Das klassische Thema der Geographie: Die Stadt. Nordamerikanische Stadt, orientalische Stadt, lateinamerikanische Stadt, römische Stadt - und natürlich: Die sowjetische Stadt. Was mir bisher nur aus der Theorie bekannt war, ist nun meine Heimat für sechs Monate. Saporoschje ist ein Prachtbeispiel für die sowjetische Stadt; das ist Teil 1 einer Zeitreise, denn die Stadt hat auch schon vor 20 Jahren so ausgesehen, als der Sozialismus noch real existierte.
Der Lenin-Prospekt am Abend.Ich wohne in einer Ein-Zimmer-Wohnung im Zentrum des neuen Teils der Stadt. Die Straße, auf der ich wohne, heißt „40 Jahre der sowjetischen Ukraine“. Sie ist eine Parallelstraße der wichtigsten Straße in Saporoschje, dem Lenin-Prospekt. Dieser zieht sich vom Dnjepr bis in den alten Teil der Stadt und ist mit 14 km die längste Allee der Welt. Den neuen Teil der Stadt (der in den 70er Jahren entstand) erkennt kann man natürlich an seinen einheitlichen Plattenbauten und den vielen großen Plätzen mit Monumenten aller Art: für den Sieg, für „40 Jahre des Sieges“, für Puschkin, für Lenin, und auch Stalin hat hier vor kurzem wieder ein Denkmal bekommen. Also, herzlich willkommen in der (ehemaligen) Sowjetunion.
Der Blick auf das Industriegebiet von der Neustadt aus. Mitten im Zentrum gibt es eine Schneise für die Eisenbahn und die Hochspannungsleitungen.
Ein Wurst-Trolley-Bus.Außerdem gibt es in Saporoschje das allererste Wasserkraftwerk der Sowjetunion, errichtet in den 1930er Jahren. Es staut den Dnjepr (der der drittgrößte Fluss Europas ist) kurz vor dem wichtigsten Erholungsgebiet der Stadt, der Insel Kortiza. Sie ist knapp 10 km lang und (abgesehen von den über sie verlaufenden Hochspannungsleitungen) tatsächlich ein sehr schönes Naturgebiet. Diese Insel ist außerdem eines der wichtigsten Nationalsymbole der Ukraine, denn auf dieser Insel haben sich die Kosaken begründet. Die Insel lädt zum Schwimmen, Wandern und Ausruhen ein, es gibt steile Felsen und Sandstrände, zum Teil auch unberührte Natur.
Das Hotel "Intourist".Das Wasserkraftwerk funktioniert übrigens auch heute noch – auch wenn die Brücke über die Staumauer merklich wackelt und gerne Bodengitter fehlen, sodass man seinen Fuß auch 25 Meter tiefer abstellen könnte, wenn man nicht aufpasst. Das Wasserkraftwerk kommt dann bei der zweiten Zeitreise ins Spiel, denn es erzeugt vielen günstigen Strom für das Industriegebiet von Saporoschje. Die Stadt liegt in einem Halbkreis um ein riesiges Industriegebiet herum, in dem Stahl, Aluminium, Koks, Autos und vermutlich noch viele andere Dinge produziert werden. Produziert wird aber vor allem auch viel Rauch, Staub und Gestank. Über die Stadt legt sich je nach Windrichtung ein ordentlicher Schwefel-Geruch (55 faule Eier sind nichts dagegen; Grüße an dieser Stelle an Jonas C.’s Onkel), die „Skyline“ der Industrie qualmt in allen Abstufungen von weiß bis schwarz, auch rot ist dabei. Zwischendurch werden auch Gase abgefackelt, damit der Betrachter auch noch einige Pyro-Effekte mitbekommt. Man kommt nicht umhin, Assoziationen an das Ruhrgebiet loszuwerden. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass es vor 40 bis 50 Jahren dort genauso geraucht und gestunken hat. Es gibt kaum bis gar nicht Filter (dem Rauch nach zu urteilen) und es recken sich hunderte Schlote und Schornsteine in den Himmel. Im Kern des Industriegebietes gibt es eine Siedlung mit knapp 50.000 Einwohnern, vor allem Mitarbeitern der Industriebetriebe; hier steht meine Arbeitsstelle, die Schule Nr. 46.
Ein Teilstück des Lenin-Prospekts.Die Kontraste könnten also größer nicht sein: Industriegebiet, Sowjetarchitektur und tiefblaues Flusswasser. Bisher ist das Wetter aber super, 25° und Sonnenschein – da kann man über lokalen Schwefelgeruch hinwegriechen und den Strand am See oder am Fluss genießen oder Erkundungstouren durch die Neustadt machen und vielleicht das Café „Oberhausen“ oder „Politbüro“ ausprobieren. Nicht umsonst sind das Reminiszenzen an frühere und (vielleicht gar nicht so) andere Zeiten.
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