Oder: Die ersten richtig eigenen vier Wände
„Straße der 40 Jahre der sowjetischen Ukraine, Hausnummer 61, Wohnung 39“ – meine Adresse für die nächsten sechs Monate und gleichzeitig auch das erste Mal, dass ich in meiner eigenen Wohnung lebe. Kinderzimmer ade, Wohngemeinschaft ade, hallo Ukraine!
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| Idylle pur (der Blick aus der Tür in den Innenhof ist zensiert): hier rein und dann noch vier Treppen hoch. |
Aus Odessa wusste ich schon, dass das Treppenhaus und die Umgebung nichts über die Wohnung im Inneren eines Hauses aussagen. Eigentlich muss man sagen, dass die Wohnungen umso besser aussehen, je dreckiger, versiffter und kaputter das Treppenhaus ist. Auch hier fehlen Fliesen, die Farbe platzt von der Wand und im Innenhof liegt ziemlich viel Zeug rum, das eigentlich auf einer Mülldeponie besser aufgehoben wäre - übrigens direkt neben den Spielgeräten für die Kinder. Dieser Theorie zufolge müsste meine Wohnung eigentlich ziemlich gut aussehen, dachte ich mir, als meine Mentorin mich bei meiner Ankunft vom Bahnhof abholte und ich das erste Mal die Treppe hochging. Und tatsächlich lassen sich meine vier Wände sehen, zwar nicht in den angesagtesten Farben und der absoluten Top-Qualität, aber immerhin. Gasherd, Kühlschrank, Badewanne, Waschmaschine und Balkon sind schon mal eine Ausstattung, mit der sich arbeiten lässt.
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| Der Blick vom Balkon. |
Wohnungen werden hier meistens möbliert vermietet, was mir zugute kommt, denn eine ausgiebige Möbelsuche hätte vermutlich viel Zeit geraubt; allerdings muss ich nun mit dem leben, was hier steht. Bett, Kleiderschrank und Nachttisch sind in elfenbeinfarbenem Holzfurnier gehalten, was ausgezeichnet zum dunkelgrünen Teppich und den orange-getupften Tapeten passt. Im Gegensatz dazu beißen sich Bad und Küche nicht so krass mit meinem Farbgeschmack, obwohl die mint-grüne Tapete in der Küche ein Muster hat, das man vielleicht am ehesten mit Eidechsenhaut vergleichen könnte. Das Pendant dazu klebt in orange im Flur an der Wand. Mein kleiner Balkon mit viel Grün davor macht diese kleinen Makel aber wieder wett.
Da ich ganz oben in der fünften Etage (= 4. Obergeschoss in Deutschland, aber nicht in ganz Deutschland, denn ich habe erfahren, dass in einigen Regionen Thüringens auch ohne Erdgeschoss gezählt wird; herzlichen Dank für diese landeskundliche Information, Jule!) wohne, habe ich auch nur nebenan und untendrunter Nachbarn, die bisher nicht mit immenser Lautstärke aufgefallen sind. Die Wände scheinen hier auch nicht bleckmannsch’e WG-Qualität aus Münster zu haben, sodass man nicht das Husten von nebenan hört. Allerdings muss ich feststellen, dass die Aussage „Holz lebt“ auch auf Stein bezogen werden kann, denn meine Bad-Wand hat sich schon in der einen Woche hier leicht in Richtung Nachbarwohnung verschoben; dies lässt sich wunderbar anhand der Breite des Ritzes in der Badezimmerecke beobachten, stört aber nicht weiter und bedeutet ja eigentlich auch mehr Wohnraum für dasselbe Geld.
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| Mein Hausblock vom Innenhof aus gesehen. |
Das einzige wirklich Manko an der Wohnung ist der Stromzähler. Während ich von den Nachbarn kaum was höre, dreht der Stromzähler seine Runden mit einem behäbigen Rattern und Summen, sodass ich beim Einschlafen mit einer wenig angenehmen Hintergrundmusik begleitet werde. Einzig gutes Zeichen daran ist, dass man weiß, dass es noch Strom gibt. Den ersten (hier nicht untypischen) Stromausfall habe ich nämlich auch schon mitbekommen.




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