Einleitung

Alle Neuigkeiten, Informationen, Non-Sense und Reiseberichte aus der Ukraine, damit auch der "ferne" Westen auf dem Laufenden ist, was dem Kai in der Ukraine so alles passiert. Ich freue mich natürlich über Wortmeldungen, Lebenszeichen, Infomeldungen oder Anmerkungen von euch - per Email/ Skype/ Kommentarfunktion etc.

Montag, 28. Februar 2011

Metallist Charkow gegen Bayer Leverkusen

Oder: Ein Live-Ticker.


Kurz vor Anstoß: Es ist bitterkalt, beim Einatmen durch die Nase bilden sich Eisklumpen – in der Nase. Das Stadion füllt sich, aber es sind noch viele Plätze frei. Ist es auch den Charkowern zu kalt? -12° Celsius.
1. Minute: Anstoß. Auf der Gegenseite: 100 Leverkusen-Fans. Auf unserer Seite: Wir (drei Deutsche) inmitten von Ukrainern.
9. Minute: Vor, neben und hinter uns wird nicht der erste Wodka geleert. Dazu gibt’s Gürkchen.
12. Minute: Nun ist das Stadion fast voll. Entweder mehr Menschen, oder es ist wärmer geworden, schließlich dehnt sich Materie dann aus. Zweite Theorie ist unwahrscheinlicher.
15. Minute: 15. Minute? Meine gefrorenen Zehen sind schon gefühlte zwei Stunden im Eisfach. Auf dem Spielfeld: Engagierte Charkower, noch passiv (unterkühlt?) agierende Leverkusener.
23. Minute: 1:0 für Leverkusen. Eren Derdiyok netzt ziemlich frei und ziemlich cool ein. Metallist bis dahin aktiver, aber Leverkusen kontrollierter.
29. Minute: Es ist noch nicht wärmer geworden. Hinter uns werden auf Russisch Hitlerwitze erzählt. Hoffentlich merkt keiner, dass wir Deutsche sind. Unsere Kommunikation tendiert gegen null, man will den Schal aber auch nicht unter den Mund ziehen.
34. Minute: Die ausgespuckte Rotze unserer Nachbarn ist mittlerweile am Boden gefroren.
37. Minute: Charkow gelegentlich über links. Bayer hat aber alles unter Kontrolle und lässt hier keinen Gefrierbrand zu.
39. Minute: Erst 39. Minute? Sehnsucht nach einem kühlen Bier. Das ist wärmer als alles andere hier.
45. Minute: Der Pausenpfiff. Zu 90er-Eurodance springen alle Ukrainer gleichzeitig auf und fangen an zu tanzen – oder sind es doch nur Gymnastikübungen für zusammengezogene Muskeln? Wir machen mit, es wird kurzzeitig wärmer. An allen Stellen wird Kognak oder Wodka konsumiert.

Warmhalten mit Alkohol in der Halbzeit.
46. Minute: Weiter geht’s. Noch 45 Minuten im Eisschrank von Charkow.
50. Minute: „Jawoll, mein Führer. Nein, mein Führer.“ (Hört man von hinten.)
56. Minute: Anzahl der Fluche nimmt proportional mit der Anzahl der in Rückstand liegenden Minuten auf ukrainischer Seite zu.
63. Minute: Dennoch wird in der Charkower Fankurve oberkörperfrei gefeiert. Man könnte meinen, einem würde schon beim Zusehen kalt. Stimmt aber nicht, ist auch so recht frisch.
72. Minute: Und dann haut Castro den Ukrainern einen rein. 0:2. Da wird einem warm ums Herz, aber auch nur da.
80. Minute: Noch zehn Minuten, dann dürfen alle Körperteile wieder auftauen. Es wird weiterhin ordentlich geflucht um uns herum.
87. Minute: Sturm und Drang bei Metallist. Bringt aber nichts, dem 77er-Brasilianer verspringt der Ball höchst peinlich.
90. Minute: Sidney Sam, zwischendurch kurz vor gelb-rot, schenkt dem FC Metallist Charkow noch einen ein. Eiskalt verwandelt.
90. Minute +2: Und dann sogar noch einen. 0:4 in Charkow. Das ist doch ein kleiner Schock-Frost für die Ukrainer.
90. Minute +3: Und Schluss. Nächste Woche dürfen die Ukrainer dann in die Tropen an die Bay Arena.
Nach Abpfiff: In der Straßenbahn nach Haus gefriert der Atem an der Innenscheibe. Warm ist anders.

Max hat auch gebloggt: http://onlytenbaht.blogspot.com/2011/02/sportlich-sportlich.html

Endstand 0:4.

Sonntag, 20. Februar 2011

Kai, nicht aus dem Märchen

Oder: Mein erstes Interview für eine ukrainische Zeitung



Jeder Ukrainer kennt - anscheinend - "Kai und Gerda" - ein Märchen von Hans Christian Andersen. Ich sollte es so langsam auch mal lesen, schließlich diente die Tatsache, dass mein Vorname vor allem mit dieser Geschichte verknüpft wird, auch für den Titel eines Interviews mit mir in der "Industrialnoe Saporoschje" vor einigen Tagen:


http://iz.com.ua/2011/02/17/kaj-ne-iz-skazki/

Samstag, 12. Februar 2011

Ein Paket verschicken


Oder: Eine Anleitung in zwölf Schritten

Ein Paket verschicken ist ganz einfach – eine Anleitung zum Nachmachen:
1.)    Zur Post gehen und das Verschickungsmaterial mitnehmen.
2.)    Sich sofort bedienen lassen, es gibt keine Schlange. Super!
3.)    Auf der jeweiligen Landessprache sagen, was man möchte: Ein Paket nach Deutschland schicken und ein Paket nach Ungarn.
4.)    Der Postbeamtin sagen, was man verschickt, damit diese nachgucken kann, ob man das darf. Merke: Wodka und Bier kann man aus der Ukraine nicht ins Ausland schicken, bei CDs ist sich das Nachschlagewerk unsicher. Getrockneter Fisch ist kein Problem.
5.)    Nun jeden (!) zu verschickenden Paket-Inhalt einzeln abwiegen. Danach die einzelnen Teile in ein Formular eintragen und mit Einkaufspreis und dem zuvor bestimmten Gewicht versehen.
6.)    Dieses Formular in vierfacher Ausführung (für Ungarn) handschriftlich ausfüllen, für das Paket nach Deutschland dieselbe Prozedur, aber nur zweimal.
7.)    Auf das Formular die Adresse auf Deutsch und Russisch eintragen, ebenfalls vierfach (bzw. zweifach).
8.)    Der Postbeamtin dabei zusehen, wie sie sorgsam das Paket mit zwölf aus Papier ausgeschnittenen Poststempeln beklebt und in Tesafilm einwickelt.
9.)    Nicht daran denken, dass das Paket an der Grenze sowieso wieder aufgemacht wird.
10.)  Noch einmal für jedes Paket ein Formular ausfüllen.
11.)  Zehn Minuten warten, damit die Postbeamtin nachgucken kann, wie teuer die Pakete sind.
12.) Bezahlen und eine Stunde und acht Formulare später wieder ans Tageslicht treten. Fertig!

Dienstag, 8. Februar 2011

Der Schüler und der Lehrer


Oder: Lebensraum Schule

Mit den Schülern meiner achten Klasse arbeite ich gerade an einer Homepage für die Schule. Im Rahmen dieses Projektes sollte jeder Schüler einen eigenen Text schreiben, um die Schule vorzustellen. Dazu gehört natürlich auch, dass man sowohl das Kollegium als auch die Schülerschaft vorstellt. An der Tafel hieß dieser Unterpunkt "Schüler und Lehrer". Dass kann man natürlich auch falsch verstehen - gerade als Nicht-Muttersprachler - und so entstand eine wunderschöne Definition über "den" Schüler und über "den" Lehrer und kein Text über Schüler und Lehrer am Gymnasium 46. Bei uns würde das wohl "am Thema vorbei" heißen - aber was solls, schließlich ist dieser Text eine sehr ehrliche Beschreibung des Lebensraums "Schule":

Schüler sind Kinder, die in der Schule lernen. Das Leben des Schülers ist eintönig. Jeden Tag in der Schule macht er die Klassenarbeit, übersetzt Texte, lernt neues Material usw. Der Schüler bekommt auch nahezu jeden Tag gute oder schlechte Noten. Die Noten hängen vom Schüler ab. In der Pause wiederholt der Schüler andere Stunden, spielt Spiele oder lacht mit den anderen. Der Schüler muss in der Schule einen Anzug tragen und sich gut verhalten. Der Schüler muss auch jeden Tag Hausaufgaben machen.
Lehrer sind Menschen, die in der Schule lehren. Das Leben des Lehrers ist auch eintönig. Jeden Tag in der Schule lehrt er neues Material, hilft den Kindern mit den Aufgaben und gibt den Kindern Hausaufgaben. Der Lehrer überprüft auch jeden Tag die Hefte. Der Lehrer trinkt viel Tee und Kaffee mit den anderen Lehrern in der Pause.

Samstag, 5. Februar 2011

Die Ratte...

...ist tot!

Meine Heimkehr aus Deutschland wurde Anfang Januar nicht nur mit einem fehlenden Schlüssel zum Domofon versüßt, sondern auch mit einem neuen Mitbewohner: Während meines Deutschland-Aufenthaltes hatte sich ein Tier in meiner Küchendecke eingenistet. Zwischen eingezogener und „normaler“ Decke fühlte es sich anscheinend recht wohl und beglückte mich mit Trapsen, Knabbern und nächtlichen Aktivitäten.
Natürlich hab ich den Kollegen nicht gesehen, aber wenn man von Schrittfolge, Lautstärke und Aktivitäten auf ein Tier schließen müsste, fallen Maus, Katze und Waschbär raus und es bleibt nur die Ratte übrige.
Zuerst nahm ich an, dass sich das Tier eventuell verirrt hätte und vielleicht von selber wieder das Weite suchen würde. Nach zwei „gemeinsamen“ Tagen zerschlug ich aber diese These und versuchte nun, mit physischen Gegenmaßnahmen (heftig und mit verschiedenen Gegenständen gegen die Decke klopfend) meinen neuen Freund zu vertreiben. Auch diese Variante zeigte keinen Erfolg, denn mitten in der Nacht hat man keine Lust aufzustehen und die Wirkung war eher kurzfristig. In der dritten Phase wurde schließlich mit harten Bandagen gekämpft: Bei einer Stippvisite auf dem Dachboden des Hauses waren leider keine Spuren zu entdecken und so wurde nun Rattengift ausgelegt.
Das zeigt leider kurzfristig auch keinen Erfolg, nachdem aber einige Tage vergangen waren, war das Tier deutlich weniger aktiv und letztendlich ist nun nichts mehr zu hören. Ob die Ratte einfach nur ausgezogen ist und sich einen andere Wohnung gesucht hat oder ob sie nun in meiner Küchendecke verwest, weiß ich nicht. Obwohl der Gedanke, mit einer stinkenden und madigen Ratten-Leiche unter einem Dach zu wohnen, auch nicht angenehmer ist...

Dienstag, 1. Februar 2011

Wie fühlen sich –22° an?

Oder: Winter in Saporoschje



Lange war ich auf der Suche nach einem verlässlichen Wetterbericht für Saporoschje. Daraus wurde leider nichts – denn entweder ändert sich das Wetter hier ziemlich schnell, meine Suchmaschinen-Kenntnisse sind zu schlecht oder es gibt einfach keine guten Wetterberichte für Saporoschje.
Nachdem für das zweite Januarwochenende schon –15° (Celsius natürlich, ich spreche weder von Fahrenheit noch von Kelvin) angekündigt waren und sich das Ergebnis eher im Plusbereich abspielte, hielt ich die angekündigten –20° für letzten Donnerstag für eher unrealistisch. Aber schon am Mittwochabend wurde es recht „frisch“ und am Donnerstagmorgen war es dann sogar noch kälter als angekündigt: -22°. Die alte Bundeswehr-Strategie „täuschen, tarnen, verpissen“ zog leider nicht, schließlich rief die Arbeit in der Schule und so musste ich hinaus in die Kälte. Aber Glück im Unglück: Die Luft war sehr trocken und der hier im Winter typische Steppenwind fehlte. Ohne lange Unterhose, „Schapka“ (russisch für Mütze), ordentlichen Schal und Handschuhe hätte ich diese Außenbedingungen allerdings nicht schadlos überstanden. Insgesamt war die Kälte aber doch nicht so schlimm wie erwartet und die „gefühlte Temperatur“ lag bei mir dann doch höher als die reale Temperatur.
Räumgerät, ukrainisch.
Zusätzlich zum Frost liegt hier schon fast zwei Wochen ordentlich Schnee. Während die Höhe in Deutschland schon ein halbes Chaos produziert hätte, interessiert hier niemanden, ob jetzt 10 cm mehr oder weniger liegen. Geräumt wird auf den Bürgersteigen fast gar nicht, die Hauptstraßen aber schon, wenn auch mit archaischem Gerät. Der erste Schnee macht hier sofort alles schöner, spätestens nach fünf Tagen erkennt man im Schnee aber die Rückstände sowohl tierischen als auch menschlichen Urins an deutlichen Gelbfärbungen, in der Nähe von Straßen wird das Weiß zum Braun-Grau und spätestens, wenn dann doch jemand auf die Idee kommt, zu Streuen, wird es grau, denn gestreut wird hier mit zerbröseltem Schutt.
Wenn dann allerdings vom Raureif alle Bäume in weiß erstrahlen, ist auch das gefrorene Schneematsch-Gemisch am Boden vergessen – und die Tatsache, dass mit jedem Frosttag das Marschrutka-Fahren holpriger wird.