In Odessa (und jeder weiteren ukrainischen Stadt) gibt es eine völlig undeutsche Möglichkeit, sich im Stadtverkehr fortzubewegen: Die Marschrutka.
Dieses Gefährt kann man sich am ehesten als großen Bulli vorstellen. Es gibt allerdings nicht eine Variante, sondern viele verschiedene Möglichkeiten, auf welchem Fahrgestell eine solche Marschrutka aufgebaut sein kann und wie sie eingerichtet ist. Die Variante, die man in Odessa am meisten nutzt, hat eine Tür beim Fahrer und eine Tür hinten. Innen befinden sich auf der einen Seite sieben Zweier-Sitzplätze, auf der anderen fünf Einer-Sitzplätze. Natürlich gibt es auch eine letzte Reihe, allerdings ist es hier nicht cool, hinten zu sitzen. Welcher Platz am „coolsten“ ist, habe ich allerdings noch nicht herausgefunden. Meistens bleibt einem aber sowieso keine Wahl, denn wenn man nicht an einer der ersten drei Stationen einsteigt, bleibt einem nur noch ein Stehplatz. Auf die circa 20 Sitzplätze kann man übrigens eine variable Anzahl an Stehplätzen aufrechnen: Frei nach dem Prinzip „et hätt noch immer jot jejange“ wird jede – wirklich jede – Person mitgenommen. Eine Sardinenbüchse ist vermutlich nichts dagegen, ich erinnere mich an eine Bahnfahrt während des Weltjugendtages von Köln nach Neuss, dort war es ähnlich voll.
Die Marschrutka - das Fortbewegungsmittel Nr. 1Wenn man einmal drin ist, hat man allerdings noch nicht alles überstanden. Denn gezahlt wird beim Aussteigen – und zwar beim Fahrer. Diesem teilt man mit, an welcher Station man aussteigen möchte (aussteigen geht nur an der Station, einsteigen auf Handzeichen im Prinzip überall an der Fahrtstrecke), und gibt ihm die 2 Griwna (das sind 20 Cent) in die Hand oder legt sie an den dafür bestimmten Platz. In vielen Marschrutki sind die Schaltknüppel in eine Art Teppich eingearbeitet, auf denen wunderbar das Geld bezahlt werden kann (vergleichbar mit diesen Gegenständen beim Bäcker, auf die man das Geld legen kann und auf die das Wechselgeld gelegt wird, aber für die es keinen Namen gibt). Der Vorteil bei weichem Teppich ist, dass das Geld nicht wegrutschen kann. Und wo wir schon bei Teppich sind: Es gibt Marschrutki mit blauen, schwarzen und weißen Gardinen, mit einer bis drei Türen, mit Türen, die man selber öffnen muss oder die automatisch öffnen, mit Türen, die gar nicht funktionieren, mit Leopardenüberzügen für die Sitze, mit gesplitterten Frontscheiben und mit orientalischen bis hin zu Fell-Geldwechsel-Teppichen. Abends gibt es auch gerne die volle Portion Musikbeschallung, mit Glück auch nachmittags (wie schon berichtet: hier läuft vor allem schlechter Euro-Dance, gemischt mit 80er- und 90er-Titeln). Mein bisheriges Highlight war eine Marschrutka mit Werbebildschirm, wie man sie in vielen U-Bahnen in Deutschland finden kann. Stilecht fuhr der Bildschirm noch während der Fahrt sein System hoch, drei Stationen später war die Werbung nur noch für vier Personen sichtbar, weil es zu voll war. Ähnlich stilvariabel wie der Innenraum der Marschrutka gestaltet sich die Fahrerkabine: Dort hängt und klebt allerlei Gedöns, beispielsweise Heiligenfigürchen, Telefonnummern, Ketten am Rückspiegel usw.
Wenn es so voll ist, dass man ab der zweiten Reihe nicht mehr zum Aussteigen zum Fahrer durchkommt, beginnt dann das Geld-Durchgeben: Mit dem Straßennamen (den ich bisher nie verstanden habe) und dem 2-Griwna-Schein (oder mehr, dann muss das Rückgeld auch noch denselben Weg zurück) wird eine Art „Laute Post“ in Gang gesetzt, die zum Fahrer führt. Erst dann wird auch an der Haltestelle gehalten. Wenn man dann vorne steht, hat man auf jeden Fall ordentlich zu tun. Die Marschrutka zwingt also zu einem Mehr an Kommunikation, das man bei uns nicht mehr kennt (so etwas wie Monatstickets gibt es übrigens nicht). Diese Kommunikation wird dann aber einfach auf das nötigste verkürzt: Beim Fahrer gibt es keine Bitte und kein Danke, der Straßenname wird ohne „ulitza“ oder „prospekt“ (=Straße oder Boulevard) genannt; das ist in etwa so, als wenn ich in Uedesheim beim Busfahrer ein Ticket mit der Information „Nieder“, „Deich“ oder vielleicht „Kuh“ kaufen würde.
Die Tramway - das Fortbewegungsmittel Nr. 2Um das Marschrutka-Fahren kommt man nicht herum. In Odessa gibt es aber noch drei weitere Varianten, sich fortzubewegen: Die Tramway, den Trolley-Bus (= O-Bus) und natürlich „per pedes“. Straßenbahn und Trolley-Bus sind übrigens noch komplett Originalbestand aus den 70er-Jahren und meistens genau so voll wie die Marschrutka – mit dem Unterschied, dass hier der „Konduktor“ das Geld einsammelt. Ich vermute, dass die Straßenbahn hier auch ohne Schienen fahren könnte, denn die Schienen sind mehr krumm als gerade und das Geruckel während der Fahrt erinnert mehr an eine Marschrutka-Fahrt auf der Straße, denn die sind in keinem besseren Zustand (auf dem Bürgersteig gibt es nicht selten Löcher, die einen Blick einige Meter in den Untergrund ermöglichen).
Auf der Straße begegnen einem neben Trolley-Bus, Tramway und Marschrutka auch ansonsten viele interessante Vehikel: Der gemeine Ukrainer fährt nämlich entweder ein "Viagra in Chrom" (so nannte irgendein Verkehrsforscher mal dicke, teure Geländewagen) oder ein Gebrauchtwagen von Annodazumal. Diese stammen auch gerne aus Deutschland: Reisebusse mit "Staiger - Die Königsklasse"-Aufschrift, einen Wartburg mit D-Aufkleber oder ein LIDL-LKW-Anhänger aus den 80er-Jahren treffen auf Porsche Cayenne oder Mercedes M-Klasse.
Man stelle sich nun also vor, die Stadt Köln, die ebenso groß ist wie Odessa, stelle ihre U-Bahn ein, würde die Straßenbahnen auf einen Waggon zusammenkürzen und anstatt der Busse Bullis (im Stile der Marschrutka) einsetzen. Einige dieser Aspekte – merke ich gerade – sind für Köln gar nicht so unrealistisch, aber trotzdem wäre das Chaos komplett. Hier funktioniert es trotzdem irgendwie, aber in der Hauptverkehrszeit kann man sich den öffentlichen Nahverkehr schon abgewöhnen.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen