Eine weitere Zugfahrt stand auf dem Programm – nachdem ich vor zwei Wochen mit der Bahn von Berlin nach Odessa gefahren bin, ging es diesen Freitag von Odessa nach Saporoschje.
Während für die erste Zugfahrt noch 36 Stunden angesetzt waren, waren es dieses Mal „nur“ 18 Stunden. Wer nun annimmt, dass die ukrainische Eisenbahn diese Zeit für eine Strecke im vierstelligen Kilometerbereich benötigt, irrt. Schlappe 475 km beträgt die Entfernung von Odessa nach Saporoschje. Von Düsseldorf nach Berlin, was etwa derselben Kilometerzahl entspricht, braucht die Deutsche Bahn 4 Stunden, für die Direktverbindung gleicher Länge benötigt man hier das Vierfache an Zeit. Damit aber weniger Zeit verloren geht, fährt die Bahn einfach über Nacht.
Die Standardvariante für die Fahrt in ukrainischen Bahnen ist die „Coupet“-Klasse. Das sind Abteile mit vier Liegen, für die man Bettzeug gestellt bekommt. Man hat die Wahl zwischen oben oder unten links – oder oben/ unten auf der rechten Seite. Mein Ticket hat übrigens 10 € gekostet – Fahrzeit also Mist, für diesen Preis aber Daumen hoch für die ukrainische Bahn. Außerdem bekommt man hier die volle Portion Personalversorgung, denn in jedem (!) Waggon fährt ein eigener Zugbegleiter bzw. Zugbegleiterin mit (was übrigens eine gute Möglichkeit ist, die Arbeitslosigkeit zu senken). Beim Einsteigen wartet diese Person am Waggon und kontrolliert das Ticket; später im Zug wird es einem dann wieder abgenommen. Eine interessante Arbeit verrichten auch die Männer, die an jedem Bahnhof zu zweit arbeiten und dort mit einem großen Hammer gegen die Bahnräder klopfen, wenn der Zug hält. Sie überprüfen eigentlich den Zustand der Bahnräder; das sehr sonderbare Konzert, was sich durch dieses Klopfen ergibt, freut besonders nachts, wenn der Zug hält und man eigentlich schlafen möchte. Ich vermute auch, dass die Herren nichts in die Wege leiten, solange das Rad überhaupt ein Geräusch von sich gibt, wenn sie mit dem Hammer dagegen klopfen.
Maks, ich und Aleks (von links).In meine Abteil hatte ich dann jedenfalls das Vergnügen mit einer Rentnerin, die in Odessa Urlaub gemacht hatte und in Saporoschje lebt (und mich somit die gesamte Fahrt begleiten sollte). Die ehemalige Russischlehrerin war sehr erfreut, ihre wenigen Brocken Deutsch an mir ausprobieren zu können. Mein Russisch reichte dann auch für eine Vorstellung und einige Sätze russischen Small-Talk. Und dann durfte ich am eigenen Körper erfahren, dass man Gastfreundschaft nicht nur auf Gäste im eigenen Haus beziehen muss, sondern auch auf fremde Menschen im „heimatländischen“ Zug. Meine Horror-Ankündigung für die Ukraine war, dass man hier anscheinend zu jeder Zeit und zu jedem Anlass Speck in dünnen Scheiben zur Mahlzeit und zum Getränk reicht. In Odessa war mir das dankenswerterweise noch nicht über den Weg gelaufen, denn meine Gastfamilie hatte mich prima umsorgt. Nun kündigte die Babuschka aber nach zwei Stunden Fahrt an, dass die Essenszeit gekommen sei. Ihre Pflege für mich in allen Ehren, aber als sie dann ein großes, weißes, fettiges Stück Speck auspackte, lief es mir kalt den Rücken runter. Ich bekam dann noch ein „Ja ne liubliu“ (= „Ich liebe das nicht“) hinaus, denn „ich mag das nicht“ kannte ich bis dahin noch nicht. Sie sagte, sie würde mir auch nur eine dünne Scheibe abschneiden – und prompt hatte ich ein daumendickes Stück Speck auf einer kleinen Scheibe Brot vor mir liegen. Und aller guten Dinge sind ja bekanntlich zwei – deshalb lieferte mir sie, bevor ich überhaupt etwas angerührt hatte, noch ein zweites Stück derselben Dimension hinterher. Die dünne Scheibe ging dann übrigens auf ihr Brot. Irgendwann ist es nun mal soweit; Magen und Kopf streubten sich vor diesem ekeligen Stück totem Tier. Schon die Tatsache, dass ich Wasser dazu trinken wollte – anscheinend trinkt man nur Tee zu dieser Delikatesse – ließ der Babuschka die Gesichtszüge zusammenfallen. Eine Einladung lehnt man ja nicht ab, also hieß es: „Augen zu und durch“. Welch ein Hochgenuss. Ich hoffe, ich muss das nie wieder essen. Innerlich bejubelte ich meine Entscheidung, nicht bei einer Babuschka zu wohnen, sondern meine eigenen vier Wände in Saporoschje zu mieten. Ansonsten sorgte sie sich aber prima um mich, nach kurzer Zeit wurden mir auch meine Russischunterlagen aus der Hand gerissen und von ihr kontrolliert.
Und ebenfalls nicht länger sollte es dauern, bis die nächste Mahlzeit anstand. Mir war klar, dass der strenge Geruch aus ihrer Tasche einen Grund haben musste. Mahlzeit Nummer 2 wurde also mit einem Käse fraghafter Herkunft und hygienischer Beschaffenheit begangen. Dass Käse umso besser schmeckt, je mehr er riecht, bewahrheitete sich aber zu meiner Freude. Ich habe allerdings gehofft, dass dieses Essen am nächsten Tag nicht schwerwiegende Folgen nach sich ziehen würde.
Bis dahin hatte ich angenommen, dass keine weiteren Personen in das Abteil kommen würden, denn mit zwei Personen hat man deutlich mehr Platz als zu viert. In Nikolajew stiegen allerdings zwei biertrinkende Männer zu, die auch für unser Abteil Tickets gebucht hatten. Wir sollten die Fahrt bis nach Saporoschje zu viert fortsetzen – was sich anhand des massigen Gepäcks etwas eng gestaltete. Da ich mit den beiden, Alex und Max, allerdings ziemlich zügig ins Gespräch kam, wurde mir auch schnell ein Bier angeboten. In Cherson hielt der Zug planmäßig für vierzig Minuten - das gehört zu einer ukrainischen Bahnfahrt dazu, denn wenn man sowieso schon langsam unterwegs ist, dann kann man auch ruhig so lange warten, bis der Zug erst am nächsten Morgen am Zielort ankommt und nicht mitten in der Nacht. Die Wartezeit ließ jedenfalls die Möglichkeit zu, Bier-Nachschub zu kaufen und den Abend gesellig im Abteil ausklingen zu lassen. Die Kommunikation lief, wie Max es nannte, auf einem neuen Esperanto, einem Sprachmix Russisch-Englisch-Deutsch.
Bei der Ankunft in Saporoschje gab es dann noch ein Gruppenfoto, am Bahnhof wurde ich dann von zwei Lehrerinnen der Schule Nr. 46, meinem neuen Arbeitsplatz, in Empfang genommen. Eine skurrile Bahnfahrt ging zu Ende – mit der Erkenntnis, dass ukrainisches Bier gut schmeckt, ukrainischer Speck nicht und dass man trotz oder gerade wegen langer Fahrtzeiten deutlich mehr Spaß und Kommunikation hat, als bei der Deutschen Bahn.
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