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| Blick auf die Lichtershow aus meiner Wohnung. |
Saporoschje hatte letzten Samstag Geburtstag. Die Stadt feierte ihr 240jähriges Bestehen. Das mag für einen Mitteleuropäer recht mickrig klingen, ist in der Ukraine aber ein gewöhnliches Alter für eine Stadt. Für die ältesten Japanerinnen ist das wahrscheinlich ein Witz, aber die durchschnittliche Lebenserwartungen in der Ukraine beträgt für Männer 60 Jahre, für Frauen 10 Jahre mehr – da sind 240 Jahre natürlich eine andere Dimension und somit ein guter Grund, zu feiern. Die Feier fiel sogar deutlich größer als gewöhnlich aus, denn wir befinden uns hier gerade auf dem Höhepunkt des Wahlkampfes. Am 31.10. darf die ukrainische Bevölkerung ihre Kreuzchen machen und bis dahin wird hier mächtig die Werbetrommel gerührt.
Der Wahlkampf hat durchaus positive Effekte: Die Heizungen laufen, obwohl sie gewöhnlich erst am 1. November eingeschaltet werden. Anfang Oktober war es hier eiskalt um die 0 Grad, mittlerweile gibt es herbstliche Temperaturen zwischen zehn und fünfzehn Grad. Wenn die Heizung einmal an ist, bekommt man sie übrigens nicht mehr aus. „Ganz oder gar nicht“, lautet die Devise. Es gibt keine Regler an den einzelnen Heizkörpern; die Temperatur in der Wohnung lässt sich somit nur über Fensteröffnen regulieren. Das zum Thema Umweltschutz – aber da Gas und Wasser sowieso meist pauschal gezahlt werden, interessiert das fast niemanden hier.
Zweiter positiver Effekt der anstehenden Wahlen: Es tut sich was am Straßenbelag. Auf dem Weg zur Schule fährt meine Marschrutka-Linie mitten durch das Industriegebiet auf der „Diagonalen Chaussee“. Diese Straße heißt wirklich so, bei „diagonal“ kann man getrost zustimmen, „Chaussee“ ist definitiv ein Euphemismus. Die Situation wurde auch durch die Flickschusterei der Bauarbeiter nicht besser – der kalte Winter sorgt natürlich für eine Menge Schlaglöcher. Diese werden oft nicht ausgebessert und wachsen über die Jahre dann zu Schlag-Kratern. Auf vielen Abschnitten der „Diagonalen Chaussee“ hat man sich dem einfachsten Mittel bedient: Dort, wo viele Schlaglöcher waren, hat man den Asphalt einfach abgefräst. Wenn sich dann aber im abgefrästen Teil Schlaglöcher bilden, muss man wieder flicken, schließlich kann man nicht unendlich abfräsen. Das tat man vor einigen Wochen dann, anscheinend mit für hiesige Verhältnisse großem Umfang, wenn ich den Aussagen meiner Kolleginnen glauben darf.
Dritter positiver Effekt: Die Geburtstagsparty fiel dieser Jahr nahezu monströs aus: Auf dem „Festivalna“-Platz, direkt bei mir um die Ecke, fand am Samstagabend ein Konzert mit den Stars und Sternchen der ukrainischen Popszene statt. Dazu gab es eine große Licht-Show und ein bombastisches, fünfzehnminütiges Feuerwerk. Bezahlt hat das natürlich nicht die Stadt, sondern die Partei des Ministerpräsidenten. Während in Deutschland kaum Bands und Sänger für eine Partei auftreten, gab sich hier das – mir völlig unbekannte – „who is who“ der nationalen Musikszene ein Stelldichein. Der Platz war völlig überfüllt. Obwohl in fünf Bezirken Live-Übertragungen stattfanden, waren sicherlich 50.000 Menschen dort. Dass ich direkt um die Ecke wohne, war diesmal sicherlich ein Vorteil, denn die Menge löste sich sofort nach Ende der Veranstaltung auf – und über das Nahverkehrssystem hier habe ich schon geschrieben. Wie bekommt man tausende Leute nur mit Mini-Bussen und ein paar Straßenbahnen ins Zentrum und wieder raus? Es scheint irgendwie geklappt zu haben, ich konnte jedenfalls zu Fuß nach Hause gehen.
Dass Wahlkampf ist, erlebe ich in der Schule ebenfalls jeden Tag: Die Schuldirektorin ist Abgeordnete im Stadtrat, meine Mentorin für dieselbe Partei völlig in den Wahlkampf verwickelt und sicherlich ein Dutzend anderer Lehrerinnen auch. In den Pausen gibt es regelmäßig Partei-Versammlungen, im September wurde Wahlwerbung an der Schule gedreht. Außerdem wird in der Schule ein Wahlbüro eingerichtet. Die Klassenräume im Erdgeschoss sind jetzt schon mit Landesfahnen geschmückt und umgebaut – hier ist wiederum ein anderer großer Teil des Kollegiums aktiv, denn das Stimmzählen und Beaufsichtigen der Wahlen ist ein kleiner Zusatzverdienst.
Und schließlich wirken sich die Wahlen auch direkt auf das Schulleben aus: Nicht nur in Nordrhein-Westfalen ist der 1. November ein Feiertag, auch am Gymnasium 46 wird es frei geben, weil am Tag nach der Wahl noch Stimmen gezählt werden und Material herumsteht. Passenderweise sind vorher Schulferien, sodass diese einen Tag länger dauern. Der Haken an der Sache: Dieser Montag wird am ersten Feriensamstag vorgearbeitet, morgen gehts also in die Schule, obwohl eigentlich frei wäre.


















