Mein erster Schultag – und zwar nicht als I-Dötzchen mit Schultüte in der Hand in der St. Martinus-Grundschule in Uedesheim am Rhein, sondern als Deutschlehrer am Gymnasium Nr. 46 in Saporoschje am Dnjepr.
Um zur Schule zu kommen, muss ich mit der Marschrutka von meiner Wohnung circa 20 Minuten fahren – und zwar nicht an der Uferpromenade entlang, sondern direkt durch das Industriegebiet. Leichter Schwefelgeruch zieht in den Mini-Bus, rechts und links Fabrik an Fabrik, Schornstein an Schornstein. Die Straße führt schnurgerade an den Betrieben vorbei, nach zehn Minuten erreicht die Marschrutka dann das „Raion“ (ukrainisch für Stadtteil), das - umzingelt von Fabriken und dem Dnjepr - der Ort ist, in dem meine Schule liegt.
Das Gymnasium Nr. 46 der Stadt Saporischschja - so ungefähr steht es auf dem Schulschild.Die Schule besteht aus zwei Gebäude-Teilen, der alte stammt aus dem Jahr 1937, der neue aus dem Jahr 1995. Der ältere ist aber vor einigen Jahren renoviert und macht einen deutlich besseren Eindruck als der alte, denn der sieht eigentlich so aus, als ob er aus den 50er Jahren stammen würde. Durch den Anbau ist die Gebäudestruktur auch etwas kompliziert, im Kollegium wird gerne auch über „das Labyrinth“ gesprochen. Nach zwei Tagen habe ich das System aber verstanden, muss aber aufpassen, denn im Russischen gibt es kein Erdgeschoss, sondern es wird von „Etage 1“ an gezählt. In Deutschland hätte das Gebäude also 2 Geschosse, hier sind es drei Etagen. Verkompliziert wird das Ganze durch die Kolleginnen, die dieses System dann für mich „westeuropäisieren“, dann ist man komplett durcheinander und läuft vielleicht die eine Treppe zuviel hoch oder runter.
Der Haupteingang liegt im neuen Gebäudeteil.Die ersten beiden Wochen hospitiere ich im Deutschunterricht verschiedener Klassen und werde danach entscheiden, in welchen Klassen ich dann bis März unterrichten werden. Die Unterrichtsbedingungen sind gut: Das Gymnasium Nr. 46 hat einen Deutsch-Schwerpunkt, 20 der knapp 60 Kolleginnen unterrichten deutsch. Es gibt an der Schule auch zwei Lehrer, die habe ich aber bisher noch nicht gesehen (einer der beiden ist auch schon 70 Jahre alt und unterrichtet nur nebenbei) – ansonsten bin ich umgeben von einem rein weiblichen Kollegium, die fast alle „40+“ sind.
Die Schulklassen haben schon aber der ersten Klasse Deutsch-Unterricht (ukrainische Schulen laufen fast immer von der ersten bis zur elften Klasse, nach der elften Klasse hat man die Hochschulreife) und werden schon ab der ersten Klasse für den Deutschunterricht gedrittelt. So sitzen im Deutschunterricht maximal 10 Schüler, durchschnittlich sind 6 oder 7 von ihnen Mädchen. Die Gruppen werden nach Leistungsstärke sortiert, in den „starken“ Kursen herrscht deshalb ein gutes Niveau, in den „schwachen“ Kursen geht dafür dann aber auch zum Teil nicht viel.
An meinem ersten und zweiten Tag besuche ich Deutsch-Kurse in den achten und neunten Klassen, an meinem dritten Tag schaue ich auch in die dritte Klasse. In den kommenden Tagen werde ich außerdem noch den deutschen Literatur- und Landeskundeunterricht besuchen und auch die anderen Schulstufen anschauen.
In ukrainischen Schulen trägt man Schuluniform. Das hat zum einen für mich die Folge, dass ich keine Blue-Jeans tragen soll, sondern Stoffhosen (dunkle Jeans gehen auch). Zum anderen laufen die meisten Schüler, vor allem die Kinder der Unterstufe, im feinen Zwirn durch die Flure. Es gibt zwar keine richtige Uniform, aber die Farben weiß und schwarz werden von der Schule vorgegeben. Viele Jungen kommen dementsprechend mindestens im Hemd, auch gerne im Anzug und mit Krawatte in die Schule, und die Mädchen tragen Rock, Kleid oder ähnlich. Die Erst-, Zweit- und Drittklässler laufen von ihren Lehrern begleitet auch ordentlich in Zweierreihen durch das Schulgebäude – wenn die Lehrer nicht da sind, wird aber – egal ob Anzug oder nicht – in den Fluren fangen gespielt, gedrängelt und geschubst. Da sind keine großen Unterschiede zu deutschen Schulen zu erkennen; wenn die Siebenjährigen sich in Kleid und Anzug hinterher rennen, sieht das aber schon lustig aus.
Am Montag darf bzw. muss ich mich dann direkt nach Schulschluss vor dem versammelten Kollegium vorstellen, meine rudimentären Russischkenntnisse reichen dafür schon aus. 50 oder 60 interessierte Lehrerinnen schauen und hören mir bei meinem Russisch-Versuchen zu; ich werde aber herzlich willkommen geheißen.
Der Vollständigkeit halber auch das alte Schulgebäude.Im Übrigen ist die Schule völlig begeistert, dass jemand aus dem fernen Deutschland in den ukrainischen Osten gefunden hat. Unter den Schülern hat sich auch schnell herumgesprochen, dass ein richtiger, echter deutscher Deutschlehrer in der Schule herumläuft. Da ich als (fast) einziger Mann und als jüngster Lehrer natürlich auffalle, weiß vermutlich schon nach zwei Tagen jeder, wer ich bin. In den Gängen grüßen mich Kinder, die ich noch nie gesehen habe, mit „Challo“ (das „H“ muss ordentlich russisch als „CH“ ausgesprochen werden) (ein „Wurst“ wurde mir als Begrüßung im Flur auch schon an den Kopf geworfen) und hinter meinem Rücken wird getuschelt und ich werde manchmal angeschaut, als wäre ich ein Außerirdischer. Im Unterricht der Drittklässler wurde fast mehr nach hinten zu mir geguckt, als nach vorne zur Lehrerin...
Die einzige Person an der Schule, die das noch nicht mitbekommen hat, ist die Frau an der Eingangstüre, die für die Garderobe, die Klingel und den Schlüsselkasten zuständig ist. Sie schaut natürlich auch darauf, dass keine fremden Menschen die Schule betreten – und ich entspreche, wie schon berichtet, nicht dem Lehrer-Klischee der Schule. Schon zum zweiten Mal musste ich hier heute morgen auf Russisch erklären, dass ich neuer Deutsch-Lehrer an der Schule bin. Da gerade Pause war, amüsierten sich natürlich einige Achtklässler, bei denen ich am Tag zuvor hospitiert hatte, köstlich darüber, dass der neue Lehrer auf schlechtem Russisch der alten Frau an der Tür erklären muss, was er hier macht. Da mein Russisch aber nach vier Wochen Lernzeit besser ist, als es das Deutsch der Jungens nach acht Jahren Unterricht ist, geht der Punkt aber trotzdem an mich, würde ich sagen. Die Frau hat mich nämlich verstanden, wer aber im Unterricht einen Hamster kaufen und dies mit der Verbform „ich bin verkauft“ tun möchte, sollte sich nicht über mich lustig machen.
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