Oder: Wie ich 36 Stunden mit der Bahn fuhr
Die erste Etappe ist zurückgelegt: Um 10.00 Uhr komme ich am Sonntagmorgen in Odessa an. Losgegangen ist es allerdings schon am Freitagabend um 21.47 Uhr in Berlin. Dort bin ich in den (ja, es gibt ihn noch) D-Zug mit Kurswagen nach Odessa gestiegen. Zwischen Ankunft und Abfahrt liegen viele Stunden in einem kleinen Schlaf-Abteil eines ukrainischen Waggons.
In Berlin mache ich direkt nach dem Start Bekanntschaft mit meinen Abteilgenossen: Alex und Jürgen. Alex ist in Berlin lebender Russe und besucht seine Schwiegereltern in Odessa (und diesen Weg legt er für seine Schwiegereltern anscheinend sogar mehrmals im Jahr zurück), Jürgen kommt ebenfalls aus Berlin und besucht Kommilitonen aus seiner Studienzeit in Kiew. Unser Abteil besteht aus drei übereinander angeordneten Betten; da wir alle viel Gepäck dabei haben, bleibt nur noch ein schmaler Gang. Wenn man den Tisch hochklappt, kommt darunter ein Waschbecken zum Vorschein. Der Waggon scheint – der Beschriftung nach zu urteilen – alter sowjetischer Bestand zu sein und aus den 70er oder 80er Jahren zu stammen.
Ich habe das Vergnügen, ganz oben schlafen zu dürfen. Im „Bett“ bleibt dementsprechend wenig Bewegungsraum. Die Betten sind allerdings alle gleich eng. Die erste Nacht vergeht ziemlich unruhig, denn der Waggon wackelt unglaublich viel und wenn die Bahn schnell fährt, hat man das Gefühl, der Zug würde gleich aus den Gleisen springen. Da wir insgesamt aber mehr stehen als fahren, gibt es diese Momente eher selten. Erfreulicherweise schnarchen meine Abteil-Genossen nicht; die Notration Ohropax hätte aber (als Überbleibsel von der Ferienfahrt eine Woche zuvor; viele Grüße ans Jungen-Leiterzimmer) parat gestanden.
Am Samstagmorgen stehen wir an der polnisch-ukrainischen Grenze. Nach der Passkontrolle auf polnischer Seite geht es wenige Kilometer weiter in die Ukraine: Hier werden unsere Reisepässe eingesammelt; einer properen, blonden Grenzbeamtin muss ich leider verneinen, dass ich Waffen und Drogen mitführe. Danach fährt der Zug dann in eine Halle. In dieser Halle werden alle Waggons angehoben und die Räder ausgetauscht, denn in der Ukraine sind die Schienen breiter. Nachdem die Räder aus der einen Hallenseite hinausgeschoben worden sind, werden von der anderen die neuen hineingeschoben, während die Waggons weiter „aufgebockt“ bleiben; dann werden die Waggons wieder hinuntergelassen und die Räder festgemacht. Nach ungefähr einer Stunde geht es mit neuem Radwerk dann wieder an die Ausgangsposition Grenzbahnhof. Dort werden die Reisepässe – frisch gestempelt - dann wieder ausgeteilt. Übrigens sind auch die Bahntickets aller Mitreisenden bei der Abfahrt eingesammelt worden, man erhält sie kurz vorm Zielbahnhof zurück.
Nach der mehrstündigen Grenz-Prozedur fährt der Zug dann auch endlich weiter; nach ungefähr einer Stunden Fahrt hält er am Bahnhof in Kowel. Dort wird der Wagen nach Odessa dann abgekoppelt und wartet auf den Zug, an den er wieder angekoppelt wird. Das dauert ungefähr vier Stunden, in welcher der Waggon einige Male hin und her rangiert wird und letztendlich am Bahnhof in Kowel stehen bleibt. Leider bieten weder der Blick auf den Markt der Stadt noch die Aussicht im Rangierbahnhof adäquate Entschädigung für die planmäßige Wartezeit. Da Jürgen in Kowel aussteigt und Alex die Zeit nutzt, um sich die Füße zu vertreten, mache ich ein Nickerchen, denn schließlich wackelt der Wagen jetzt deutlich weniger als in der Nacht.
Als es dann weitergeht, verabschiedet sich Alex dann in das freigewordene Nachbarabteil, somit belege ich das Abteil diese Nacht allein. Die zweite Nacht im Zug wird deshalb auch deutlich besser, obwohl ich einige Male wach werde und das Gefühl nicht loswerde, dass mir die Radkränze gleich entgegenspringen oder der Zug neben und nicht auf den Gleisen fährt. Aber auch das deutliche Geschaukel von rechts nach links ist anscheinend ganz normal und irritiert niemanden hier, deshalb mache ich mir keine Sorgen.
Am nächsten Morgen nähert sich der Zug dann Odessa. Beim Aussteigen erwartet mich ein Platzregen vom Feinsten. Nach zwei Minuten auf dem Weg vom Gleis ins Bahnhofsgebäude bin ich klitschnass. Ironischerweise hat es hier anderthalb Monate lang bis heute nicht geregnet. Ich muss einige Zeit die Person suchen, die mich vom Bahnhof abholt, irgendwann entdecke ich dann aber das Schild mit meinem Namen darauf. Juan (kommt aus Kuba) fährt mich in seinem Lada zu meiner Gastfamilie, bei der ich nun zwei Wochen wohnen werde, bis es nach Saporoschje gehen wird.