Einleitung

Alle Neuigkeiten, Informationen, Non-Sense und Reiseberichte aus der Ukraine, damit auch der "ferne" Westen auf dem Laufenden ist, was dem Kai in der Ukraine so alles passiert. Ich freue mich natürlich über Wortmeldungen, Lebenszeichen, Infomeldungen oder Anmerkungen von euch - per Email/ Skype/ Kommentarfunktion etc.

Dienstag, 23. November 2010

Kärc-Her

Oder: Interkulturelle Kommunikation


Nicht nur 12 Stunden Unterricht in der Woche sind meine Aufgabe hier in Saporoschje - auch die Durchführung eines selbstgewählten Projektes. Ich habe mich für ein Fotoprojekt entschieden - und führe dies zurzeit mit einigen SchülerInnen der zehnten Klasse durch. In diesem Auftrag war ich mit einigen der Schüler in Saporoschje unterwegs, um zu fotografieren. Dabei lief mir folgendes Motiv über den Weg:


Ich musste herzlich lachen, als ich gegenüber des Lenin-Denkmals dieses Geschäft sah, ist der "Kärcher" doch die Inkarnation von deutscher Qualitätsarbeit, Männlichkeit, Kraft, Präzision und tausend anderer toller Eigenschaften. Meine Schüler konnten natürlich überhaupt nicht verstehen, warum ich schmunzeln musste. Aber allein die Tatsache, dass man 2.700 km gen Osten fährt, um in der Saporoschjer Innenstadt das Kärcher-Geschäft zu finden, ließ sie mein Lachen verstehen.
Ein paar Meter weiter, an der Häuserecke vorbei, mussten dann allerdings meine Schüler herzlich lachen. Warum? Ich dachte natürlich: "Ha, da fehlen ein paar Buchstaben."


Der Gag an der ganzen Sache war aber nicht dieser. Im Russischen gibt es kein "h". Deswegen wird der Hamburger hier bei McDonalds auch "Gamburger" genannt. Neben dem "g" gibt es aber auch die Möglichkeit, das "h" des lateinischen Alphabets als "ch" (wie in "krachen") auszusprechen. Und dann bekommen die drei Buchstaben "her" eine ganz neue Bedeutung. Ein Vulgärwort für das männliche Glied in der russischen Sprache lautet nämlich genau so. Meine Schüler freuten sich also nur indirekt über die fehlenden Buchstaben.
Und wenn wir schonmal beim Thema sind: Ein weiteres Vulgärwort mit derselben Bedeutung gibt es im Russischen auch noch, nämlich "hui". Das wird genauso ausgesprochen, wie wenn man im Deutschen eine schnelle Bewegung vertont. Folgende Geschichte stammt aus erster Hand: Der deutsche Vater, der auf einem Spielplatz in Russland mit seinem Kind spielte und beim Schaukeln genau dieses Wort bei jedem Anschubsen sagte, sorgte für großes Entsetzen und einem Beinahe-Polizeianruf bei den anderen Familien, die ebenfalls auf diesem Spielplatz saßen. Irgendwann kam seine (russische) Frau, bemerkte den Schlamassel und machte sich mit Mann und Kind schnell auf den Weg nach Hause.

Samstag, 20. November 2010

Ohne Strom


Oder: 2,30 € haben oder nicht haben


Donnerstag, 18. November 2010, 0:56 Uhr: Ich erreiche nach meiner zweitägigen Dienstreise nach Simferopol die heimischen Gefilde. Ich freue mich auf mein Bett und muss am nächsten Morgen früh raus, schließlich muss noch Unterricht vorbereitet werden. Ich betrete meine Wohnung, die erste Bewegung geht zum Lichtschalter, denn es ist zappenduster. Leider bleibt es auch zappenduster: Es gibt keine Strom.
Meine Hoffnung, dass das nur zeitweilig ist, wurde dadurch getrübt, dass im Treppenhaus das Licht funktionierte und eine Zahlungserinnerung an der Tür steckte. Höhe der ausstehenden Beträge: 23,06 UAH. Das entspricht 2,30 €. Diese Zahlungen erledigt allerdings meine Vermieterin, ich war mir deshalb keiner Schuld bewusst. Glück im Unglück: Aufgrund der Zeitverschiebung von nur einer Stunde und der ziemlich östlichen Lage in der Ukraine geht hier die Sonne schon um 6 Uhr auf, aber leider auch schon um 16 Uhr unter. Morgens konnte ich also (fast) alles wie gewohnt erledigen, aber als ich aus der Schule zurück war, musste das Kerzenlicht herhalten. Gelernt habe ich auch, dass ein Gasherd nicht nur insgesamt besser ist, sondern auch funktioniert, wenn kein Strom da ist.
Am nächsten Morgen in der Schule führte mein erster Gang also zu meiner Mentorin, die sich auch um die Mietsache kümmert. Ein Telefonat mit der Vermieterin brachte die Erkenntnis, dass sie alles bezahlt hat, sich aber darum kümmert. Geklärt werden konnte auch, warum ich eine Telefonrechnung bekomme, obwohl es in der Wohnung kein Telefon gibt. In der Zwischenzeit ein Gespräch mit einer Kollegin:

Sie: „Ich hab schon mit meinem Mann telefoniert, er hat gesagt, er könnte dir helfen, er muss aber heute zwei Schichten arbeiten.“
Ich, verwirrt: „Und was soll er machen? Den Strom von den Nachbarn anzapfen?“
Sie: „Ja, natürlich. Das hat er bei uns auch schon gemacht.“
Ich, noch verwirrter: „Wie?“
Sie: „Ja, wir hatten auch alle Rechnungen bezahlt, aber sie haben uns den Strom abgestellt. Das passiert ab und zu mal. Er ist ja nicht umsonst Elektro-Ingenieur.“

Der Strom war dann am Freitag wieder da, ihr Mann musste also nicht zum Einsatz kommen. Und wieder ein Kapitel „So ist die Ukraine“. Und die Erkenntnis, dass es gut war, auf den Tipp zu hören, eine Taschenlampe mitzunehmen.

Montag, 15. November 2010

Alexandria


Oder: Wir können Gastfreundschaft



Eine Reise nach Alexandria: Wer denkt dabei nicht an Ägypten, Meer, Antike und große Geschichte? Aber falsch gedacht: Alexandria ist nicht gleich Alexandria. Alexandria in Ägypten unterscheidet sich von Alexandria in der Ukraine – und natürlich erst einmal durch die Aussprache. Während das aus der römischen Geschichte bekannte Örtchen auf dem ersten „a“ betont wird, liegt diese Betonung im Ukrainischen auf dem „i“, also ganz am Ende des Wortes. Natürlich ist das nicht der einzige Unterschied – aber dazu später mehr.
Warum eigentlich nach Alexandria? Auch in Alexandria gibt es eine Schule mit deutschem Schwerpunkt. Die Schüler der 11. Klasse dort bereiten sich gerade auf eine wichtige Deutsch-Prüfung vor, mit der sie ihr Sprachniveau zertifizieren können und das ihnen die Möglichkeit gibt, an deutschen Universitäten zu studieren. An der Schule unterrichtet aber kein deutscher Muttersprachler und so wurde ich gebeten, einige Tage mit diesen Schülern intensiv mündliche Kommunikation zu üben. Um ein bisschen die Ukraine zu bereisen und auch andere Schulen kennenzulernen, kam ich dieser Bitte gerne nach.

In Alexandria wachsen die Straßenlaternen aus den Häusern. Keine optische Täuschung!

Sonntagabends reiste ich also – mal wieder – mit der Bahn aus Saporoschje in den Norden. An das Bahnfahren hat man sich mittlerweile gewöhnt, aber einige Dinge sind dann doch immer wieder überraschend und erlebnisreich. Auf der Hinfahrt wurde ich nämlich gleich von drei schnarchenden Frauen beschallt, im Hintergrund lief das vergessene Handy des Schaffners. Außerdem wundere ich mich immer wieder, wieviel Gepäck man mit sich führen kann. An einigen Stationen steigen Personen ein, die von der ganzen Familie in den Zug begleitet werden, zweimal rein und raus laufen und jedes Mal eine neue Tasche dabei haben. Tatsächlich habe ich schon erlebt, das eine einzelne Frau mit über fünfzehn großen Taschen im Zug saß. Dimensionen sprengt auch der Reiseproviant: Auf der Rückfahrt saß ein Rentner-Ehepaar in meinem Abteil. Sie hatten eine ganze Reisetasche mit Verpflegung dabei, unter anderem auch zwei ganze Töpfe mit allen möglichen ukrainischen Speisen.
In Alexandria wurde ich dann von meiner Gastfamilie am Bahnhof abgeholt. Die Gastfamilie entsprach übrigens dem ukrainischen Klischee: Zur Familie gehören Mutter und Tochter, es gibt keinen Mann im Haus. Ebenfalls typisch ukrainisch: Die Tochter ist 21 Jahre alt und arbeitet schon als Lehrerin in der Schule. Und um den ukrainischen Prototyp vollends zu erfüllen, arbeitet natürlich auch ihre Mutter in der Schule. Um beim Prototyp zu bleiben: In der Ukraine steht Gastfreundschaft auf der Prioritätenliste ganz oben. Sehr wichtig ist, dass der Gast satt ist. So hatte ich die Ehre, fünf Mahlzeiten am Tag einzunehmen. Und in den Pausen zwischen den Mahlzeiten gab es eigentlich immer Tee und Kekse. Meine Gastmutter hatte ein wundervolles Repertoire ukrainischen Speisen zu bieten, von Cirniki (gebratener Quark) über Borsch bis hin zu Pelmeni (gefüllte Teigtaschen). Und ebenfalls typisch ukrainisch: Zum Frühstück kann man durchaus Kohl-Rouladen essen. Gewöhnungsbedürftig. Lecker war es aber – ich habe den bisher besten Borsch in der Ukraine gegessen, musste aber höflich den obligatorischen Speck ablehnen (ja, da war er wieder).

Die Lehrerkantine.
Nicht nur bei der Gastfamilie, sondern auch in der Schule gab es Essen. Dabei kann die Schule in Alexandria, das „Alexandrier Kollegium“, eine wirkliche Besonderheiten aufbieten: Es gibt eine eigene Kantine nur für die Lehrer. Angeschlossen an die normale Schulkantine gibt es einen Raum, in dem gedeckte Tisch bereitstehen und man anhand der Menükarte sein Essen bestellen kann. Für die Schüler ist das eine absolute Tabu-Zone; dieser Raum hat antiquarischen Charme, ich hätte anhand des Mobiliars und der Tapete auf die 70er Jahre getippt, lag damit aber falsch, denn die Schule wurde erst Anfang der 1990er Jahre gebaut.
Die Schule hat insgesamt circa 1.400 Schüler, was für die 90.000 Einwohner zählende Stadt sehr groß ist. Überrascht hat mich, dass an der Schule strenge Disziplin herrscht. Der Direktor legt eben darauf sehr viel Wert – während an „meiner“ Schule in Saporoschje die Kleider-Disziplin eher lasch gehandhabt wird, kann man sich in Alexandria auf Ärger gefasst machen, wenn man als Junge nicht im Anzug und als Dame mit zu kurzem Rock oder zu heftiger Schminke in der Schule erscheint. Handys sind in der Schule gar nicht erlaubt – auch das für mich neu, denn in Saporoschje kann sogar passieren, das auch die Lehrer im Unterricht telefonieren. Auf der letzten Lehrerkonferenz klingelten innerhalb von fünf Minuten drei Handys. Und wenn die Lehrer es schon nicht schaffen, klappt es bei den Schülern natürlich auch nicht. In Alexandria wird man dagegen sogar ermahnt, wenn man im Schulflur die Hände in den Hosentaschen hat. Das war auch für mich eine neue Erfahrung.

Super zehnte Klasse!
In den drei Tagen arbeitete ich zwei Tage lang mit den Schülerinnen und Schülern der 11. Klasse und am dritten Tag mit der 10., 9. und 8. Klasse. Neben der Schule stand auch eine Schaschlik-Party auf dem Programm – ein Pendant zum deutschen Grillen. Die Fleischstücke werden auf riesige Spieße gesteckt und dann über Feuer gegrillt. Außerdem wurde in einem großen Topf, auch über Feuer, „Kascha“ (Weizenbrei) zubereitet. Außerdem gab es einen kleinen Ausflug in das Umland von Alexandria. Wie die gesamte Ukraine ist das Land vor allem flach und es gibt Felder oder Steppe.
So monoton wie das Umland sah auch die Stadt aus. Natürlich heißt die Hauptstraße „Lenin Prospekt“, natürlich stehen an dieser Straße viele Plattenbauten, natürlich sind die Straßen breit und haben viele Löcher, natürlich liegt viel Müll in der Gegend rum. Typisch ukrainisch. Dazu, dass die Schule eine Partnerschule in Berlin hat, sagte der Direktor: „Wir können nicht viel bieten, außer unsere Gastfreundschaft.“ Er hat völlig recht – aber in Gastfreundschaft sind sie exzellent. 

 

Samstag, 13. November 2010

Wie der Weckmann in die Ukraine kam

Oder: St. Martin lässt grüßen


Die 8a beißt mit Hochgenuss zu - außerdem ist Essen viel besser als Lernen.


Der 11. November: Gleich zwei wichtige Daten für einen Rheinländer. Um 11.11 Uhr beginnt die neue Karneval-Saison und der heilige Martin hat seinen Namenstag. In der Ukraine feiert man eigentlich keines der beiden Feste – aber nur eigentlich.
Schließlich ist meine Aufgabe nicht nur die Vermittlung der deutschen Sprache, sondern auch der deutschen Kultur. Daher ließ ich mich nicht lumpen, meinen Schülern wenigstens eine der beiden Festivitäten näher zu bringen. Bis zum Höhepunkt des Karnevals, den ich noch in der Ukraine verbringen werde, ist es noch ein bisschen hin; deshalb war nicht der Hoppeditz, sondern Martin von Tours Thema in meinem Unterricht. Und was bespricht man dann? Martinsumzüge, Singen, Mantelteilung, Martinsfeuer und Laternen gehören zu St. Martin – und natürlich auch der Weckmann. Zumindest gehört der Weckmann im Rheinland zum Martinsfest. St. Martin ohne Weckmann ist wie Karneval ohne Kölsch oder Weihnachten ohne Tannenbaum.

Und auch der 5a schmeckts.

Und dank unserer Schulkantine konnte ich das diesjährige Martinsfest sogar mit einem Weckmann verbringen: Da das fleißige Team in der Kantine sowieso mit Hefeteig Pluschka, Bulotschka und Brot produziert, konnte ich mit ihnen absprechen, dem “deutschen” Vorbild nach auch Weckmänner zu produzieren. Das Wort Weckmann ist ihnen natürlich unbekannt – sie sprechen immer vom “tschjelawek”, das soviel wie “Mann” oder “Mensch”bedeutet. Lustigerweise lässt sich das wunderbar mit dem deutschen Namen verbinden – geboren ist der “Tschjela-Weck”.

Jarik findet den Weckmann auch super.

In der fünften und achten Klasse war die Begeisterung, einen echten Weckmann in der Hand zu halten, jedenfalls riesig. Und auch ich habe mich gefreut, in den Weckmann beißen zu können; er gehört zum Martinsfest wie das große Feuer am Rhein und das Singen an den Haustüren im Ort. Also ein wenig Entschädigung dafür, dass ich das alles in Deutschland verpasst habe.

Sonntag, 7. November 2010

Die Privat-Bank


 Oder: Kämmen in Deutschland

 
Bahntickets kaufen – eigentlich ein einfacher Vorgang, aber ohne tiefe Sprachkenntnisse nicht so einfach zu bewerkstelligen. Eine Kollegin war so nett, mich beim Kauf zu begleiten. Außerdem gibt es direkt neben der Schule die „Privat-Bank“ (das ist einfach aus dem kyrillischen transkribiert: Привать Баик), diese Bank ist eine Art Tante-Emma-Laden für Dienstleistungen. Nicht nur Bahntickets kann man kaufen, auch Flugtickets und natürlich kann man alles erledigen, was mit Geld zu tun hat. Nur wenige Ukrainer haben ein Konto, sondern holen sich ihren Lohn bei der Bank ab und zahlen Geld auch auf der Bank ein, wenn sie eine Rechnung begleichen wollen. Aus diesem Grund ist dort immer viel los.
Der Gang zur Bank gestaltete sich dieses Mal allerdings als kleines „Happening“: Schon einmal war ich dort gewesen, um die Bahntickets nach Odessa zu erwerben. Die Bank wird schon seit mehreren Wochen betreten, ohne die Tür zu öffnen. Die Scheibe fehlt nämlich und man geht einfach durch den Rahmen. Der Angestellte, der für die Bahntickets zuständig ist, fragte direkt beim ersten Mal dort, ob ich der deutsche Lehrer bin. Spricht sich halt schnell rum im Viertel, wenn einer Deutscher da ist... Dieses Mal wusste er auch sofort Bescheid, außerdem ist mein Vorname zwar kein typischer slawischer Name, aber alle Ukrainer kennen das Märchen „Kai und Gerda“ von Hans Christian Andersen. Ich bin nicht nur einmal gefragt worden, ob meine Schwester „Gerda“ heißt.
Der Pluspunkt beim Ticketkauf in der Bank: Man bekommt einen Beleg und kann das Ticket am Bahnhof am umgangssprachlich „VIP-Kasse“ genannten Schalter abholen und nicht lange warten. Dieses Mal funktionierte in der Bank aber angeblich das Internet nicht schnell, außerdem war es brechend voll, gefühlte tausend Leute wurden zwischendurch auch noch bedient. Somit saßen wir fast eine Stunde dort, um drei Tickets zu kaufen. Aber es wurde nicht langweilig, denn die Privat-Bank entpuppte sich als Schmelztiegel des Viertels – das übrigens den Namen „Pawlo-Kitschkass“ trägt:
Zunächst kam eine ehemalige Schülerin, die die Kollegin noch kannte. Sie holte sich ihr Stipendium bei der Bank ab. Aus unerfindlichen Gründen musste sie dafür eine Gebühr bezahlen – Kommentar des Bankangestellten dazu: „Bestimmt, weil sie Deutsch studiert.“ Natürlich wusste die ehemalige Schülerin auch, wer ich bin, obwohl ich sie nie gesehen habe. Zu guter Letzt reihte sich dann auch noch eine der Frauen, die an der Schule an der Eingangstür sitzen, in die illustre Runde auf der Privatbank ein. Die Eingangs-Tür-Damen erkennen mich mittlerweile auch. Nachdem ich in den ersten drei Wochen mehrfach fast wieder aus der Schule geschmissen worden wäre, bekomme ich meinen Raumschlüssel nun immer freundlich in die Hand gedrückt. Am selben Morgen hatten zwei der Damen noch versucht, mit mir zu kommunizieren. Ich hatte allerdings nichts verstanden, meine Kollegin wurde nun in der Bank aufgeklärt. Zuerst hatte ich morgens angenommen, dass es um meine Locken gegangen wäre, was ich aus den Gesten der beiden schloss. Von wegen: Meine Kollegin wurde nun gefragt, ob sich in Deutschland eigentlich alle Männer nicht kämmen würden.
Meines und das Haar der Deutschen beschäftigt also die Damen am Schuleingang. Ich hoffe, dass ich in Saporoschje nun kein falsches Deutschlandbild vermittele. Wer mich kennt, weiß, dass meine Haare durchaus wild „liegen“, aber ich möchte feststellen: Natürlich benutze ich einen Kamm. Und 99 % aller Deutschen vermutlich auch.

Dienstag, 2. November 2010

Eine kleine Reise durch Saporoschje

Lenin-Prospekt.

Hotel Intourist.

Festivalna-Platz - Regionalverwaltung.

Industrie-Panorama.

Bushaltestelle auf der "Straße der Sieges".

Typisches Wohnhaus.

Der Zirkus - ein Hauch von Niemeyer.

Das "Theater des jungen Zuschauers".

Die Krim

Oder: Blauer Himmel, blaues Meer



Jalta.



Herbstferien – ein Grund, um flügge zu werden. Nachdem ich mich nun schon einige Wochen im harten Alltagsleben befunden habe, waren die Schulferien ein triftiger Anlass, um die Ukraine zu erkunden und Saporoschje für einige Tage zu verlassen. Da sich sowohl eine Kollegin als auch ein Kollege auf der Krim angeboten hatten mich aufzunehmen, war das Ziel schnell auserkoren. Von Saporoschje ging es mit dem Zug in nur fünf Stunden – was für die Ukraine eine Zugverbindung nahe der Lichtgeschwindigkeit bedeutet – die knapp 500 km nach Simferopol gen Süden. Simferopol ist die Hauptstadt der Krim, knapp 350.000 wohnen hier im Zentrum der Halbinsel inmitten der Steppe. Die Landschaft rund um Simferopol hat wenig zu bieten, aber man gelangt schnell ins Gebirge und auch ans Meer. In Jalta beispielsweise werden diese begehrten Urlaubskomponenten sogar miteinander verbunden. Es gibt eine tolle Uferpromenade, blaues Meer vor hohen Bergen und das obligatorische Lenin-Denkmal (gerahmt von Palmen!) wird von McDonalds geleitet. Mein erstes Mal McDonalds in der Ukraine war dann auch fällig: Es schmeckt haargenau wie in Deutschland, der BigMäc-Index gibt aber einen deutlich besseren Preis an: 2,80 € für ein Maxi-Menü.

Unten links Onkel Lenin, oben rechts Tante M.

Nun war ich nicht auf die Krim gereist, um McDonalds zu essen – denn es gibt viel mehr hier. Die Krim ist schon lange ein Siedlungspunkt gewesen und viele Städte hier sind deutlich mehr als 2000 Jahre alt. Unter anderem gibt es hier kulturelle Spuren der Taurier, Römer, Byzantiner, Goten, Hunnen, Chasaren, Italiener, Deutschen, Skythen, Griechen, Russen und Tataren. Außerdem ist die Krim im zweiten Weltkrieg heißbegehrt gewesen, Hitler wollte sogar ein Autobahn von Berlin bis dieser Halbinsel bauen. Dementsprechend grausam waren die deutsch-sowjetischen Kämpfe um die wichtigen Städte hier – und heute ist die Krim für den russischen Flottenstützpunkt in Sewastopol bekannt, für den sich vor einigen Monaten noch im ukrainischen Parlament geprügelt worden ist. Die Krim ist also kulturell heterogen und bietet schon allein kulinarisch einige (mir bis dahin) unbekannte Dinge – ich war tatarisch, ukrainisch und sogar karaimisch essen. Die Krimtataren sind eine muslimische Bevölkerungsgruppe, die Karaimen eine jüdisch-türkische (sic!) Gemeinschaft. Und auch die Russen haben die Krim geprägt, die Zarenfamilie erbaute eine Sommerresidenz in Jalta, der Liwadia-Palast. Dort fand im Februar 1945 die Jalta-Konferenz statt. Hört sich spektakulär an, ist es aber nicht unbedingt. Zwar steht noch der runde Tisch, an dem Stalin, Churchill und Roosevelt Platz genommen haben, von damals im Palast, der Rest ist aber eher eine Touristen-Falle.

Blick von Liwadia.

Dafür ist das Meer traumhaft – egal, ob in Jalta, Sewastopol oder Jewpatoria. Das Schwarze Meer müsste eigentlich Blaues Meer heißen. Die komplette Woche hatte ich Sonnenschein pur bei blauem Himmel, blauem Wasser, Strand und sogar Palmen – allerdings bei nur 10°, der Herbst geht bald in den Winter über.

Sewastopol.

Moschee in Jewpatoria.

Granatäpfel auf dem Markt.

Honig auf dem Markt.