Einleitung

Alle Neuigkeiten, Informationen, Non-Sense und Reiseberichte aus der Ukraine, damit auch der "ferne" Westen auf dem Laufenden ist, was dem Kai in der Ukraine so alles passiert. Ich freue mich natürlich über Wortmeldungen, Lebenszeichen, Infomeldungen oder Anmerkungen von euch - per Email/ Skype/ Kommentarfunktion etc.

Sonntag, 13. März 2011

Tschüss, Saporoschje


Das letzte Mal durch den Flur der Schule laufen, das letzte Mal Unterricht, das letzte Mal in der Kantine Borsch essen, das letzte Mal den Kolleginnen nebenan auf Wiedersehen sagen, das letzte Mal das Licht im Klassenraum ausschalten, den Schlüssel am Eingang abgeben und mit der Marschrutka aus "Kitschkass" nach Hause fahren.
Heute Abend um 20.30 Uhr wird mein Zug nach Deutschland starten. Der Waggon fährt von Saporoschje (kommend aus Simferopol) bis nach Berlin durch. Ein letztes Mal in einen ukrainischen Zug steigen...
Die letzten Tage in der Schule waren schön, ich habe mich von meinen Klassen verabschiedet und natürlich auch von meinen Kolleginnen. Ich habe noch eine Liebeserklärung von einer Erstklässlerin erhalten und viele schöne Uraine-Souvenirs erhalten, bin am letzten Wochenende noch in Odessa gewesen, habe das Schwarze Meer mit Packeis gesehen und habe gedacht: So schnell gehen sechs Monate um.
Nach einem halben Jahr in einer Industriestadt in der Ostukraine heißt es nun "До свидания" (auf Wiedersehen) und "всего хорошего" (alles Gute). Nach 36 Stunden Fahrt werde ich Dienstagmorgen in Berlin ankommen und dann nachmittags nach Düsseldorf weiterfahren. "До встречи!"
Anbei noch ein paar Impressionen aus Saporoschje und wahrscheinlich kommen in nächster Zeit noch nachträglich ein paar Blog-Einträge, auch wenn ich schon in Deutschland sein sollte.
Das Notausgangs-Männchen in der Schule, von Schülerseite modifiziert.
Im Café "Politbüro".
Slawa und Sascha.

Die erst Klasse ;-)
Home, sweet home.
Das schwarze Meer in Odessa.

Donnerstag, 3. März 2011

Kai im ukrainischen Fernsehen

Oder: Die Vernissage "Ich habe einen Traum" / "Я мечтаю"


Es ist vollbracht! Mein Abschluss-Projekt an der Schule ist fertig und am Dienstag war eine höchst erfolgreiche Vernissage in der Schule. 150 Schüler, Eltern, Ehemalige und Auswärtige haben sich die Ausstellung zum Thema "Ich habe einen Traum" angeschaut. Die letzten Tage hatten viel Arbeit in sich, aber das Ergebnis lässt sich sehen. Alle Träume und Bilder gibt es auf der zugehörigen Homepage unter http://traumhaben.kjg-neuss.de - Anregungen, Ideen und Tipps gerne ins Gästebuch schreiben!
Und sogar das Fernsehen war da:









Mittwoch, 2. März 2011

Charkow

Oder: Zu kalt.

Der Freiheitsplatz - 12 Hektar und damit angeblich der größte Platz auf der Welt...
„In Charkow ist es gewöhnlich kälter als in Saporoschje.“ Diesen Hinweis hörte ich vor meiner Reise nach Charkow nicht nur einmal. In Saporoschje waren es da zwischen 15 und 20 Grad unter null, der Wetterbericht sagte aber, dass es keine großen Temperatur-Unterschiede zwichen den beiden Städten geben sollte.
Zu dritt – den Münsteraner Besuch Max traf ich in Charkow, dort war Bosch-Praktikant Matthias unser Gastgeber – wollten wir uns die Tatsache, dass ein rheinländischer Fußballverein den weiten Weg bis in die Ukraine aufgenommen hatte, natürlich nicht entgehen lassen. Dies war zudem ein gegebener Anlass, um sich die ehemalige Hauptstadt der Sowjet-Ukraine anzusehen.
Taras Schewschenko.
Die Begrüßung im Charkower Bahnhof, dort traf ich mich mit Max, viel recht rüde aus: „Horch, horch, man hört fremde Stimmen“, dachte sich wahrscheinlich die Miliz und nahm das zum Anlass, um uns dort nach fünf Minuten gemeinsamer Anwesenheit zu kontrollieren. Max wurde dann vor dem Bahnhof auch noch von einem Taxifahrer für seine miese Fußbekleidung sehr herzlich, aber zurecht, ausgelacht.
Dann behielten wie so oft bei Bauernweisheiten auch alle Ankündigungen aus Saporoschje hier ihr Recht: Ich habe in meinem Leben noch nie so stark gefroren wie in Charkow. Beim Einatmen durch die Nase entwickelten sich kleine Eisklumpen und in der Straßenbahn gefror der Atem direkt an der Scheibe. Dieser Kälte begegneten wir zwischen gut ausgestattet (lange Unterhosen und dicke Kleidung – Matthias und ich) und schlecht ausgestattet (löchrige Chucks an den Füßen – Max), aber bei dieser fiesen Luftfeuchtigkeit gepaart mit Minustemperaturen versagte auch meine bisher standhafte Winterkleidung.
Das ehemals größte Gebäude der Welt.
Ansonsten unterscheidet sich Charkow nicht groß von vielen anderen ukrainischen Städten, dieselben Straßenbahnen und viel sowjetische Standard-Architektur, die hier aber vom (angeblich) größten Platz der Welt gekrönt wird. Laut Reiseführer könnten hier „mehrere Armeen bequem aneinander vorbei marschieren“, der lokale Rummel wirkt „nur wie ein Fliegenschiss“ und der Platz ist wie „ein schwarzes Loch, in dem alles verschwindet“. Ganz so schlimm ist es vielleicht nicht, aber schön auch nicht. Am Platz steht dann auch das ehemals größte Gebäude der Welt: Kann man sich angucken, muss man aber nicht. Ebenso wie die zahlreichen Kriegsgeräte (Panzer, Flaks etc.), die in der Stadt als Denkmäler stehen. Vielleicht noch erwähnenswert: Charkow besaß die größte Traktorenfabrik der Sowjetunion, die sogar eine eigene U-Bahn-Station hat. Viel angeguckt haben wir uns aber nicht, dafür war es einfach zu kalt.

Matthias bloggt auch: http://muellhouse.wordpress.com/

Waldemar Hartmann hat einen Nebenjob als ukrainischer Pop-Sänger.

Montag, 28. Februar 2011

Metallist Charkow gegen Bayer Leverkusen

Oder: Ein Live-Ticker.


Kurz vor Anstoß: Es ist bitterkalt, beim Einatmen durch die Nase bilden sich Eisklumpen – in der Nase. Das Stadion füllt sich, aber es sind noch viele Plätze frei. Ist es auch den Charkowern zu kalt? -12° Celsius.
1. Minute: Anstoß. Auf der Gegenseite: 100 Leverkusen-Fans. Auf unserer Seite: Wir (drei Deutsche) inmitten von Ukrainern.
9. Minute: Vor, neben und hinter uns wird nicht der erste Wodka geleert. Dazu gibt’s Gürkchen.
12. Minute: Nun ist das Stadion fast voll. Entweder mehr Menschen, oder es ist wärmer geworden, schließlich dehnt sich Materie dann aus. Zweite Theorie ist unwahrscheinlicher.
15. Minute: 15. Minute? Meine gefrorenen Zehen sind schon gefühlte zwei Stunden im Eisfach. Auf dem Spielfeld: Engagierte Charkower, noch passiv (unterkühlt?) agierende Leverkusener.
23. Minute: 1:0 für Leverkusen. Eren Derdiyok netzt ziemlich frei und ziemlich cool ein. Metallist bis dahin aktiver, aber Leverkusen kontrollierter.
29. Minute: Es ist noch nicht wärmer geworden. Hinter uns werden auf Russisch Hitlerwitze erzählt. Hoffentlich merkt keiner, dass wir Deutsche sind. Unsere Kommunikation tendiert gegen null, man will den Schal aber auch nicht unter den Mund ziehen.
34. Minute: Die ausgespuckte Rotze unserer Nachbarn ist mittlerweile am Boden gefroren.
37. Minute: Charkow gelegentlich über links. Bayer hat aber alles unter Kontrolle und lässt hier keinen Gefrierbrand zu.
39. Minute: Erst 39. Minute? Sehnsucht nach einem kühlen Bier. Das ist wärmer als alles andere hier.
45. Minute: Der Pausenpfiff. Zu 90er-Eurodance springen alle Ukrainer gleichzeitig auf und fangen an zu tanzen – oder sind es doch nur Gymnastikübungen für zusammengezogene Muskeln? Wir machen mit, es wird kurzzeitig wärmer. An allen Stellen wird Kognak oder Wodka konsumiert.

Warmhalten mit Alkohol in der Halbzeit.
46. Minute: Weiter geht’s. Noch 45 Minuten im Eisschrank von Charkow.
50. Minute: „Jawoll, mein Führer. Nein, mein Führer.“ (Hört man von hinten.)
56. Minute: Anzahl der Fluche nimmt proportional mit der Anzahl der in Rückstand liegenden Minuten auf ukrainischer Seite zu.
63. Minute: Dennoch wird in der Charkower Fankurve oberkörperfrei gefeiert. Man könnte meinen, einem würde schon beim Zusehen kalt. Stimmt aber nicht, ist auch so recht frisch.
72. Minute: Und dann haut Castro den Ukrainern einen rein. 0:2. Da wird einem warm ums Herz, aber auch nur da.
80. Minute: Noch zehn Minuten, dann dürfen alle Körperteile wieder auftauen. Es wird weiterhin ordentlich geflucht um uns herum.
87. Minute: Sturm und Drang bei Metallist. Bringt aber nichts, dem 77er-Brasilianer verspringt der Ball höchst peinlich.
90. Minute: Sidney Sam, zwischendurch kurz vor gelb-rot, schenkt dem FC Metallist Charkow noch einen ein. Eiskalt verwandelt.
90. Minute +2: Und dann sogar noch einen. 0:4 in Charkow. Das ist doch ein kleiner Schock-Frost für die Ukrainer.
90. Minute +3: Und Schluss. Nächste Woche dürfen die Ukrainer dann in die Tropen an die Bay Arena.
Nach Abpfiff: In der Straßenbahn nach Haus gefriert der Atem an der Innenscheibe. Warm ist anders.

Max hat auch gebloggt: http://onlytenbaht.blogspot.com/2011/02/sportlich-sportlich.html

Endstand 0:4.

Sonntag, 20. Februar 2011

Kai, nicht aus dem Märchen

Oder: Mein erstes Interview für eine ukrainische Zeitung



Jeder Ukrainer kennt - anscheinend - "Kai und Gerda" - ein Märchen von Hans Christian Andersen. Ich sollte es so langsam auch mal lesen, schließlich diente die Tatsache, dass mein Vorname vor allem mit dieser Geschichte verknüpft wird, auch für den Titel eines Interviews mit mir in der "Industrialnoe Saporoschje" vor einigen Tagen:


http://iz.com.ua/2011/02/17/kaj-ne-iz-skazki/

Samstag, 12. Februar 2011

Ein Paket verschicken


Oder: Eine Anleitung in zwölf Schritten

Ein Paket verschicken ist ganz einfach – eine Anleitung zum Nachmachen:
1.)    Zur Post gehen und das Verschickungsmaterial mitnehmen.
2.)    Sich sofort bedienen lassen, es gibt keine Schlange. Super!
3.)    Auf der jeweiligen Landessprache sagen, was man möchte: Ein Paket nach Deutschland schicken und ein Paket nach Ungarn.
4.)    Der Postbeamtin sagen, was man verschickt, damit diese nachgucken kann, ob man das darf. Merke: Wodka und Bier kann man aus der Ukraine nicht ins Ausland schicken, bei CDs ist sich das Nachschlagewerk unsicher. Getrockneter Fisch ist kein Problem.
5.)    Nun jeden (!) zu verschickenden Paket-Inhalt einzeln abwiegen. Danach die einzelnen Teile in ein Formular eintragen und mit Einkaufspreis und dem zuvor bestimmten Gewicht versehen.
6.)    Dieses Formular in vierfacher Ausführung (für Ungarn) handschriftlich ausfüllen, für das Paket nach Deutschland dieselbe Prozedur, aber nur zweimal.
7.)    Auf das Formular die Adresse auf Deutsch und Russisch eintragen, ebenfalls vierfach (bzw. zweifach).
8.)    Der Postbeamtin dabei zusehen, wie sie sorgsam das Paket mit zwölf aus Papier ausgeschnittenen Poststempeln beklebt und in Tesafilm einwickelt.
9.)    Nicht daran denken, dass das Paket an der Grenze sowieso wieder aufgemacht wird.
10.)  Noch einmal für jedes Paket ein Formular ausfüllen.
11.)  Zehn Minuten warten, damit die Postbeamtin nachgucken kann, wie teuer die Pakete sind.
12.) Bezahlen und eine Stunde und acht Formulare später wieder ans Tageslicht treten. Fertig!

Dienstag, 8. Februar 2011

Der Schüler und der Lehrer


Oder: Lebensraum Schule

Mit den Schülern meiner achten Klasse arbeite ich gerade an einer Homepage für die Schule. Im Rahmen dieses Projektes sollte jeder Schüler einen eigenen Text schreiben, um die Schule vorzustellen. Dazu gehört natürlich auch, dass man sowohl das Kollegium als auch die Schülerschaft vorstellt. An der Tafel hieß dieser Unterpunkt "Schüler und Lehrer". Dass kann man natürlich auch falsch verstehen - gerade als Nicht-Muttersprachler - und so entstand eine wunderschöne Definition über "den" Schüler und über "den" Lehrer und kein Text über Schüler und Lehrer am Gymnasium 46. Bei uns würde das wohl "am Thema vorbei" heißen - aber was solls, schließlich ist dieser Text eine sehr ehrliche Beschreibung des Lebensraums "Schule":

Schüler sind Kinder, die in der Schule lernen. Das Leben des Schülers ist eintönig. Jeden Tag in der Schule macht er die Klassenarbeit, übersetzt Texte, lernt neues Material usw. Der Schüler bekommt auch nahezu jeden Tag gute oder schlechte Noten. Die Noten hängen vom Schüler ab. In der Pause wiederholt der Schüler andere Stunden, spielt Spiele oder lacht mit den anderen. Der Schüler muss in der Schule einen Anzug tragen und sich gut verhalten. Der Schüler muss auch jeden Tag Hausaufgaben machen.
Lehrer sind Menschen, die in der Schule lehren. Das Leben des Lehrers ist auch eintönig. Jeden Tag in der Schule lehrt er neues Material, hilft den Kindern mit den Aufgaben und gibt den Kindern Hausaufgaben. Der Lehrer überprüft auch jeden Tag die Hefte. Der Lehrer trinkt viel Tee und Kaffee mit den anderen Lehrern in der Pause.

Samstag, 5. Februar 2011

Die Ratte...

...ist tot!

Meine Heimkehr aus Deutschland wurde Anfang Januar nicht nur mit einem fehlenden Schlüssel zum Domofon versüßt, sondern auch mit einem neuen Mitbewohner: Während meines Deutschland-Aufenthaltes hatte sich ein Tier in meiner Küchendecke eingenistet. Zwischen eingezogener und „normaler“ Decke fühlte es sich anscheinend recht wohl und beglückte mich mit Trapsen, Knabbern und nächtlichen Aktivitäten.
Natürlich hab ich den Kollegen nicht gesehen, aber wenn man von Schrittfolge, Lautstärke und Aktivitäten auf ein Tier schließen müsste, fallen Maus, Katze und Waschbär raus und es bleibt nur die Ratte übrige.
Zuerst nahm ich an, dass sich das Tier eventuell verirrt hätte und vielleicht von selber wieder das Weite suchen würde. Nach zwei „gemeinsamen“ Tagen zerschlug ich aber diese These und versuchte nun, mit physischen Gegenmaßnahmen (heftig und mit verschiedenen Gegenständen gegen die Decke klopfend) meinen neuen Freund zu vertreiben. Auch diese Variante zeigte keinen Erfolg, denn mitten in der Nacht hat man keine Lust aufzustehen und die Wirkung war eher kurzfristig. In der dritten Phase wurde schließlich mit harten Bandagen gekämpft: Bei einer Stippvisite auf dem Dachboden des Hauses waren leider keine Spuren zu entdecken und so wurde nun Rattengift ausgelegt.
Das zeigt leider kurzfristig auch keinen Erfolg, nachdem aber einige Tage vergangen waren, war das Tier deutlich weniger aktiv und letztendlich ist nun nichts mehr zu hören. Ob die Ratte einfach nur ausgezogen ist und sich einen andere Wohnung gesucht hat oder ob sie nun in meiner Küchendecke verwest, weiß ich nicht. Obwohl der Gedanke, mit einer stinkenden und madigen Ratten-Leiche unter einem Dach zu wohnen, auch nicht angenehmer ist...

Dienstag, 1. Februar 2011

Wie fühlen sich –22° an?

Oder: Winter in Saporoschje



Lange war ich auf der Suche nach einem verlässlichen Wetterbericht für Saporoschje. Daraus wurde leider nichts – denn entweder ändert sich das Wetter hier ziemlich schnell, meine Suchmaschinen-Kenntnisse sind zu schlecht oder es gibt einfach keine guten Wetterberichte für Saporoschje.
Nachdem für das zweite Januarwochenende schon –15° (Celsius natürlich, ich spreche weder von Fahrenheit noch von Kelvin) angekündigt waren und sich das Ergebnis eher im Plusbereich abspielte, hielt ich die angekündigten –20° für letzten Donnerstag für eher unrealistisch. Aber schon am Mittwochabend wurde es recht „frisch“ und am Donnerstagmorgen war es dann sogar noch kälter als angekündigt: -22°. Die alte Bundeswehr-Strategie „täuschen, tarnen, verpissen“ zog leider nicht, schließlich rief die Arbeit in der Schule und so musste ich hinaus in die Kälte. Aber Glück im Unglück: Die Luft war sehr trocken und der hier im Winter typische Steppenwind fehlte. Ohne lange Unterhose, „Schapka“ (russisch für Mütze), ordentlichen Schal und Handschuhe hätte ich diese Außenbedingungen allerdings nicht schadlos überstanden. Insgesamt war die Kälte aber doch nicht so schlimm wie erwartet und die „gefühlte Temperatur“ lag bei mir dann doch höher als die reale Temperatur.
Räumgerät, ukrainisch.
Zusätzlich zum Frost liegt hier schon fast zwei Wochen ordentlich Schnee. Während die Höhe in Deutschland schon ein halbes Chaos produziert hätte, interessiert hier niemanden, ob jetzt 10 cm mehr oder weniger liegen. Geräumt wird auf den Bürgersteigen fast gar nicht, die Hauptstraßen aber schon, wenn auch mit archaischem Gerät. Der erste Schnee macht hier sofort alles schöner, spätestens nach fünf Tagen erkennt man im Schnee aber die Rückstände sowohl tierischen als auch menschlichen Urins an deutlichen Gelbfärbungen, in der Nähe von Straßen wird das Weiß zum Braun-Grau und spätestens, wenn dann doch jemand auf die Idee kommt, zu Streuen, wird es grau, denn gestreut wird hier mit zerbröseltem Schutt.
Wenn dann allerdings vom Raureif alle Bäume in weiß erstrahlen, ist auch das gefrorene Schneematsch-Gemisch am Boden vergessen – und die Tatsache, dass mit jedem Frosttag das Marschrutka-Fahren holpriger wird.



Donnerstag, 27. Januar 2011

Ukrainisches Bier

Oder: Quantität ist nicht gleich Qualität

Der große Biertest - Teil 1: Man kaufe ein.
Alles, was ein Bier braucht – das wären in Deutschland nur die drei Reinheitsgebot-Zutaten Wasser, Hopfen und Malz. Dieses Gebot gilt in der Ukraine allerdings nicht. Erfreulich ist, dass diese Tatsache nichts an der Qualität und Auswahl der Biere hier ändert. Nach einer langen, intensiven und ausführlichen Testreihe können an dieser Stelle die besten Biere aus dem ukrainischen Supermarkt um die Ecke präsentiert werden.


Der große Biertest - Teil 2: Man bezahle.
Vorneweg: Die Bier-Auswahl eines durchschnittlichen ukrainischen Supermarktes lässt die Anzahl der verkauften Biersorten im 08/15-Rewe in Neuss (vorzugsweise Grimlinghausen, besticht vor allem durch reizende Verkäuferinnen) oder auch Münster schlecht aussehen. Die Fülle des Bierregals steht der Fülle des Wodkaregals hier in nichts nach. Für den deutschen Bierkäufer abschreckend: Das Bierangebot ist nicht nur an erwerbbaren Sorten breit, sondern auch an Abfüllbehältnissen. Zur Auswahl steht nicht nur die 0,5-Glasflasche, sondern auch die 1-Liter-Plastikflasche, die 2-Liter-Plastikflasche und die altbewährte 0,5-Alu-Dose. Aus dem ukrainischen Straßenbild ist vor allem die Plastikflasche nicht wegzudenken, da sich hier das Preis-Leistungsverhältnis dem landesweiten Durchschnittseinkommen am ehesten – aber nicht asymptotisch – anpasst. Für absolute Schnäppchenjäger und Bierbevorrater gibt es dann auch noch den 2-Liter-Plastikflaschen-Sechserträger zum Tieffliegerpreis. Dass Quantität aber keine kausalen Zusammenhang mit Qualität hat, weiß schon jedes Kind:
Der große Biertest - Teil 3: Man lasse das Bier in die Wampe hinein.
Bevor nun alle denken, ich hätte das alles alleine getrunken und wäre in der Ukraine zum Alkoholiker mutiert, die Entwarnung: Die Bierverköstigung fand mit sechs Personen stand!
Aus diesem Grund muss man sich natürlich selber von dem Können ukrainischer Bierbrauer überzeugen. Gesagt – getan. Und da alleine-Bier-trinken ja bekanntlich nicht nur dick, sondern auch doof macht, tut sich eine Verköstigung doch in Gemeinschaft am besten an. Dass die folgende Listung objektiven Kriterien natürlich schwer genügen kann, ist klar. Intersubjektivität ist hier das Schlagwort: Bier für Bier anhand dergleichen subjektiven Kriterien getestet ergibt nahezu Objektivität. Aber das Platon’sche Höhlengleichnis im Hinterkopf macht bewusst: Reine Objektivität existiert nicht, wir sind alle Opfer unseres Bierdurstes und unseres Bierdunstes. Wieviel erkenntnistheoretische Erleuchtungen unter dem Einfluss von Hopfen-Malz-Schorle entstanden sind, wäre sicherlich eine Untersuchung wert. Allen Epistemologen zum Trotz nun die „Top Fünf“, wie in sehenswerten Ranking-Shows deutscher Privatsender zum Spannungsaufbau in umgekehrter Reihenfolge präsentiert:

5. Platz: Alter Müller („старый мельник“) (russisch)
4. Platz: Baltika 3 („Балтика 3“) (russisch)
3. Platz: Goldenes Fässchen („Золотая бочка“) (russisch)
2. Platz: Baltika 7 („Балтика 7“) (russisch)
1. Platz: Etalon Weizenbier („Пшеничне Еталон“) (ukrainisch)

Zum Vergleich: Die Wodka-Abteilung im Supermarkt. Hier werde ich mich nicht durchprobieren... (Übrigens ist der Wodka auf der Palette in der Mitte ein Angebot: Der halbe Liter für 2 €.)

Freitag, 21. Januar 2011

Auf der Post


Oder: Auf der Suche nach dem verlorenen Paket

Das obere Paket war mal ein gerader, unbeschadeter Kopierpapier-Karton...

Wenn man schon ein Bahnticket nicht dort bekommt, wo man es erwartet – wie ist das dann eigentlich mit einem Paket, dass auf der Post wartet, weil man nicht da war, als es kam? Es ist jedenfalls nicht einfach, aber irgendwie und irgendwann funktioniert es...
Schon seit Dezember erwartete ich zwei Pakete – eins aus Deutschland, eins aus Rumänien. In der Schule bekam ich dann im neuen Jahr zwei Erinnerungs-Zettel in die Hand gedrückt, denn die Post war da, aber der Kai nicht. Ein Nachbar oder eine andere Person kann ein solches Paket übrigens nicht annehmen, denn die Abgabe erfolgt hier nur gegen Pass.
Dass das Paket bei der Poststelle direkt neben der Schule auf mich warten würde, wäre natürlich zu einfach gewesen. Nein, am „Lenin-Prospekt 6 b“ wartete es auf mich (also im Stadtzentrum). Da ich mich mit den Hausnummern nicht auskenne und nicht jedes Haus be-nummert ist, ging es erst zur Post am Lenin-Prospekt bei meiner Wohnung um die Ecke. Dort die Auskunft: „Nein, hier nicht. Aber rufen Sie doch einfach bei der Telefonnummer auf dem Zettel an.“ Die Zentral-Post – Variante 2 – ist auch nah an meiner Wohnung; der nächste Gang führte dorthin. Auskunft: „Nein, hier nicht. Da müssen Sie zur Post am Bahnhof.“ Der ist allerdings fast 10 km von meiner Wohnung entfernt, liegt allerdings immer noch am Lenin-Prospekt – denn der ist ja nicht umsonst die angeblich längste Allee Europas. Also ging es zum Bahnhof.
In der dortigen Postfiliale wirkte schon alles etwas zu klein – die passende Auskunft von der Frau am Schalter: „Nein, hier nicht.“ Den Rest verstand ich nur soweit, dass das Ziel aber direkt in der Nähe sein müsste, bei einem „Schlagbaum“ (das Wort gibt es tatsächlich im Russischen und bedeutet Schranke). Und dann ging alles ganz schnell: Eine große Tür zum Keller öffnete sich, eine zweite Frau kam heraus, nahm mir meine beiden Erinnerungszettelchen ab und eine dritte Frau schnappte mich am Arm und führte mich aus dem Laden und draußen um die Ecke. Dann stand ich auf dem Innenhof der Post-Anlieferung – ohne Zettel und ohne Ahnung. In einer dunklen Ecke des Hofes probierte ich dann eine Tür aus und stand in der Briefsortierung – oder irgendetwas Ähnlichem. Kleine Waggons mit Paketen drin, Frauen mit großen weißen Briefsäcken, Gitter, hinter denen Pakete standen. Dort wurde ich erst einmal doof angeschaut und ich schaute sicherlich ebenso verwundert.
Nach einigen irritierten Sekunden kam dann aber die Frau, die im Keller verschwunden war, mit meinem beiden Zetteln in der Hand hinter einer Ecke hervor. Nachdem ich dann zwei Zettel mit meiner Pass-Nummer, meiner hiesigen Adresse und der ausstellenden Behörde des Passes (Feststellung: Ausweise mit lateinischer Beschriftung sind mit kyrillischen Formularen nicht vereinbar) beschriftet hatte, durfte ich noch 2,80 € für irgendwas dalassen und wurde dann in einen Raum geführt, in dem meine Pakete warteten.
Nun bin ich im Besitz von rumänischem Bier und auch eine Flasche Kölsch hat mich erreicht. Leider hat der ukrainische Zoll zugeschlagen und das original eingekochte Uedesheimer Büttgen-Mett wurde beschlagnahmt. Aber ich kann froh sein: Nicht selten werden Pakete einfach wieder nach Deutschland zurückgeschickt.

Dienstag, 18. Januar 2011

Eine kleine Reise durch Kiew

Ein paar Bilder aus der verschneiten ukrainischen Hauptstadt.

Das Höhlenkloster.


Der Dnjepr.

Auch Kiew hat einen Zirkus.

Rodeln.

Eines von tausenden von Ehrenmalen, diese Version sogar mit "ewigem Feuer".

Das Sophienkloster.


Die Hauptstraße von Kiew - der Chretschatik.

Freitag, 14. Januar 2011

Frohes Neues!

Der 14. Januar 2011 - nun ist auch nach ukrainisch-orthodoxem und russisch-orthodoxem Kalender hier das neue Jahr angebrochen. Allerdings wird das nicht so groß gefeiert wie der 1. Januar unseres Kalenders (also dem Gregorianischen), aber einen Neujahrsgruß kann man trotzdem loswerden. In diesem Sinne:
Frohes neues Jahr und alles Gute für die nächsten zwölf Monate!

Mittwoch, 12. Januar 2011

Krim, die zweite & Krim, die dritte


Oder: Oh wie schön ist Simferopol

Wenn der Zug schon so schnell fährt, dann muss man ihn auch nutzen. 500 km in fünf Stunden – das bedeutet Lichtgeschwindigkeit für die ukrainische Eisenbahn und getreu dieser Tatsache fuhr ich im November und Dezember ein zweites und ein drittes Mal auf die Krim. Simferopol war beide Male das Ziel dieser Reise.
Natürlich war nicht das Bahnfahren selber der Grund der Reise, sondern die Prüfungen zum deutschen Sprachdiplom. An der „Schule 24“ in Simferopol, ebenso wie die Schule in Saporoschje mit vertieftem Deutschunterricht, fanden im Dezember die zentralen Prüfungen statt. Mit dieser Prüfung können die Schüler in der elften Klasse (und damit der letzten in ukrainischen Schulen) das „Deutsche Sprachdiplom“ erwerben, was sie dazu berechtigt, an deutschen Universitäten zu studieren. Für diese Prüfung gab es dann auch noch eine Vorkonferenz im November – die beiden Gründe für die Reise also. Dafür gab es für mich dann in Saporoschje schulfrei und eine Möglichkeit, die Hauptstadt der Krim zu besuchen.
Lohnt sich das Ganze? Temperaturtechnisch ja, ansonsten eher minder. Da die Krim auf einer Breite mit Genua liegt, sind die Temperaturen hier ganzjährig höher als in der restlichen Ukraine. Während Deutschland Anfang Dezember schon im Schneechaos versank, luden die fast 20 Grad in Simferopol zum Flanieren ohne Jacke ein. Leider liegt Simferopol mitten auf der Halbinsel Krim, das Schwarze Meer ist also weit weg. Rein theoretisch lassen sich aber alle anderen bekannten Städte auf der Krim gut von hier aus erreichen – verkehrsgünstige Lage also. Deshalb ist Simferopol nicht nur die Hauptstadt, sondern auch die Marschrutka-Hauptstadt der Krim, wenn nicht sogar der ganzen Ukraine. In der Innenstadt drängen sich dicht an dicht die gelben Kleinbusse, die nicht nur die innerstädtischen Linien bedienen, sondern auch nach Jalta, Jewpatoria, Sewastopol, Kertsch usw. fahren.
Außerdem gibt es in Simferopol noch zwei Dinge, die einen Titel tragen, den sie eigentlich nicht tragen dürften. Denn Simferopol verfügt zum einen über eine Fußgängerzone in der Innenstadt. Eine Fußgängerzone, die keine ist. Denn sie ist für Autos freigegeben und hier herrscht das Recht des Stärkeren. Wer nicht schnell genug zur Seite springt, dem wird gezeigt, wer mehr Pferdestärken hat. Zum anderen gibt es den Fluss Salgir. Ein Fluss, der keiner ist. Der Salgir dümpelt und mufft vor sich hin, hat zwar eine schöne Promenade auf der einen Seite, die wird aber von Müll gesäumt. Wo sollte das Wasser auch herkommen? Simferopol liegt schließlich mitten in der Steppe und wird deshalb von den Einwohnern auch „Simferopil“ genannt – „pil“ ist russisch und bedeutet „Staub“.

Sonntag, 9. Januar 2011

Das Domofon

Oder: Wie komm ich ins Haus?


Lenin und die Flagge der kommunistischen Partei der Ukraine im Zentrum Kiews.

Nach der Weihnachtspause melden „wir“ uns nun wieder zurück von der Ost-Seite des europäischen Kontinents. Nach zwei Wochen in heimatlichen Gefilden wird es nun noch etwas mehr als zwei Monate Berichte, Anekdoten und Lebensweisheiten aus der Ukraine geben. Und da es hier genauso weitergeht, wie es aufgehört hat, folgt nun mein Rückreisebericht.

"Ja!" auf österreichisch-ukrainisch.

Von Düsseldorf nach Kiew kutschierte mich die Lufthansa. Gegen Mittag in Kiew gelandet, musste noch die Restzeit bis zur Zugabfahrt am Abend überbrückt werden. Zeit also, um die in Neuss vergessene Mütze zu ersetzen und sich ein wenig umzuschauen bei knackigen zehn Grad unter Null. Nach zwei Wochen „Ukraine-Pause“ fällt direkt auf, dass Straßen- und U-Bahnen deutlich voller sind als in Deutschland. Und dass es hier nicht verpönt ist, auf offener Straße durch den Mund oder durch die Nase zu rotzen. Zwar machen das eigentlich nur Männer, aber auch Frauen wurden schon bei dieser Tätigkeit beobachtet. Ich möchte nicht wissen, wie oft diese Körper-Extrakte schon zu nah an mir vorbeigegangen sind.

Der Zug nach Saporoschje, fast 20 Waggons. Ukrainische Züge bestechen vor allem durch Länge, nicht durch Technik.
Abends ging dann mein Zug nach Saporoschje. Am nächsten Morgen ging es dann vom Bahnhof bis zu mir mit der Straßenbahn weiter, da die Marschrutka für einen großen Koffer und einen großen Rucksack zu klein ist. Ich erwischte dann sogar die modernste Straßenbahn der ganzen Stadt – ausgerüstet mit elektronischen Haltestellenanzeigen. Da man sonst in der Straßenbahn nie versteht, was von der Fahrerin oder dem Fahrer durchgesagt wird (ein vermutlich globales Phänomen), ergab sich erst jetzt die Absurdität der Haltestellen-Benennung. Beispielsweise werden in Brüssel bei den Haltestellenbenennungen die Bezeichnungen „Platz“, „Straße“ usw. weggelassen. Man kann dort also bei „Schuman“, „Luxembourg“ oder „Churchill“ aussteigen. Es bleibt offen, nach wem die Haltestelle „Meiser“ in Brüssel benannt ist. In der Ukraine wird dieses System ebenso gehandhabt, das LED-Laufband in der Straßenbahn bot mir also an, bei den „Helden von Stalingrad“ oder bei „Puschkin“ auszusteigen. Ich verließ dann aber erst „in“ der „Ukraine“ die Tram, denn diese Haltestelle ist nach dem Kaufhaus „Ukraine“ benannt, das bei mir um die Ecke steht.
Bis dahin verlief also alles nach Plan.
Leider versagte meine Glückssträhne genau zwölf Höhenmeter vor meiner Wohnungstür. In den vergangenen zwei Wochen hatte man die Haustür mit einem sogenannten Domofon versehen („dom“ ist russisch für „Haus“). Das Domofon ist in der Ukraine das gängigste Mittel, um Türen von Mehrfamilienhäusern zu verschließen. An der Tür befindet sich eine Zahlentastatur, über die man die Wohnungsnummer anwählen kann und dort klingelt. Es ist mit einer Gegensprechanlage ausgerüstet und wenn man seinen Transponder an das Domofon hält, geht der Türsummer. Da ich aber weder im Besitz eines Transponders noch eines geeigneten Türcodes gewesen bin, stand ich am frühen Samstagmorgen vor der Haustür. Trotz meiner wenige grandiosen Russischkenntnisse erbarmte sich dann irgendwann ein Nachbar, mir über die Gegensprechanlage die Tür zu öffnen. Ein Transponder ist dann auch erst in einigen Tagen in Sichtweite, denn am Wochenende erhält man so was nicht, erst recht nicht, wenn am Freitag vor dem Wochenende Weihnachten gewesen ist. Ich bin nämlich pünktlich zum orthodoxen Weihnachtsfest wieder zurück gewesen. Irgendwer hat hier also ein Domofon verschenkt, mir aber keinen Transponder – na denn, frohes Fest!

Milka-Weihnachtsbaum in Kiew. Vielleicht einer der hässlichsten Weihnachtsbäume, die ich bisher in meinem Leben gesehen habe.