Einleitung

Alle Neuigkeiten, Informationen, Non-Sense und Reiseberichte aus der Ukraine, damit auch der "ferne" Westen auf dem Laufenden ist, was dem Kai in der Ukraine so alles passiert. Ich freue mich natürlich über Wortmeldungen, Lebenszeichen, Infomeldungen oder Anmerkungen von euch - per Email/ Skype/ Kommentarfunktion etc.

Freitag, 22. Oktober 2010

Wahlkampf

Oder: Eine große Geburtstagsparty



Blick auf die Lichtershow aus meiner Wohnung.

Saporoschje hatte letzten Samstag Geburtstag. Die Stadt feierte ihr 240jähriges Bestehen. Das mag für einen Mitteleuropäer recht mickrig klingen, ist in der Ukraine aber ein gewöhnliches Alter für eine Stadt. Für die ältesten Japanerinnen ist das wahrscheinlich ein Witz, aber die durchschnittliche Lebenserwartungen in der Ukraine beträgt für Männer 60 Jahre, für Frauen 10 Jahre mehr – da sind 240 Jahre natürlich eine andere Dimension und somit ein guter Grund, zu feiern. Die Feier fiel sogar deutlich größer als gewöhnlich aus, denn wir befinden uns hier gerade auf dem Höhepunkt des Wahlkampfes. Am 31.10. darf die ukrainische Bevölkerung ihre Kreuzchen machen und bis dahin wird hier mächtig die Werbetrommel gerührt.

Der Wahlkampf hat durchaus positive Effekte: Die Heizungen laufen, obwohl sie gewöhnlich erst am 1. November eingeschaltet werden. Anfang Oktober war es hier eiskalt um die 0 Grad, mittlerweile gibt es herbstliche Temperaturen zwischen zehn und fünfzehn Grad. Wenn die Heizung einmal an ist, bekommt man sie übrigens nicht mehr aus. „Ganz oder gar nicht“, lautet die Devise. Es gibt keine Regler an den einzelnen Heizkörpern; die Temperatur in der Wohnung lässt sich somit nur über Fensteröffnen regulieren. Das zum Thema Umweltschutz – aber da Gas und Wasser sowieso meist pauschal gezahlt werden, interessiert das fast niemanden hier.

Zweiter positiver Effekt der anstehenden Wahlen: Es tut sich was am Straßenbelag. Auf dem Weg zur Schule fährt meine Marschrutka-Linie mitten durch das Industriegebiet auf der „Diagonalen Chaussee“. Diese Straße heißt wirklich so, bei „diagonal“ kann man getrost zustimmen, „Chaussee“ ist definitiv ein Euphemismus. Die Situation wurde auch durch die Flickschusterei der Bauarbeiter nicht besser – der kalte Winter sorgt natürlich für eine Menge Schlaglöcher. Diese werden oft nicht ausgebessert und wachsen über die Jahre dann zu Schlag-Kratern. Auf vielen Abschnitten der „Diagonalen Chaussee“ hat man sich dem einfachsten Mittel bedient: Dort, wo viele Schlaglöcher waren, hat man den Asphalt einfach abgefräst. Wenn sich dann aber im abgefrästen Teil Schlaglöcher bilden, muss man wieder flicken, schließlich kann man nicht unendlich abfräsen. Das tat man vor einigen Wochen dann, anscheinend mit für hiesige Verhältnisse großem Umfang, wenn ich den Aussagen meiner Kolleginnen glauben darf.

Dritter positiver Effekt: Die Geburtstagsparty fiel dieser Jahr nahezu monströs aus: Auf dem „Festivalna“-Platz, direkt bei mir um die Ecke, fand am Samstagabend ein Konzert mit den Stars und Sternchen der ukrainischen Popszene statt. Dazu gab es eine große Licht-Show und ein bombastisches, fünfzehnminütiges Feuerwerk. Bezahlt hat das natürlich nicht die Stadt, sondern die Partei des Ministerpräsidenten. Während in Deutschland kaum Bands und Sänger für eine Partei auftreten, gab sich hier das – mir völlig unbekannte – „who is who“ der nationalen Musikszene ein Stelldichein. Der Platz war völlig überfüllt. Obwohl in fünf Bezirken Live-Übertragungen stattfanden, waren sicherlich 50.000 Menschen dort. Dass ich direkt um die Ecke wohne, war diesmal sicherlich ein Vorteil, denn die Menge löste sich sofort nach Ende der Veranstaltung auf – und über das Nahverkehrssystem hier habe ich schon geschrieben. Wie bekommt man tausende Leute nur mit Mini-Bussen und ein paar Straßenbahnen ins Zentrum und wieder raus? Es scheint irgendwie geklappt zu haben, ich konnte jedenfalls zu Fuß nach Hause gehen.

Dass Wahlkampf ist, erlebe ich in der Schule ebenfalls jeden Tag: Die Schuldirektorin ist Abgeordnete im Stadtrat, meine Mentorin für dieselbe Partei völlig in den Wahlkampf verwickelt und sicherlich ein Dutzend anderer Lehrerinnen auch. In den Pausen gibt es regelmäßig Partei-Versammlungen, im September wurde Wahlwerbung an der Schule gedreht. Außerdem wird in der Schule ein Wahlbüro eingerichtet. Die Klassenräume im Erdgeschoss sind jetzt schon mit Landesfahnen geschmückt und umgebaut – hier ist wiederum ein anderer großer Teil des Kollegiums aktiv, denn das Stimmzählen und Beaufsichtigen der Wahlen ist ein kleiner Zusatzverdienst.

Und schließlich wirken sich die Wahlen auch direkt auf das Schulleben aus: Nicht nur in Nordrhein-Westfalen ist der 1. November ein Feiertag, auch am Gymnasium 46 wird es frei geben, weil am Tag nach der Wahl noch Stimmen gezählt werden und Material herumsteht. Passenderweise sind vorher Schulferien, sodass diese einen Tag länger dauern. Der Haken an der Sache: Dieser Montag wird am ersten Feriensamstag vorgearbeitet, morgen gehts also in die Schule, obwohl eigentlich frei wäre.

Montag, 18. Oktober 2010

Ein kleines Schmankerl

Oder: Wie ein Superstar?

Letzten Freitag saß ich nach dem Unterricht in meinem Klassenraum, machte noch ein paar Korrekturen und freute mich schon innerlich auf mein Wochenende, nachdem ich vier Stunden Unterricht hinter mich gebracht hatte. Obwohl die Schule schon aus war, standen auf einmal zwei - mir völlig unbekannte - Fünftklässlerinnen in meinem Klassenraum und versuchten, mit mir zu kommunizieren. Das bisschen Deutsch, was sie konnten, war schwer verständlich. Das wenig Russisch, was ich kann, vermutlich noch unverständlicher.
Nachdem eine Kollegin gedolmetscht hatte, war klar, was sie wollten. Sie würden gerne an meinem Unterricht teilnehmen (was ich natürlich nicht entscheiden kann) und hatten Lust, einfach mal mit mir zu sprechen. Die Kollegin (die in meinem Nachbarraum ihr Klassenzimmer hat) wusste denn auch zu berichten, dass die beiden Mädchen schon des Öfteren vor dem Raum standen und gefragt hatten, wo Kai wäre... Als ich dann auch noch für ein Foto herhalten musste, habe ich mich tatsächlich gefragt, wie dumm es wohl sein muss, prominent zu sein und für Bilder mit Teenagern herhalten zu müssen, denn Leute wie Justin Bieber (oder wie sie alle heißen) müssen das ja andauernd. Ich muss gestehen, ein bisschen doof kam mich mir schon vor und ich weiß auch nicht, was mit diesem Foto von mir jetzt passiert - aber ein wenig geschmeichelt fühlt man sich ja doch und für eine gute Geschichte beim Essen oder im Blog hat es auch gereicht.

Die Schulkantine

Oder: Mein täglich Borsch gib mir heute


Mitte Juni fand in Stuttgart das Vorbereitungsseminar für den Aufenthalt in der Ukraine statt – dort trafen sich alle vierzig Programmteilnehmer, die dieses Jahr in gesamt Osteuropa in der Schule arbeiten und auch die Programmteilnehmer des letzten Jahres. Mit gesamt Osteuropa ist in diesem Fall gemeint, dass meine Mit-PraktikantInnen – unter anderem – in Polen, Tschechien oder Kroatien, in Bosnien-Herzegowina oder Albanien, in Weißrussland, Russland oder Kasachstan zu finden sind. Als es in einem Gespräch beim Seminar um das Thema Essen ging, teilten sich jedenfalls die Meinungen bezüglich der Schulkantinen. Erfahrungen wurden von ungenießbar und undefinierbar bis delikat gesammelt, wobei an einigen Schulen selbst die Lehrer davon abrieten, sich das Kantinenessen einzuverleiben. Ich wusste also nicht, was mich erwartete, als ich direkt nach Ende meines ersten Schultages mittags in die schuleigene Kantine zum Essen geführt wurde.

Alle meine Sorgen zerschlugen sich allerdings und seit dem ersten Tag nehme ich nun immer mein Mittagessen in der Kantine ein – auf russisch „Столовая“ (Stalowaja). Das Angebot ist zwar nicht groß, aber es schmeckt gut und macht vor allem satt. Jeden Tag gibt es Borsch, Kartoffelpüree und Buchweizen. Buchweizen ist in der Ukraine übrigens ein Grundnahrungsmittel, ebenso wie Reis oder Kartoffeln. Manchmal gibt es eine alternative Suppe zum Borsch, meist Reis-, Nudel- oder Gemüsesuppe. Außerdem gibt es täglich Fisch oder anderes Fleisch, das auch genießbar ist.

Das alles führt die Schulkantine allerdings noch nicht aus dem Mittelmaß heraus. Erst die Tatsache, dass hier jeden Tag Brot und Gebäck frisch zubereitet werden, macht aus der Kantine eine Super-Kantine. Zum Borsch gibt es also immer frisches Brot und zur Nachspeise „Pluschka“ – was man sich wie ein größeres Mörbchen mit Zucker bestreut vorstellen muss. („Mörbchen“ ist natürlich ein absolut rheinländisches Wort, vielleicht lässt es sich mit „Teilchen aus Weck“ am besten hochdeutsch beschreiben. Wobei Weck im Münsterland wieder als Stuten bezeichnet werden müsste... Zur Dauerproblematik der rheinischen und münsterländischen Backartikelbezeichnungen noch ein kleiner Exkurs: „Weckmann“ (= Rheinland) klingt eindeutig besser als das Wort „Stutenkerl“ (= Münsterland) und ist viel besser geeignet, um diesen sympathischen, verzehrbaren Mann zum Martinsfest zu bezeichnen.) Pluschka gibt es außerdem in vielen Varianten – mit Rosinen, ohne Rosinen, mit Zucker bestreut oder gefüllt – dann meist mit eingedickter Milch, deren Konsistenz wie Karamell ist. Und weil das alles so lecker ist, kann man es auch kaufen und mit nach Hause nehmen.

Leider steht das Essen im großen Kontrast zur Ausstattung der Kantine: Sie ist mit Abstand der renovierungsbedürftigste Raum der gesamten Schule; Tische, Stühle, Wandanstrich und auch der Großteil der Küchengeräte haben eigentlich ausgedient und müssten ersetzt werden. Wie in allen Fluren gibt es keinen Bodenbelag, sondern nur blanken Beton mit Rissen, auch die Wände sind einfach angemalter Beton. Zudem essen nicht alle Schüler in der Kantine, dafür ist sie viel zu klein – die Kinder der ersten bis vierten Klassen gehen in den beiden großen Pausen hier speisen; nach der sechsten Stunde kommen noch die Kinder aus dem Hort. Dann macht die Kantinen-Frauschaft auch Schluss, denn sie fangen schließlich um fünf Uhr an zu arbeiten. Der einzige Vorteil, zu dieser Uhrzeit zu starten, ist vermutlich, dass die Marschrutka dann leer ist.

Die größte Freude bereitet dem passionierten Mensa-Gänger allerdings der Zeitpunkt der Abrechnung. Für Salat, einen großen Teller Suppe, Brot, Kartoffelpüree, ein Stückchen Fleisch und eine „Pluschka“ für zuhause berappt man am Schluss knapp 80 Cent. In der Mensa am Aasee hätte es für den dreifachen Preis ein frittiertes Etwas mit weißer Soße und ein paar Kräutern drin, Fertigsalat auf Zuckerdressing und zwei Beilagen gegeben. Da lob ich mir doch die Schulkantine!

Donnerstag, 14. Oktober 2010

Wie Ravioli, nur ohne „extra viel Fleisch in der Soße“

Oder: Von (Super-)Märkten


In der Fleischhalle eines großen Marktes.
 Speck, Speck, Speck – meine größte Sorge, bevor es in die Ukraine losging. Angeblich soll Speck gut für die Leber sein, sagte man mir in der Ukraine. Angeblich soll man hier Speck dünn geschnitten, gebraten oder gekocht zu allen Speisen, Tageszeiten und Anlässen essen, sagte man mir Deutschland. Meine erste Erfahrung mit Speck habe ich ja schon gemacht, es war meine einzige und das bleibt hoffentlich so. Denn die ukrainische Küche hat deutlich mehr zu bieten, als dieses weiße, zähe und mehr als tote Stück Fleisch. (Ein Vergleich des Sprecks mit der Küche der DRK-Landesschule in Münster lässt sich ziehen, dort ist das Fleisch, wenn es auf dem Teller liegt, auch schon zweimal gestorben.)

Halbierte Kalbsköpfe.

Nationalgericht hier ist der Borsch, ein Eintopf aus Roter Beete, Kohl, Kartoffeln und anderen Zutaten. „Jede Köchin kocht ihren eigenen Borsch“, so heißt es hier – und somit schmeckt ein Borsch immer lecker, aber auch immer anders, ja nachdem, wo man ihn isst. Auf Platz zwei der typisch ukrainischen Speisen stehen die Wareniki. Das sind gefüllt Teigtaschen, vielleicht Ravioli ähnlich, nur dass man sie nicht in Dosen bekommt und das sie nicht mit Tomatensauce oder mit „extra viel Fleisch in der Soße“ serviert werden. Man füllt sie hier mit Fleisch, Käse, Quark, Kartoffeln oder Pilzen; alternativ gibt es sie auch mit Beeren gefüllt in süßer Variante. Wenn man sie nicht süß isst, gibt es eigentlich keine Sauce dazu, sondern nur einen Schlag saure Sahne, die hier „Smetana“ genannt wird. Wareniki gibt es auch in einer kleineren Variante, vielleicht mit Tortellini vergleichbar. Diese Teigtaschen heißen Pelmeni und werden eigentlich mit denselben Zutaten gefüllt.

Speck, Speck, Speck.

Nicht vergessen werden darf der Fisch, der hier auf der Speisekarte ganz oben steht. Ich bin allerdings nicht der große Fischesser und halte mich angesichts der Tatsache, dass der meiste Fisch aus dem Dnjepr kommt, der vor dem Industriezentrum Saporoschje schon das Industriezentrum Dnjepropetrowsk passiert hat, und somit das ein oder andere Schwermetall zusätzlich mit sich führt, fern. Die zweite Herkunft für Fisch ist nämlich der große Stausee in der Nähe der Stadt, an dem das größte Atomkraftwerk der Ukraine steht. Ukrainische Atomkraftwerke haben schon Geschichte geschrieben, deshalb ist hier auch Vorsicht geboten. In allen größeren Supermärkten hier gibt es übrigens Aquarien, in denen der Fisch noch schwimmt, bevor man ihn kaufen kann. Den Gegensatz dazu bieten dann Tankwagen auf den Märkten, in denen ebenfalls Fisch drin ist. Der wird auch verkauft, aber ich weiß nicht, ob der Fisch in diesen Wagen noch lebt, bevor er raus bekommt, und wann er überhaupt gefangen wurde. Das Wo wäre auch interessant – denn ich habe schon Angler gesehen, die es tatsächlich wagen, in dem Fluss zu angeln, der einmal durch das Industriegebiet geflossen ist und dann im Dnjepr mündet. Rostbraun ist seine Farbe, die Sichttiefe beträgt zwei Zentimeter.


Nun zu den Einkaufsmöglichkeiten: Zwei Alternativen bieten sich in der Ukraine. Entweder kauft man im Supermarkt ein – oder auf einem der vielen Märkte, die hier in jedem Bezirk zu finden sind. Die Supermärkte hier könnten, so wie sie sind, auch in Deutschland stehen. Scannerkasse, Rabattkarte, Tiefkühlabteilung, Konserven oder Käsetheke gibt es hier auch. Der Unterschied steckt allerdings im Detail: Milch wird in Tüten verkauft, in der Tiefkühltheke gibt es gefrorenes Gemüse oder Krabben zum Selberabfüllen mit Schäufelchen, an der Gemüsewaage steht noch Personal, das das Wiegen übernimmt, Fleisch gibt es in allen erdenklichen Körperteilen des Ausgangslebewesen separiert verpackt und am Ausgang wird von der Security regelmäßig der Inhalt der Tüte mit dem Kassenbon verglichen – meistens dann, wenn man den nicht mitgenommen hat.

Hühnerfüße.

Die zweite Möglichkeit, sich zu versorgen, sind die Märkte. Diese sind nicht vergleichbar mit „dem“ deutschen Wochenmarkt, der samstags auf dem Marktplatz stattfindet, denn es gibt keine Stände, die aufgebaut werden, sondern fest installiert Blechhütten, in denen alles verkauft wird, was so groß ist, dass man es noch zu Fuß abtransportieren kann. Natürlich ist das viel Obst, Gemüse, Fisch oder Fleisch, aber auch Kleidung, CDs, Gebäck, Scheren, Besteck, Dichtungen, Schrauben, Nägel, Spielzeug und, und, und. Das meiste Obst und Gemüse stammt von den Datschas aus der Umgebung und wird von Leuten verkauft, die sich ein paar Griwna dazuverdienen.

Und es gibt nicht nur Lebensmittel - sondern alles, was man irgendwie kaufen kann und was sich zu Fuß abtransportieren lässt, kann man hier auf dem Markt finden.

Für einen Laib Brot zahlt man übrigens knapp 30 Cent, das Kilo Tomaten bekommt man für 1,20 €; die Grundnahrungsmittel sind also sehr günstig, alles andere ist aber deutlich teurer: Käse kostet etwas mehr als bei uns und für importierte Exprodukte muss man deutlich mehr zahlen. Eine Flasche Warsteiner kostet 3 €, während das (sehr gute) einheimische Bier zwischen 30 und 50 Cent zu haben ist. Einzige Ausnahme: Beck’s kostet hier ebenfalls 50 Cent pro halbem Liter. Vermutlich, weil es zur „Inbev“-Gruppe gehört, die in der Ukraine sehr aktiv ist und es wahrscheinlich einfach hier braut. Das Bierangebot ist also groß, aber noch umfangreicher gefüllt ist natürlich das Wodka-Regal: Ab 2 € findet man das „Wässerchen“ hier in allen Flaschenformen, -größen und Namensvarianten. Ich konnte mich noch nicht den durch den Angebotsdschungel schlagen, da ich noch in der Bier-Probierphase bin. Einige gute Hopfengetränke habe ich schon gefunden, aber es warten noch, verköstigt zu werden.

Dienstag, 12. Oktober 2010

Mein Kabinett

Oder: Kalt, aber funktional



Von nun an arbeite ich in der Kneipe (mehr Informationen hier). Zwar darf die Kneipe offiziell vor den Schülern nicht Kneipe genannt werden, aber im Kollegium ist dieses Wort gesetzt.
Zur Erläuterung: An ukrainischen Schulen gilt das Lehrerraum-Prinzip. Das heißt, dass die Schüler nicht einen eigenen Klassenraum haben, sondern die Lehrer. Somit wandern die Schüler jede Stunden von Raum zu Raum (im Kollegium spricht man scherzhaft von den „Touristen“). Der Lehrer dagegen darf es sich gemütlich machen, vor allem sind die Räume deutlich ansprechender eingerichtet und die Zerstörungswut in den Mittelstufenklassen macht sich zumindest in den Schulräumen nicht bemerkbar (im Gegensatz zu den Räumen in deutschen Schulen).
Da mittlerweile auch ich begonnen habe, zu unterrichten, besitze ich die Ehre, ebenfalls einen eigenen Klassenraum mein Eigen nennen zu dürfen. Durch den Anbau ist das Gymnasium 46 in der glücklichen Lage, mehr Räume als Lehrer zu haben, was in der Ukraine nicht der Standard ist. Es gibt Schulen, deren Gebäude so klein sind, dass im Zwei-Schicht-System vormittags und nachmittags gearbeitet wird. Meine zwölf Stunden Deutschunterricht verteilen sich im Moment auf die Klassen 5, 8 (dort in drei verschiedenen Kursen) und 10 – an drei Tagen habe ich also zwei Stunden Unterricht, an zwei Tagen drei Stunden Unterricht. Das hört sich nach wenig an – aber ich habe noch keine Routine und muss dementsprechend mehr Zeit in die Vorbereitung stecken, dennoch sind 12 Stunden im Vergleich zu 20 oder 25 Wochenstunden (die hier üblich sind) natürlich schon ein großer Luxus.

„Kabinett“ – das ist (grob übersetzt) das russische Wort für Büro und bezieht sich in der Schule auf den Klassenraum. Ich nenne also nicht eine ganze Ministerriege mein Eigen, sondern nur einen Raum mit fünf Tischen, ein paar mehr Stühlen und einer ziemlich kleinen Tafel. Geld gibt es hier sowieso nicht viel, das Schulinventar hat in den meisten Fällen schon einige Jahre auf dem Buckel und in den Klassenräumen stehen alte Wohnzimmerschränke oder sogar ganze ausgediente Schrankwände, die als Lagerraum für Bücher, Hefte, Karten, Teekocher, Kekse und vieles mehr herhalten. In meinem Kabinett steht allerdings kein Schrank, sondern nur eine Vitrine (!) mit einem großen Spiegel. Stil: Gelsenkirchener Barock. Mir ist unerklärlich, wie und vor allem warum das mal in die Schule gewandert ist.

Neben Unterrichten und Unterrichtsvorbereitungen wird in den nächsten Wochen also eine weitere Aufgabe sein, mein Kabinett ein wenig ansprechender aussehen zu lassen. Am schönsten wäre allerdings, wenn endlich die Heizung funktionieren würde. Die schönste, wohnlichste und angenehmste Raumgestaltung ist hinfällig, wenn es an der frischen Luft deutlich um die 5° sind und drinnen leider nicht geheizt werden kann, weil die Heizungen in der gesamten Ukraine erst in einem Monat eingeschaltet werden. Da aber Wahlkampf ist, hat man sich hier entschlossen, gegenüber der eigentlichen Regelung, am 1. November die Heizungen einzuschalten, schon etwas früher zu heizen. Schließlich muss das Volk bei Laune gehalten werden.

Mittwoch, 6. Oktober 2010

Neuigkeiten

Ein Sammelsurium an kleinen Nachrichten wird dieser Eintrag hier.

Die erste Nachricht: Mein Internetstick funktioniert nicht mehr, aus diversen Gründen, und deshalb bin ich jetzt auf das Internet der Schule angewiesen (was bedeutet: keine deutsche Tastatur, langsamer Rechner, aber gute Internetverbindung und vor allem: kein Internet zuhause, schade, aber es gibt noch genug Lesestoff im Regal). Deshalb bin ich zurzeit am besten per Email zu erreichen.

Die zweite Nachricht: Wer mir Post schicken möchte, kann diese gerne tun. Der Briefkasten im Hausflur ist leider nicht sehr vertrauenserweckend, deshalb geht Post am besten an die Schule. Die Adresse lautet:
Запорiзъка гiмназiя но. 46
Кай Регенер
Вул. Орджонiкiдзе, Буд. 29
69009 Запорiжжя
Ukraine
 
Wer das nicht ausdrucken möchte oder kann, darf auch gerne einfach in lateinischen Buchstaben schreiben, das kommt auch an (und hat sogar schon funktioniert):
Gymnasium Nr. 46
[hier dem Kai sein Vor- und Nachname einsetzen]
Ordshonikidsestrasse, 29
69009 Saporishja
Ukraine

Die dritte Nachricht:
Ich habe erfolgreich meine erste Unterrichtsstunde gehalten! Die SchülerInnen aus der 8a hatten die Ehre, meine Lehrfähigkeiten kennenzulernen und haben mich sogar verstanden ;-) Das war gestern, heute bin ich dann auch nochmal spontan an die Reihe gekommen, denn die Lehrerin, bei der ich hospitieren wollte (in der fünften Klasse) fiel aus und dann habe ich mir spontan einige (Sing-)Spiele mit hohem deutschen Sprechanteil genommen und den Mädchen und Jungen "Hallo, ich bin der Hannes" beigebracht (vielleicht kennt es ja der ein oder andere Blog-Leser). Morgen gehts dann direkt weiter und am Freitag auch - Schritt für Schritt komme ich also an meine 12 Stunden heran, die ich hier arbeiten soll.
 
Die vierte Nachricht:
Es ist kalt. Bitterkalt, um genau zu sein. Ich weiß nicht, wie das funktioniert, aber vor genau einer Woche waren es noch 25° und bestes T-Shirt-Wetter. Letzten Freitag gabs dann den Wetterumschwung und nun ist es nich einmal mehr kühl, sondern kalt. In Zahlen: Gestern Abend zeigte das Thermometer fünf Grad, heute nacht waren es fast null. Das Ganze wäre nicht weiter tragisch, wenn es nicht diesen einen, kleinen Haken gäbe: In der gesamten Ukraine werden die Heizungen erst ab dem 01. November eingeschaltet. Das ist immer so gewesen und wird zentral für das ganze Land so gehandhabt; wie warm oder kalt es ist, spielt dabei keine Rolle. Warum? Ich weiß es nicht.
In meiner Wohnung gibt es wenigstens eine Klimaanlage, die auch heizen kann, aber in der Schule natürlich nicht. Hier ist es eisig, man ist froh, wenn man 30 SchülerInnen da hat, denn dann ist der Klassenraum etwas wärmer. Die Deuschkurse haben aber maximal nur 10 TeilnehmerInnen, und natürlich fehlen zu dieser Jahreszeit (und eigentlich sowieso auch immer) einige Schüler. Alternativ hilft man sich mit Mantel und Winterkleidung aus, aber hier wird schon fleißig diskutiert, ob man nicht Kurzunterricht einführt. Ich würde es ganz stark befürworten, aber ich bin ja nur Praktikant ;-)
Andererseits ist das natürlich eine super Eingewöhnung für die Winterzeit, schließlich werden es hier im Winter gewöhnlich mehr als 20 Grad minus. Da freu ich mich jetzt schon drauf.

Sonntag, 3. Oktober 2010

Odessa – Saporischschja

Oder: Stunde um Stunde in der Bahn


"Saporischschja - Odessa"


Ein wenig habe ich ja schon über das Bahnfahren in der Ukraine berichtet. Ein paar Details kann ich nun noch hinzufügen, schließlich habe ich schon die ein oder andere Stunde in den Abteilen der ukrainischen Eisenbahn verbracht. Insgesamt schon 90 Stunden, seitdem ich Berlin Ende August in Richtung Odessa verlassen habe. Hier die wichtigsten Fragen und Antworten für alle, die einmal in der Ukraine in die Bahn steigen möchten.

Wo sind wir? Ja klar, am Bahnhof "Kilometer 174".

Wo fährt mein Zug ab?
In jeder Stadt gibt es mindestens einen Bahnhof; in Saporoschje beispielsweise die Bahnhöfe „Saporoschje 1“ und „Saporoschje 2“ – der eine für den Nah-, der andere für den Fernverkehr. Große Bahnhöfe haben auch elektrische Anzeigen, an denen man sich orientieren kann, wichtige Informationen werden aber (ganz so wie in Deutschland, man denke an die unverständliche und unmenschliche Stimme der weiblichen Ansagerin im Münsteraner Hbf) per Lautsprecherdurchsage durchgegeben und nicht alle Infos werden zwingend angezeigt. Also besser durchfragen, wo es losgeht, sonst ist der Zug weg. Am Bahnhof „Saporoschje 1“ gibt es sogar eine Tafel, auf der alle Züge stehen, die das gesamte Jahr ankommen und abfahren.

Woran erkenne ich meinen Zug?
Da immer mal wieder Wagen während der Fahrt angekoppelt oder abgekoppelt werden, fahren nicht alle Wagen zum eigentlichen Ziel (deshalb ist Wagen 7 auch gerne neben den Wagen 12 bis 15, dann kommt schon Wagen 20 usw.). Immer schön gucken, was auf dem Wagen steht, sonst landet man nicht da, wo man hinmöchte. Allerdings ist die Gefahr, in den falschen Wagen zu steigen, sehr gering, denn an der Waggontür steht beim Einstieg die Zugbegleiterin und kontrolliert das Ticket.


Mitten durch die ukrainische Steppe; kilometerweit Acker, schwarze Erde, ein paar Sträucher und Wiese.
In welcher Zugklasse sollte ich fahren?
Vier Alternativen stehen zur Auswahl: Obschi (Sitzbank), Platzkarta (Liegebänke im Großraumwagen), Kupe (Liegeplätze im 4er-Abteil) oder Ljuks (Liegeplätze im 2er-Abteil); von der ersten bis zur letzten Variante wird es teurer, aber bequemer. Die Standardvariante ist das Kupe – zwei Bänke unten, zwei Bänke oben, ein kleiner Tisch. Alle Klassen darunter sind muffiger, lauter und unbequemer; die Gefahr, dass jemand schnarcht, ist aber immer gegeben – aber auch, dass man nette Leute kennenlernt und die lange Bahnfahrt nicht nur mit Buch und Schlafen, sondern auch mit Bier (alternativ: Tee) und Quatschen verbringt.

Wieviel Zeit sollte ich für meine Bahnfahrt einplanen?
Generell fährt die Bahn überallhin, aber es dauert lange, geht fast nur über Nacht und meistens auch nur einmal am Tag. Zwischendurch steht man planmäßig, aber aus unerklärlichen Gründen mal 20, mal 30 Minuten an größeren Bahnhöfen und fährt nicht weiter. Tagsüber geht es am langsamsten vorwärts, in der Nacht meistens schneller. Und was dann nahezu unmöglich erscheint, geht auch hier: Die Bahn kommt zu spät. Wie das trotz mehreren Stunden Standzeit als Puffer geht, kann ich mir nicht erklären.

Wie ist der Service in der Bahn?
Personal gibt es wie Sand am Meer – pro Wagen eine oder einen ZugbegleiterIn. Auf meiner letzten Fahrt nach Odessa sogar drei. Allerdings schauten sich die beiden Männer die gesamte Fahrt Filme in ihrem Abteil an und die Frau war die einzige, die arbeitete. In jedem Wagen gibt es einen großen Samowar und Tee wird ins Abteil gebracht – für 20 Cent.
Das Klo kann man nach spätestens einer Stunde Fahrt hygienisch vergessen – und eine Spülung gibt es auch nicht, nur ein Pedal am Boden. Wenn man darauf tritt, öffnet sich die Kloschüssel und der Inhalt wird direkt auf die Gleise befördert. Und es gibt eine Halterung für Brille und Deckel, damit sie hochgeklappt bleiben – sehr sinnige Idee. Aber Achtung: Wenn der Zug im Bahnhof steht, werden die Toiletten geschlossen und man sie nicht benutzen. Da der Zug viel steht, sind die Toiletten auch oft zu...


16 Stunden Zugfahrt lassen sich am besten mit viel Lesestoff verbringen.
Was muss ich dafür bezahlen?
Eine Bahnfahrt kostet im Kupe circa 10 € - natürlich abhängig von der Strecke, aber meistens kann man mit einem Preis in dieser Größenordnung rechnen. Frische Bettwäsche und Handtücher sind im Reisepreis inklusive.

Was bekomme ich für mein Geld?
Viel Personal pro Reisendem, Bettwäsche, günstig Tee und eine große Tour durch die Ukraine. Viel Landschaft, viel schwarze Erde, viele Haltestellen, viele Kühe, Schafe, Ziegen, Pferde und Gänse direkt an der Bahnstrecke.
Besondere Highlights: Wenn der Zug am Bahnhof mit dem Namen „51ster Kilometer“ hält, an dem drei Häuser stehen und ein paar Kühe am Gleis den Zug anschauen – es steigt natürlich niemand ein oder aus. Die nächste Station: Der Bahnhof mit den Namen „66ster Kilometer“. Hier steht ein Haus, am Bahnhof grasen (!) einige Schweine. Ein- oder Aussteigen tut niemand. Warum oder wonach die Bahnhöfe be-kilometert werden bleibt unklar.
Auch schön: Der Schaffner bittet dich, deinen Laptop nutzen zu dürfen, weil sein Akku leer und das Ladegerät weg ist. Dafür bekommst du im Gegenzug ein Stromkabel ins Abteil gelegt, das du die nächsten 14 Stunden nutzen kannst und Tee gibt es auch umsonst. Soviel Service hat noch nicht einmal die Deutsche Bahn in der ersten Klasse und dort würde dieselbe Strecke zehnmal soviel kosten – aber deutlich schneller zurückgelegt werden.

Samstag, 2. Oktober 2010

Odessa, die zweite

Oder: Botan i gogol mogol


Gerade erst vor zwei Wochen hatte ich Odessa verlassen, um nach Saporoschje zu reisen. Nun hieß es wieder: 500 km nach Westen ans Schwarze Meer mit der Ukrainischen Eisenbahn in 16 Stunden.

Am Schwarzen Meer.

In Odessa fand ein Seminar für die deutschen und die ukrainischen Deutschlehrer der Südukraine statt – was heißt, dass eine Kollegin von meiner Schule, ukrainische Lehrerinnen aus den Städten Alexandria, Mykolaew, Odessa, Ismail, Kriwoj Rog, Sewastopol, Simferopol und Jewpatoria und die vier deutschen Lehrerinnen und Lehrer von der Krim und Kriwoj Rog nach Odessa kamen, um an verschiedenen Themen für die Deutschprüfungen und den Deutschunterricht hier zu arbeiten. Insgesamt rund 20 Personen nahmen am Seminar teil – und nach spätestens zwei Tagen herrschte dann auch völliger Seminarcharakter, denn dann kennt man die TeilnehmerInnen, die sich strebsam fünfmal hintereinander melden und doch unsinnigen Quatsch erzählen, die sich von Beginn bis Ende erfolglos versuchen wachzuhalten, die schlecht Deutsch können, sich aber mit besten deutschen Floskeln über Wasser halten oder einfach die gesamten fünf Tage schweigen. Wie in der Schule, nur dass die Lehrer die Schüler sind.

Die Matrosenschule hat ein eigenes Schiff auf dem Dach.

Ein Seminar kann natürlich trocken sein, aber für mich war die Reise ans Schwarze Meer damit verbunden, mal wieder ein paar deutsche Gesichter zu sehen und ein west-europäerischeres Leben als in Saporoschje zu genießen. Wir waren in einem Hotel in der Innenstadt untergebracht, sodass ich nicht mit der Marschrutka fahren musste. Ein Segen, denn in Odessa sind die Marschrutkas zu allen Tageszeiten chronisch überfüllt. In der Innenstadt lässt sich alles zu Fuß erreichen und bei einem zweiten Besuch in einer Stadt kennt man natürlich schon Tücken, gute Ecken und die Orientierung fällt deutlich leichter. Mein deutscher Kollege Caspar, der auch am Seminar teilnahm, hatte einige Jahre in Odessa gelebt und kannte einige gute Restaurants, Kneipen und Cafés, sodass ich nach Seminar-Ende meine Freizeit in intensiver Auseinandersetzung mit Odessa verbrachte.
Odessa ist eine tolle Stadt – und nicht nur, weil sie direkt am Schwarzen Meer liegt. Sie hat einen nahezu mediterranen Stil, die Gastronomie ist super und es gibt auch viel Kultur. Von der versteckten Kellerkneipe, zu der man nur durch eine unbeschriftete Tür in der Seitenstraße gelangt, über eine fantastische Oper bis zum Café im Prenzlauer-Berg-Stil gibt es hier alles, was das Herz begehrt. Das ganze zu Preisen, die im Vergleich zu Deutschland spottbillig sind: einen halben Liter Bier ab 70 Cent im Restaurant, einen frischgepressten Saft – ebenfalls ein halber Liter – für 2,50 €, die Opernkarte in der besten Loge für 6 € oder CDs mit internationaler Musik für 3 €.

Die Oper von Odessa.


In der Ukraine hat sowieso jeder mindestens ein Handy - da überreden einen auch übermäßig viele Kabel nicht zur Nutzung einer Telefonzelle.

Beim zweiten Besuch gewöhnt man sich auch an die Tücken der Stadt. Die Schlagloch-Bürgersteige verwandeln sich bei Regen in Seen mit kleinen Inseln, die springend und hüpfend erreicht werden müssen. Gullis betritt man sowieso nicht, da sie nie fest sind – ein Einheimischer sagte mir schon, dass man Touristen daran erkennt, dass sie keinen Bogen um Gullis machen. Aber nicht nur in Gullis kann man versinken, auch der gepflasterte Bürgersteig kann unterspült sein und unerwartet befindet man sich beim Auftreten 10 cm tiefer. Rote Ampeln kann man in der Ukraine getrost ignorieren, das ist wie in den USA – auch hier erkennt man Touristen daran, dass sie an der roten Ampel stehen bleiben. Das wachsame Auge beim Überqueren einer roten Ampel muss man allerdings auch beim Überqueren bei grünem Licht beherzigen – denn entweder halten sich Autofahrer nicht an die Ampelfarben oder die Ampeln sind an so komischen Stellen angebracht, dass man sowieso nicht weiß, auf was man jetzt gucken muss.

Hinterhof, auf dem Schild steht "Kraft".

Und was habe ich noch während des Seminars gelernt?
- Streber heißt auf Russisch „Botan“, was zu deutsche „Botaniker“ bedeutet.
- Es gibt Schulen in der Ukraine, die ihren Unterricht in Doppelstunden organisieren, diesen aber nicht in zweimal 45 Minuten teilen, sondern in dreimal 30 Minuten, damit die Schüler zweimal und nicht nur einmal fünf Minuten zu spät kommen.
- Vor zehn Jahren konnte man sich in Odessa durchaus leisten, die 30 Minuten Fußweg zur Schule als Lehrer jeden Morgen mit dem Taxi zurückzulegen – für 50 Cent ein Schnäppchen. Heute kostet dieselbe Strecke 2,50 €.
- Rosa Toilettenpapier ist hier nicht unüblich.
- Die "Potomkinsche Treppe", das Wahrzeichen von Odessa überhaupt, hat 192 Stufen. Es waren einmal 200, die restlichen acht werden mittlerweile von einer neuen Hauptstraße bedeckt. Wenn man schon ein Wahrzeichen hat, dann sind die acht Stufen anscheinend auch egal. Man sollte den Kölner Domtürmen mal die Spitzen abnehmen...
- Ein „Gogol Mogol“ ist ein geschlagenes Ei mit Zucker. Soll ganz gut schmecken.
- Die Miliz (= Polizei) kann dich aus den unerfindlichsten Gründen anhalten, vor allem wenn du mit dem Auto unterwegs bist. Wenn sie dich anhalten, bist du mindestens 10 € los (was mir zum Glück noch nicht passiert ist).
- Krivoj Rog ist die längste Stadt der Ukraine. 700.000 Menschen wohnen in einer Stadt, die 120 km lang ist und deren Industriegebiet sogar noch mehr Staub und Gestank produziert als das in Saporoschje.
- Ein Funktionsverbgefüge (Achtung, liebe Germanistikstudenten!) ist eine feste Verbindung zwischen Verb und Substantiv, bei der das Substantiv von einem Verb abgeleitet wurde (z. B.: Verantwortung übernehmen – Nachricht geben – in Kraft treten...)

Vor allem aber habe ich „mitgenommen“, dass ich in den nächsten sechs Monaten noch einmal nach Odessa reisen muss. 16 Stunden im Zug hin oder her – die Reise ist es definitiv Wert.