Einleitung

Alle Neuigkeiten, Informationen, Non-Sense und Reiseberichte aus der Ukraine, damit auch der "ferne" Westen auf dem Laufenden ist, was dem Kai in der Ukraine so alles passiert. Ich freue mich natürlich über Wortmeldungen, Lebenszeichen, Infomeldungen oder Anmerkungen von euch - per Email/ Skype/ Kommentarfunktion etc.

Donnerstag, 27. Januar 2011

Ukrainisches Bier

Oder: Quantität ist nicht gleich Qualität

Der große Biertest - Teil 1: Man kaufe ein.
Alles, was ein Bier braucht – das wären in Deutschland nur die drei Reinheitsgebot-Zutaten Wasser, Hopfen und Malz. Dieses Gebot gilt in der Ukraine allerdings nicht. Erfreulich ist, dass diese Tatsache nichts an der Qualität und Auswahl der Biere hier ändert. Nach einer langen, intensiven und ausführlichen Testreihe können an dieser Stelle die besten Biere aus dem ukrainischen Supermarkt um die Ecke präsentiert werden.


Der große Biertest - Teil 2: Man bezahle.
Vorneweg: Die Bier-Auswahl eines durchschnittlichen ukrainischen Supermarktes lässt die Anzahl der verkauften Biersorten im 08/15-Rewe in Neuss (vorzugsweise Grimlinghausen, besticht vor allem durch reizende Verkäuferinnen) oder auch Münster schlecht aussehen. Die Fülle des Bierregals steht der Fülle des Wodkaregals hier in nichts nach. Für den deutschen Bierkäufer abschreckend: Das Bierangebot ist nicht nur an erwerbbaren Sorten breit, sondern auch an Abfüllbehältnissen. Zur Auswahl steht nicht nur die 0,5-Glasflasche, sondern auch die 1-Liter-Plastikflasche, die 2-Liter-Plastikflasche und die altbewährte 0,5-Alu-Dose. Aus dem ukrainischen Straßenbild ist vor allem die Plastikflasche nicht wegzudenken, da sich hier das Preis-Leistungsverhältnis dem landesweiten Durchschnittseinkommen am ehesten – aber nicht asymptotisch – anpasst. Für absolute Schnäppchenjäger und Bierbevorrater gibt es dann auch noch den 2-Liter-Plastikflaschen-Sechserträger zum Tieffliegerpreis. Dass Quantität aber keine kausalen Zusammenhang mit Qualität hat, weiß schon jedes Kind:
Der große Biertest - Teil 3: Man lasse das Bier in die Wampe hinein.
Bevor nun alle denken, ich hätte das alles alleine getrunken und wäre in der Ukraine zum Alkoholiker mutiert, die Entwarnung: Die Bierverköstigung fand mit sechs Personen stand!
Aus diesem Grund muss man sich natürlich selber von dem Können ukrainischer Bierbrauer überzeugen. Gesagt – getan. Und da alleine-Bier-trinken ja bekanntlich nicht nur dick, sondern auch doof macht, tut sich eine Verköstigung doch in Gemeinschaft am besten an. Dass die folgende Listung objektiven Kriterien natürlich schwer genügen kann, ist klar. Intersubjektivität ist hier das Schlagwort: Bier für Bier anhand dergleichen subjektiven Kriterien getestet ergibt nahezu Objektivität. Aber das Platon’sche Höhlengleichnis im Hinterkopf macht bewusst: Reine Objektivität existiert nicht, wir sind alle Opfer unseres Bierdurstes und unseres Bierdunstes. Wieviel erkenntnistheoretische Erleuchtungen unter dem Einfluss von Hopfen-Malz-Schorle entstanden sind, wäre sicherlich eine Untersuchung wert. Allen Epistemologen zum Trotz nun die „Top Fünf“, wie in sehenswerten Ranking-Shows deutscher Privatsender zum Spannungsaufbau in umgekehrter Reihenfolge präsentiert:

5. Platz: Alter Müller („старый мельник“) (russisch)
4. Platz: Baltika 3 („Балтика 3“) (russisch)
3. Platz: Goldenes Fässchen („Золотая бочка“) (russisch)
2. Platz: Baltika 7 („Балтика 7“) (russisch)
1. Platz: Etalon Weizenbier („Пшеничне Еталон“) (ukrainisch)

Zum Vergleich: Die Wodka-Abteilung im Supermarkt. Hier werde ich mich nicht durchprobieren... (Übrigens ist der Wodka auf der Palette in der Mitte ein Angebot: Der halbe Liter für 2 €.)

Freitag, 21. Januar 2011

Auf der Post


Oder: Auf der Suche nach dem verlorenen Paket

Das obere Paket war mal ein gerader, unbeschadeter Kopierpapier-Karton...

Wenn man schon ein Bahnticket nicht dort bekommt, wo man es erwartet – wie ist das dann eigentlich mit einem Paket, dass auf der Post wartet, weil man nicht da war, als es kam? Es ist jedenfalls nicht einfach, aber irgendwie und irgendwann funktioniert es...
Schon seit Dezember erwartete ich zwei Pakete – eins aus Deutschland, eins aus Rumänien. In der Schule bekam ich dann im neuen Jahr zwei Erinnerungs-Zettel in die Hand gedrückt, denn die Post war da, aber der Kai nicht. Ein Nachbar oder eine andere Person kann ein solches Paket übrigens nicht annehmen, denn die Abgabe erfolgt hier nur gegen Pass.
Dass das Paket bei der Poststelle direkt neben der Schule auf mich warten würde, wäre natürlich zu einfach gewesen. Nein, am „Lenin-Prospekt 6 b“ wartete es auf mich (also im Stadtzentrum). Da ich mich mit den Hausnummern nicht auskenne und nicht jedes Haus be-nummert ist, ging es erst zur Post am Lenin-Prospekt bei meiner Wohnung um die Ecke. Dort die Auskunft: „Nein, hier nicht. Aber rufen Sie doch einfach bei der Telefonnummer auf dem Zettel an.“ Die Zentral-Post – Variante 2 – ist auch nah an meiner Wohnung; der nächste Gang führte dorthin. Auskunft: „Nein, hier nicht. Da müssen Sie zur Post am Bahnhof.“ Der ist allerdings fast 10 km von meiner Wohnung entfernt, liegt allerdings immer noch am Lenin-Prospekt – denn der ist ja nicht umsonst die angeblich längste Allee Europas. Also ging es zum Bahnhof.
In der dortigen Postfiliale wirkte schon alles etwas zu klein – die passende Auskunft von der Frau am Schalter: „Nein, hier nicht.“ Den Rest verstand ich nur soweit, dass das Ziel aber direkt in der Nähe sein müsste, bei einem „Schlagbaum“ (das Wort gibt es tatsächlich im Russischen und bedeutet Schranke). Und dann ging alles ganz schnell: Eine große Tür zum Keller öffnete sich, eine zweite Frau kam heraus, nahm mir meine beiden Erinnerungszettelchen ab und eine dritte Frau schnappte mich am Arm und führte mich aus dem Laden und draußen um die Ecke. Dann stand ich auf dem Innenhof der Post-Anlieferung – ohne Zettel und ohne Ahnung. In einer dunklen Ecke des Hofes probierte ich dann eine Tür aus und stand in der Briefsortierung – oder irgendetwas Ähnlichem. Kleine Waggons mit Paketen drin, Frauen mit großen weißen Briefsäcken, Gitter, hinter denen Pakete standen. Dort wurde ich erst einmal doof angeschaut und ich schaute sicherlich ebenso verwundert.
Nach einigen irritierten Sekunden kam dann aber die Frau, die im Keller verschwunden war, mit meinem beiden Zetteln in der Hand hinter einer Ecke hervor. Nachdem ich dann zwei Zettel mit meiner Pass-Nummer, meiner hiesigen Adresse und der ausstellenden Behörde des Passes (Feststellung: Ausweise mit lateinischer Beschriftung sind mit kyrillischen Formularen nicht vereinbar) beschriftet hatte, durfte ich noch 2,80 € für irgendwas dalassen und wurde dann in einen Raum geführt, in dem meine Pakete warteten.
Nun bin ich im Besitz von rumänischem Bier und auch eine Flasche Kölsch hat mich erreicht. Leider hat der ukrainische Zoll zugeschlagen und das original eingekochte Uedesheimer Büttgen-Mett wurde beschlagnahmt. Aber ich kann froh sein: Nicht selten werden Pakete einfach wieder nach Deutschland zurückgeschickt.

Dienstag, 18. Januar 2011

Eine kleine Reise durch Kiew

Ein paar Bilder aus der verschneiten ukrainischen Hauptstadt.

Das Höhlenkloster.


Der Dnjepr.

Auch Kiew hat einen Zirkus.

Rodeln.

Eines von tausenden von Ehrenmalen, diese Version sogar mit "ewigem Feuer".

Das Sophienkloster.


Die Hauptstraße von Kiew - der Chretschatik.

Freitag, 14. Januar 2011

Frohes Neues!

Der 14. Januar 2011 - nun ist auch nach ukrainisch-orthodoxem und russisch-orthodoxem Kalender hier das neue Jahr angebrochen. Allerdings wird das nicht so groß gefeiert wie der 1. Januar unseres Kalenders (also dem Gregorianischen), aber einen Neujahrsgruß kann man trotzdem loswerden. In diesem Sinne:
Frohes neues Jahr und alles Gute für die nächsten zwölf Monate!

Mittwoch, 12. Januar 2011

Krim, die zweite & Krim, die dritte


Oder: Oh wie schön ist Simferopol

Wenn der Zug schon so schnell fährt, dann muss man ihn auch nutzen. 500 km in fünf Stunden – das bedeutet Lichtgeschwindigkeit für die ukrainische Eisenbahn und getreu dieser Tatsache fuhr ich im November und Dezember ein zweites und ein drittes Mal auf die Krim. Simferopol war beide Male das Ziel dieser Reise.
Natürlich war nicht das Bahnfahren selber der Grund der Reise, sondern die Prüfungen zum deutschen Sprachdiplom. An der „Schule 24“ in Simferopol, ebenso wie die Schule in Saporoschje mit vertieftem Deutschunterricht, fanden im Dezember die zentralen Prüfungen statt. Mit dieser Prüfung können die Schüler in der elften Klasse (und damit der letzten in ukrainischen Schulen) das „Deutsche Sprachdiplom“ erwerben, was sie dazu berechtigt, an deutschen Universitäten zu studieren. Für diese Prüfung gab es dann auch noch eine Vorkonferenz im November – die beiden Gründe für die Reise also. Dafür gab es für mich dann in Saporoschje schulfrei und eine Möglichkeit, die Hauptstadt der Krim zu besuchen.
Lohnt sich das Ganze? Temperaturtechnisch ja, ansonsten eher minder. Da die Krim auf einer Breite mit Genua liegt, sind die Temperaturen hier ganzjährig höher als in der restlichen Ukraine. Während Deutschland Anfang Dezember schon im Schneechaos versank, luden die fast 20 Grad in Simferopol zum Flanieren ohne Jacke ein. Leider liegt Simferopol mitten auf der Halbinsel Krim, das Schwarze Meer ist also weit weg. Rein theoretisch lassen sich aber alle anderen bekannten Städte auf der Krim gut von hier aus erreichen – verkehrsgünstige Lage also. Deshalb ist Simferopol nicht nur die Hauptstadt, sondern auch die Marschrutka-Hauptstadt der Krim, wenn nicht sogar der ganzen Ukraine. In der Innenstadt drängen sich dicht an dicht die gelben Kleinbusse, die nicht nur die innerstädtischen Linien bedienen, sondern auch nach Jalta, Jewpatoria, Sewastopol, Kertsch usw. fahren.
Außerdem gibt es in Simferopol noch zwei Dinge, die einen Titel tragen, den sie eigentlich nicht tragen dürften. Denn Simferopol verfügt zum einen über eine Fußgängerzone in der Innenstadt. Eine Fußgängerzone, die keine ist. Denn sie ist für Autos freigegeben und hier herrscht das Recht des Stärkeren. Wer nicht schnell genug zur Seite springt, dem wird gezeigt, wer mehr Pferdestärken hat. Zum anderen gibt es den Fluss Salgir. Ein Fluss, der keiner ist. Der Salgir dümpelt und mufft vor sich hin, hat zwar eine schöne Promenade auf der einen Seite, die wird aber von Müll gesäumt. Wo sollte das Wasser auch herkommen? Simferopol liegt schließlich mitten in der Steppe und wird deshalb von den Einwohnern auch „Simferopil“ genannt – „pil“ ist russisch und bedeutet „Staub“.

Sonntag, 9. Januar 2011

Das Domofon

Oder: Wie komm ich ins Haus?


Lenin und die Flagge der kommunistischen Partei der Ukraine im Zentrum Kiews.

Nach der Weihnachtspause melden „wir“ uns nun wieder zurück von der Ost-Seite des europäischen Kontinents. Nach zwei Wochen in heimatlichen Gefilden wird es nun noch etwas mehr als zwei Monate Berichte, Anekdoten und Lebensweisheiten aus der Ukraine geben. Und da es hier genauso weitergeht, wie es aufgehört hat, folgt nun mein Rückreisebericht.

"Ja!" auf österreichisch-ukrainisch.

Von Düsseldorf nach Kiew kutschierte mich die Lufthansa. Gegen Mittag in Kiew gelandet, musste noch die Restzeit bis zur Zugabfahrt am Abend überbrückt werden. Zeit also, um die in Neuss vergessene Mütze zu ersetzen und sich ein wenig umzuschauen bei knackigen zehn Grad unter Null. Nach zwei Wochen „Ukraine-Pause“ fällt direkt auf, dass Straßen- und U-Bahnen deutlich voller sind als in Deutschland. Und dass es hier nicht verpönt ist, auf offener Straße durch den Mund oder durch die Nase zu rotzen. Zwar machen das eigentlich nur Männer, aber auch Frauen wurden schon bei dieser Tätigkeit beobachtet. Ich möchte nicht wissen, wie oft diese Körper-Extrakte schon zu nah an mir vorbeigegangen sind.

Der Zug nach Saporoschje, fast 20 Waggons. Ukrainische Züge bestechen vor allem durch Länge, nicht durch Technik.
Abends ging dann mein Zug nach Saporoschje. Am nächsten Morgen ging es dann vom Bahnhof bis zu mir mit der Straßenbahn weiter, da die Marschrutka für einen großen Koffer und einen großen Rucksack zu klein ist. Ich erwischte dann sogar die modernste Straßenbahn der ganzen Stadt – ausgerüstet mit elektronischen Haltestellenanzeigen. Da man sonst in der Straßenbahn nie versteht, was von der Fahrerin oder dem Fahrer durchgesagt wird (ein vermutlich globales Phänomen), ergab sich erst jetzt die Absurdität der Haltestellen-Benennung. Beispielsweise werden in Brüssel bei den Haltestellenbenennungen die Bezeichnungen „Platz“, „Straße“ usw. weggelassen. Man kann dort also bei „Schuman“, „Luxembourg“ oder „Churchill“ aussteigen. Es bleibt offen, nach wem die Haltestelle „Meiser“ in Brüssel benannt ist. In der Ukraine wird dieses System ebenso gehandhabt, das LED-Laufband in der Straßenbahn bot mir also an, bei den „Helden von Stalingrad“ oder bei „Puschkin“ auszusteigen. Ich verließ dann aber erst „in“ der „Ukraine“ die Tram, denn diese Haltestelle ist nach dem Kaufhaus „Ukraine“ benannt, das bei mir um die Ecke steht.
Bis dahin verlief also alles nach Plan.
Leider versagte meine Glückssträhne genau zwölf Höhenmeter vor meiner Wohnungstür. In den vergangenen zwei Wochen hatte man die Haustür mit einem sogenannten Domofon versehen („dom“ ist russisch für „Haus“). Das Domofon ist in der Ukraine das gängigste Mittel, um Türen von Mehrfamilienhäusern zu verschließen. An der Tür befindet sich eine Zahlentastatur, über die man die Wohnungsnummer anwählen kann und dort klingelt. Es ist mit einer Gegensprechanlage ausgerüstet und wenn man seinen Transponder an das Domofon hält, geht der Türsummer. Da ich aber weder im Besitz eines Transponders noch eines geeigneten Türcodes gewesen bin, stand ich am frühen Samstagmorgen vor der Haustür. Trotz meiner wenige grandiosen Russischkenntnisse erbarmte sich dann irgendwann ein Nachbar, mir über die Gegensprechanlage die Tür zu öffnen. Ein Transponder ist dann auch erst in einigen Tagen in Sichtweite, denn am Wochenende erhält man so was nicht, erst recht nicht, wenn am Freitag vor dem Wochenende Weihnachten gewesen ist. Ich bin nämlich pünktlich zum orthodoxen Weihnachtsfest wieder zurück gewesen. Irgendwer hat hier also ein Domofon verschenkt, mir aber keinen Transponder – na denn, frohes Fest!

Milka-Weihnachtsbaum in Kiew. Vielleicht einer der hässlichsten Weihnachtsbäume, die ich bisher in meinem Leben gesehen habe.