Zweier-Sitzplätze, auf der anderen fünf Einer-Sitzplätze. Natürlich gibt es auch eine letzte Reihe, allerdings ist es hier nicht cool, hinten zu sitzen. Welcher Platz am „coolsten“ ist, habe ich allerdings noch nicht herausgefunden. Meistens bleibt einem aber sowieso keine Wahl, denn wenn man nicht an einer der ersten drei Stationen einsteigt, bleibt einem nur noch ein Stehplatz. Auf die circa 20 Sitzplätze kann man übrigens eine variable Anzahl an Stehplätzen aufrechnen: Frei nach dem Prinzip „et hätt noch immer jot jejange“ wird jede – wirklich jede – Person mitgenommen. Eine Sardinenbüchse ist vermutlich nichts dagegen, ich erinnere mich an eine Bahnfahrt während des Weltjugendtages von Köln nach Neuss, dort war es ähnlich voll.

Die Marschrutka - das Fortbewegungsmittel Nr. 1

Wenn man einmal drin ist, hat man allerdings noch nicht alles überstanden. Denn gezahlt wird beim Aussteigen – und zwar beim Fahrer. Diesem teilt man mit, an welcher Station man aussteigen möchte (aussteigen geht nur an der Station, einsteigen auf Handzeichen im Prinzip überall an der Fahrtstrecke), und gibt ihm die 2 Griwna (das sind 20 Cent) in die Hand oder legt sie an den dafür bestimmten Platz. In vielen Marschrutki sind die Schaltknüppel in eine Art Teppich eingearbeitet, auf denen wunderbar das Geld bezahlt werden kann (vergleichbar mit diesen Gegenständen beim Bäcker, auf die man das Geld legen kann und auf die das Wechselgeld gelegt wird, aber für die es keinen Namen gibt). Der Vorteil bei weichem Teppich ist, dass das Geld nicht wegrutschen kann. Und wo wir schon bei Teppich sind: Es gibt Marschrutki mit blauen, schwarzen und weißen Gardinen, mit einer bis drei Türen, mit Türen, die man selber öffnen muss oder die automatisch öffnen, mit Türen, die gar nicht funktionieren, mit Leopardenüberzügen für die Sitze, mit gesplitterten Frontscheiben und mit orientalischen bis hin zu Fell-Geldwechsel-Teppichen. Abends gibt es auch gerne die volle Portion Musikbeschallung, mit Glück auch nachmittags (wie schon berichtet: hier läuft vor allem schlechter Euro-Dance, gemischt mit 80er- und 90er-Titeln). Mein bisheriges Highlight war eine Marschrutka mit Werbebildschirm, wie man sie in vielen U-Bahnen in Deutschland finden kann. Stilecht fuhr der Bildschirm noch während der Fahrt sein System hoch, drei Stationen später war die Werbung nur noch für vier Personen sichtbar, weil es zu voll war. Ähnlich stilvariabel wie der Innenraum der Marschrutka gestaltet sich die Fahrerkabine: Dort hängt und klebt allerlei Gedöns, beispielsweise Heiligenfigürchen, Telefonnummern, Ketten am Rückspiegel usw.
Wenn es so voll ist, dass man ab der zweiten Reihe nicht mehr zum Aussteigen zum Fahrer durchkommt, beginnt dann das Geld-Durchgeben: Mit dem Straßennamen (den ich bisher nie verstanden habe) und dem 2-Griwna-Schein (oder mehr, dann muss das Rückgeld auch noch denselben Weg zurück) wird eine Art „Laute Post“ in Gang gesetzt, die zum Fahrer führt. Erst dann wird auch an der Haltestelle gehalten. Wenn man dann vorne steht, hat man auf jeden Fall ordentlich zu tun. Die Marschrutka zwingt also zu einem Mehr an Kommunikation, das man bei uns nicht mehr kennt (so etwas wie Monatstickets gibt es übrigens nicht). Diese Kommunikation wird dann aber einfach auf das nötigste verkürzt: Beim Fahrer gibt es keine Bitte und kein Danke, der Straßenname wird ohne „ulitza“ oder „prospekt“ (=Straße oder Boulevard) genannt; das ist in etwa so, als wenn ich in Uedesheim beim Busfahrer ein Ticket mit der Information „Nieder“, „Deich“ oder vielleicht „Kuh“ kaufen würde.

Die Tramway - das Fortbewegungsmittel Nr. 2

Um das Marschrutka-Fahren kommt man nicht herum. In Odessa gibt es aber noch drei weitere Varianten, sich fortzubewegen: Die Tramway, den Trolley-Bus (= O-Bus) und natürlich „per pedes“. Straßenbahn und Trolley-Bus sind übrigens noch komplett Originalbestand aus den 70er-Jahren und meistens genau so voll wie die Marschrutka – mit dem Unterschied, dass hier der „Konduktor“ das Geld einsammelt. Ich vermute, dass die Straßenbahn hier auch ohne Schienen fahren könnte, denn die Schienen sind mehr krumm als gerade und das Geruckel während der Fahrt erinnert mehr an eine Marschrutka-Fahrt auf der Straße, denn die sind in keinem besseren Zustand (auf dem Bürgersteig gibt es nicht selten Löcher, die einen Blick einige Meter in den Untergrund ermöglichen).
Auf der Straße begegnen einem neben Trolley-Bus, Tramway und Marschrutka auch ansonsten viele interessante Vehikel: Der gemeine Ukrainer fährt nämlich entweder ein "Viagra in Chrom" (so nannte irgendein Verkehrsforscher mal dicke, teure Geländewagen) oder ein Gebrauchtwagen von Annodazumal. Diese stammen auch gerne aus Deutschland: Reisebusse mit "Staiger - Die Königsklasse"-Aufschrift, einen Wartburg mit D-Aufkleber oder ein LIDL-LKW-Anhänger aus den 80er-Jahren treffen auf Porsche Cayenne oder Mercedes M-Klasse.
Man stelle sich nun also vor, die Stadt Köln, die ebenso groß ist wie Odessa, stelle ihre U-Bahn ein, würde die Straßenbahnen auf einen Waggon zusammenkürzen und anstatt der Busse Bullis (im Stile der Marschrutka) einsetzen. Einige dieser Aspekte – merke ich gerade – sind für Köln gar nicht so unrealistisch, aber trotzdem wäre das Chaos komplett. Hier funktioniert es trotzdem irgendwie, aber in der Hauptverkehrszeit kann man sich den öffentlichen Nahverkehr schon abgewöhnen.

Samstag, 4. September 2010

Nachtrag: Visum

Oder: Wie man viel Zeit auf der Botschaft verbringen kann


Remagen-Oberwinter. Der Ort, an dem die „Außenstelle der Botschaft der Ukraine in Bonn“ zu finden ist. Im beginnenden Siebengebirge und idyllisch am Rhein gelegen, ist die Welt hier noch in Ordnung. Tante Emma hat hier noch ihren Laden, man wird auf der Straße von fremden Menschen gegrüßt. Sogar die Post hat hier noch eine eigene Filiale (die so aussieht, wie die „alte“ Uedesheimer Post, nur ohne Frau Müller).
Mit Bus und Bahn dauert die Anfahrt aus Neuss knapp anderthalb Stunden. Wenn man den Bahnhof verlässt, wartet allerdings ein harter Anstieg auf den Besucher des ukrainischen Konsulats. Dies liegt nämlich am „Rheinhöhenweg“, der nicht umsonst das Bestandteil „Höhe“ in seinem Namen trägt.
Meinen ersten Besuch statte ich dem Konsulat ab, um den Antrag für mein Visum abzugeben. Im Vorraum des Konsulats warten schon 15 Personen, obwohl (oder gerade weil?) diese erst seit 20 Minuten geöffnet hat. Mir geht nicht auf, ob es ein Warte-System gibt; ich stelle mich deshalb mit dazu und versuche mir zu merken, wer alles schon vor mir da gewesen ist. Die beiden geöffneten Schalter bearbeiten allerdings nicht sehr schnell – und ich bekomme erste Sorge, dass ich meinen Antrag hier heute vielleicht nicht mehr während der Öffnungszeiten abgeben kann. Außerdem kommen immer mehr Menschen in den Vorraum (größtenteils Ukrainer wegen Pass-Angelegenheiten), gehen nach vorne und dann wieder raus. Erst nach 20 Minuten merke ich, dass es eine Liste gibt, in die man sich eintragen muss. Da hier alles auf ukrainisch oder russisch läuft, habe ich das natürlich nicht mitbekommen... Das Prozedere wird übrigens nicht dadurch schneller, dass auf einmal ein Mann aus einem Reisebüro mit einem Stapel Reisepässen vorbeikommt und sich vordrängelt. Alle Proteste der restlichen Wartendenden mit Verweis auf die Warteliste nützen nicht, denn er kennt anscheinend einen Mitarbeiter und wir "bevorzugt behandelt". Eine 20-Minuten-Gesprächs-Pause von zwei der drei Mitarbeitern der Botschaft vor der Tür verlangsamt der Verfahren ebenfalls deutlich. Aber man hat ja freundlicherweise schon knapp vier Stunden am Tag geöffnet, da kann man sich auch eine lange Pause gönnen.
Mein Listenplatz würde mir in der Uni nicht annähernd eine Chance auf einen Nachrückerplatz im Seminar geben – und hier müssen die ganzen anderen Leute auch noch vorher abgefertigt werden. Ich bin froh, dass ich ein Buch mithabe und die Wartezeit lesend verbringen kann. Nach einer halben Ewigkeit ist nämlich der erste Schalter, der für Visa-Angelegenheiten zuständig ist, auch für mich frei. Allerdings braucht der Sachbearbeiter für Visa noch „einen Moment“, bis er kommt – somit stehe ich nochmal 15 Minuten direkt vorm Schalter. Die Kontrolle meines Antrags dauert dann zwei Minuten, schließlich noch der Hinweis, dass die Bearbeitung sechs Arbeitstage in Anspruch nimmt und 159 € kostet. Nach drei Stunden im Konsulat, nur um einen Antrag abzugeben, mache ich mich dann auf den Heimweg. Im Zug fällt mir ein, dass ich vergessen habe, auf der letzten der vier Seiten den Antrag zu unterschreiben.
Mein zweiter Besuch findet dann statt, um mein Visum abzuholen. Am Freitag, den Dreizehnten, geht es wieder mit der Bahn in Richtung Oberwinter. Dieses Mal bin ich allerdings „nur“ anderthalb Stunden in der Botschaft, denn ich trage mich direkt auf die Liste ein und heute geht auch alles ein wenig schneller voran. Am längsten dauert tatsächlich das Abholen des Visums. Dass ich meine Unterschrift vergessen habe, scheint niemandem aufgefallen zu sein. Vermutlich hat den Antrag aber zwischendurch niemand bearbeitet. „Einen Moment“, bekomme ich gesagt, als der Sachbearbeiter mein Visum holen möchte. 15 Minuten später erscheint er mit meinem Reisepass inklusive Visum. Ob das Visum frisch eingeklebt ist, bleibt reine Spekulation.
Ich bin jedenfalls froh, dass ich „das Ding“ nun in der Hand halte und dem Weg in Richtung Ukraine nichts mehr im Weg steht. Und das Ganze ohne eine Unterschrift.

Mittwoch, 1. September 2010

Odessa

Oder: Das "New York" der Ukraine


Heute ist Mittwoch, nun bin ich schon seit vier Tagen in Odessa am Schwarzen Meer. In Odessa besuche ich zwei Wochen lang einen Russisch-Kurs, der vormittags stattfindet. Nachmittags habe ich dann Zeit für die Hausaufgaben (sic!) und darüber hinaus natürlich auch, um die Stadt zu erkunden.
Odessa ist das „New York“ der Ukraine, so sehen es jedenfalls die Einwohner der Stadt, die Odessiten. Sie sind stolz auf die Modernität der Stadt, auf den kulturellen Schmelztiegel (132 Nationalitäten leben hier, ich habe allerdings nicht nachgezählt), auf das Meeresklima und auf die wichtigsten Einkaufsstraßen, in erster Linie auf die „Deribasovskaya“ – die so berühmt ist, dass ich sie nicht kannte, bevor ich nach Odessa gekommen bin.

In der Innenstadt von Odessa.

Tatsächlich hat Odessa einen mediterranen Touch und der Strand ist super; die Innenstadt lässt sich ebenfalls sehen und multikulturell ist die Stadt auch – Restaurants aus aller Herren Länder kann man finden. Bezahlen kann man das Ganze auch, denn das Preisniveau ist deutlich unter dem deutschen. Einen aussagekräftigen Vergleich bietet der „Big-Mäc-Index“: 160 Griwnia kostet der hier, das sind 1,60 €. Probiert habe ich ihn allerdings noch nicht. Ähnlich verhält es sich übrigens mit allen anderen Preisen auch, eine Fahrt mit der Straßenbahn in die Innenstadt (20 min) kostet umgerechnet 10 Cent.

Der Hafen.

Meine Heimat ist zurzeit eine Gastfamilie – ich wohne bei Larissa (sie arbeitet im Sprachinstitut, in dem ich den Russischkurs besuche), ihrer Mutter und ihrer Tochter. Erfahrung mit reinen Frauen-Haushalten bringe ich aus Deutschland ja genug mit, sodass wenigstens das nicht eine Umstellung mit sich bringt. Die Wohnung liegt etwas außerhalb, mit der Marschrutka (eine Art Taxi-Bus) dauert es sonntags 20 Minuten in die Stadt, in der „tschass pik“ (der Hauptverkehrszeit) aber dreimal solange. Die Ukrainer leben augenscheinlich nach dem Motto „außen pfui, innen hui“ – die Häuser sehen verfallen und ranzig aus, in den Treppenhäusern ist ebenfalls ewig nicht mehr renoviert oder geputzt worden. Man sollte sich nicht über Rotze auf der Treppe wundern, Müll liegt auf den Straßen und im Grünen ebenfalls überall rum und streunende Katzen und Hunde begegnen einem auch an jeder Ecke. Die Wohnungen selber sind aber tip-top – ebenso ist es in meiner Gast-„Heimat“ auch. Ich versuche mich hier mit meinen bescheidenen Russisch-Kenntnissen durchzuschlagen, es genügt und notfalls gibt es ja noch Hände und Füße. Für die Kommunikation im Restaurant und im „magasin“ (im Geschäft) reicht es auch schon.

In Odessa gibt es immer wieder interessante Einblicke in die Innenhöfe der alten Häuser - dort wird an Autos geschraubt, die Wäsche aufgehangen, es ist absolut gammelig oder fein rausgeputzt.

Der Strand am Schwarzen Meer.

Am 1. September beginnt übrigens für alle Schüler in der Ukraine (und in den meisten ehemaligen sowjetischen Staaten) jedes Jahr wieder die Schule. Heute morgen habe ich die Eröffnungsfeier an der Schule mit Deutsch-Schwerpunkt in Odessa (das Gymnasium Nr. 90) besucht. Das gesamte Spektakel war eine Mischung zwischen feierlich-schön und improvisiert-peinlich. Auf dem Schulhof wurden alle 800 Schülerinnen und Schüler begrüßt, die Erstklässler wurden eingeschult, das Programm von den ältesten Schülern der 11. Klasse gestaltet. Bei uns unvorstellbar: Alle Kinder hatten den feinsten Zwirn an, die Mädchen in Kleidern und die Jungen in Anzügen. Der Direktor hielt eine Ansprache und es wurde die Nationalhymne gespielt (zu der von einigen Schülern große Fahnen im Stechschritt in die Runde getragen wurden). Dazu Konfetti-Kanone und aufsteigende Luftballons... Die Reden wurden an einem abgenutzten Schüler-Pult gehalten, Höhepunkt war aber der DJ, der für die musikalische Untermalung (vor allem Euro-Dance) zuständig war: Einen so unförmigen Körper habe ich schon lange nicht mehr gesehen, der Bauch war doppelt schwanger, dazu einen grau-haarigen Zopf und dauerhaft Kippe im Mund. Im Vergleich könnte DJ AA am Baggerloch auflegen... Der Schulanfang hat übrigens dafür gesorgt, dass Bus und Bahn noch voller sind, als sie es sowieso schon wären.
Das Wetter – es ist zwar warm, aber leider regnet es oft – hat große Stadterkundungen bisher noch nicht zugelassen, aber es soll besser werden und dann werde ich auch Bilder nachliefern.