Oder: Wie man viel Zeit auf der Botschaft verbringen kann
Remagen-Oberwinter. Der Ort, an dem die „Außenstelle der Botschaft der Ukraine in Bonn“ zu finden ist. Im beginnenden Siebengebirge und idyllisch am Rhein gelegen, ist die Welt hier noch in Ordnung. Tante Emma hat hier noch ihren Laden, man wird auf der Straße von fremden Menschen gegrüßt. Sogar die Post hat hier noch eine eigene Filiale (die so aussieht, wie die „alte“ Uedesheimer Post, nur ohne Frau Müller).
Mit Bus und Bahn dauert die Anfahrt aus Neuss knapp anderthalb Stunden. Wenn man den Bahnhof verlässt, wartet allerdings ein harter Anstieg auf den Besucher des ukrainischen Konsulats. Dies liegt nämlich am „Rheinhöhenweg“, der nicht umsonst das Bestandteil „Höhe“ in seinem Namen trägt.
Meinen ersten Besuch statte ich dem Konsulat ab, um den Antrag für mein Visum abzugeben. Im Vorraum des Konsulats warten schon 15 Personen, obwohl (oder gerade weil?) diese erst seit 20 Minuten geöffnet hat. Mir geht nicht auf, ob es ein Warte-System gibt; ich stelle mich deshalb mit dazu und versuche mir zu merken, wer alles schon vor mir da gewesen ist. Die beiden geöffneten Schalter bearbeiten allerdings nicht sehr schnell – und ich bekomme erste Sorge, dass ich meinen Antrag hier heute vielleicht nicht mehr während der Öffnungszeiten abgeben kann. Außerdem kommen immer mehr Menschen in den Vorraum (größtenteils Ukrainer wegen Pass-Angelegenheiten), gehen nach vorne und dann wieder raus. Erst nach 20 Minuten merke ich, dass es eine Liste gibt, in die man sich eintragen muss. Da hier alles auf ukrainisch oder russisch läuft, habe ich das natürlich nicht mitbekommen... Das Prozedere wird übrigens nicht dadurch schneller, dass auf einmal ein Mann aus einem Reisebüro mit einem Stapel Reisepässen vorbeikommt und sich vordrängelt. Alle Proteste der restlichen Wartendenden mit Verweis auf die Warteliste nützen nicht, denn er kennt anscheinend einen Mitarbeiter und wir "bevorzugt behandelt". Eine 20-Minuten-Gesprächs-Pause von zwei der drei Mitarbeitern der Botschaft vor der Tür verlangsamt der Verfahren ebenfalls deutlich. Aber man hat ja freundlicherweise schon knapp vier Stunden am Tag geöffnet, da kann man sich auch eine lange Pause gönnen.
Mein Listenplatz würde mir in der Uni nicht annähernd eine Chance auf einen Nachrückerplatz im Seminar geben – und hier müssen die ganzen anderen Leute auch noch vorher abgefertigt werden. Ich bin froh, dass ich ein Buch mithabe und die Wartezeit lesend verbringen kann. Nach einer halben Ewigkeit ist nämlich der erste Schalter, der für Visa-Angelegenheiten zuständig ist, auch für mich frei. Allerdings braucht der Sachbearbeiter für Visa noch „einen Moment“, bis er kommt – somit stehe ich nochmal 15 Minuten direkt vorm Schalter. Die Kontrolle meines Antrags dauert dann zwei Minuten, schließlich noch der Hinweis, dass die Bearbeitung sechs Arbeitstage in Anspruch nimmt und 159 € kostet. Nach drei Stunden im Konsulat, nur um einen Antrag abzugeben, mache ich mich dann auf den Heimweg. Im Zug fällt mir ein, dass ich vergessen habe, auf der letzten der vier Seiten den Antrag zu unterschreiben.
Mein zweiter Besuch findet dann statt, um mein Visum abzuholen. Am Freitag, den Dreizehnten, geht es wieder mit der Bahn in Richtung Oberwinter. Dieses Mal bin ich allerdings „nur“ anderthalb Stunden in der Botschaft, denn ich trage mich direkt auf die Liste ein und heute geht auch alles ein wenig schneller voran. Am längsten dauert tatsächlich das Abholen des Visums. Dass ich meine Unterschrift vergessen habe, scheint niemandem aufgefallen zu sein. Vermutlich hat den Antrag aber zwischendurch niemand bearbeitet. „Einen Moment“, bekomme ich gesagt, als der Sachbearbeiter mein Visum holen möchte. 15 Minuten später erscheint er mit meinem Reisepass inklusive Visum. Ob das Visum frisch eingeklebt ist, bleibt reine Spekulation.
Ich bin jedenfalls froh, dass ich „das Ding“ nun in der Hand halte und dem Weg in Richtung Ukraine nichts mehr im Weg steht. Und das Ganze ohne eine Unterschrift.
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