Gerade erst vor zwei Wochen hatte ich Odessa verlassen, um nach Saporoschje zu reisen. Nun hieß es wieder: 500 km nach Westen ans Schwarze Meer mit der Ukrainischen Eisenbahn in 16 Stunden.
Am Schwarzen Meer.In Odessa fand ein Seminar für die deutschen und die ukrainischen Deutschlehrer der Südukraine statt – was heißt, dass eine Kollegin von meiner Schule, ukrainische Lehrerinnen aus den Städten Alexandria, Mykolaew, Odessa, Ismail, Kriwoj Rog, Sewastopol, Simferopol und Jewpatoria und die vier deutschen Lehrerinnen und Lehrer von der Krim und Kriwoj Rog nach Odessa kamen, um an verschiedenen Themen für die Deutschprüfungen und den Deutschunterricht hier zu arbeiten. Insgesamt rund 20 Personen nahmen am Seminar teil – und nach spätestens zwei Tagen herrschte dann auch völliger Seminarcharakter, denn dann kennt man die TeilnehmerInnen, die sich strebsam fünfmal hintereinander melden und doch unsinnigen Quatsch erzählen, die sich von Beginn bis Ende erfolglos versuchen wachzuhalten, die schlecht Deutsch können, sich aber mit besten deutschen Floskeln über Wasser halten oder einfach die gesamten fünf Tage schweigen. Wie in der Schule, nur dass die Lehrer die Schüler sind.
Die Matrosenschule hat ein eigenes Schiff auf dem Dach.Ein Seminar kann natürlich trocken sein, aber für mich war die Reise ans Schwarze Meer damit verbunden, mal wieder ein paar deutsche Gesichter zu sehen und ein west-europäerischeres Leben als in Saporoschje zu genießen. Wir waren in einem Hotel in der Innenstadt untergebracht, sodass ich nicht mit der Marschrutka fahren musste. Ein Segen, denn in Odessa sind die Marschrutkas zu allen Tageszeiten chronisch überfüllt. In der Innenstadt lässt sich alles zu Fuß erreichen und bei einem zweiten Besuch in einer Stadt kennt man natürlich schon Tücken, gute Ecken und die Orientierung fällt deutlich leichter. Mein deutscher Kollege Caspar, der auch am Seminar teilnahm, hatte einige Jahre in Odessa gelebt und kannte einige gute Restaurants, Kneipen und Cafés, sodass ich nach Seminar-Ende meine Freizeit in intensiver Auseinandersetzung mit Odessa verbrachte.
Odessa ist eine tolle Stadt – und nicht nur, weil sie direkt am Schwarzen Meer liegt. Sie hat einen nahezu mediterranen Stil, die Gastronomie ist super und es gibt auch viel Kultur. Von der versteckten Kellerkneipe, zu der man nur durch eine unbeschriftete Tür in der Seitenstraße gelangt, über eine fantastische Oper bis zum Café im Prenzlauer-Berg-Stil gibt es hier alles, was das Herz begehrt. Das ganze zu Preisen, die im Vergleich zu Deutschland spottbillig sind: einen halben Liter Bier ab 70 Cent im Restaurant, einen frischgepressten Saft – ebenfalls ein halber Liter – für 2,50 €, die Opernkarte in der besten Loge für 6 € oder CDs mit internationaler Musik für 3 €.
Die Oper von Odessa.
In der Ukraine hat sowieso jeder mindestens ein Handy - da überreden einen auch übermäßig viele Kabel nicht zur Nutzung einer Telefonzelle.Beim zweiten Besuch gewöhnt man sich auch an die Tücken der Stadt. Die Schlagloch-Bürgersteige verwandeln sich bei Regen in Seen mit kleinen Inseln, die springend und hüpfend erreicht werden müssen. Gullis betritt man sowieso nicht, da sie nie fest sind – ein Einheimischer sagte mir schon, dass man Touristen daran erkennt, dass sie keinen Bogen um Gullis machen. Aber nicht nur in Gullis kann man versinken, auch der gepflasterte Bürgersteig kann unterspült sein und unerwartet befindet man sich beim Auftreten 10 cm tiefer. Rote Ampeln kann man in der Ukraine getrost ignorieren, das ist wie in den USA – auch hier erkennt man Touristen daran, dass sie an der roten Ampel stehen bleiben. Das wachsame Auge beim Überqueren einer roten Ampel muss man allerdings auch beim Überqueren bei grünem Licht beherzigen – denn entweder halten sich Autofahrer nicht an die Ampelfarben oder die Ampeln sind an so komischen Stellen angebracht, dass man sowieso nicht weiß, auf was man jetzt gucken muss.
Hinterhof, auf dem Schild steht "Kraft".Und was habe ich noch während des Seminars gelernt?
- Streber heißt auf Russisch „Botan“, was zu deutsche „Botaniker“ bedeutet.
- Es gibt Schulen in der Ukraine, die ihren Unterricht in Doppelstunden organisieren, diesen aber nicht in zweimal 45 Minuten teilen, sondern in dreimal 30 Minuten, damit die Schüler zweimal und nicht nur einmal fünf Minuten zu spät kommen.
- Vor zehn Jahren konnte man sich in Odessa durchaus leisten, die 30 Minuten Fußweg zur Schule als Lehrer jeden Morgen mit dem Taxi zurückzulegen – für 50 Cent ein Schnäppchen. Heute kostet dieselbe Strecke 2,50 €.
- Rosa Toilettenpapier ist hier nicht unüblich.
- Die "Potomkinsche Treppe", das Wahrzeichen von Odessa überhaupt, hat 192 Stufen. Es waren einmal 200, die restlichen acht werden mittlerweile von einer neuen Hauptstraße bedeckt. Wenn man schon ein Wahrzeichen hat, dann sind die acht Stufen anscheinend auch egal. Man sollte den Kölner Domtürmen mal die Spitzen abnehmen...
- Ein „Gogol Mogol“ ist ein geschlagenes Ei mit Zucker. Soll ganz gut schmecken.
- Die Miliz (= Polizei) kann dich aus den unerfindlichsten Gründen anhalten, vor allem wenn du mit dem Auto unterwegs bist. Wenn sie dich anhalten, bist du mindestens 10 € los (was mir zum Glück noch nicht passiert ist).
- Krivoj Rog ist die längste Stadt der Ukraine. 700.000 Menschen wohnen in einer Stadt, die 120 km lang ist und deren Industriegebiet sogar noch mehr Staub und Gestank produziert als das in Saporoschje.
- Ein Funktionsverbgefüge (Achtung, liebe Germanistikstudenten!) ist eine feste Verbindung zwischen Verb und Substantiv, bei der das Substantiv von einem Verb abgeleitet wurde (z. B.: Verantwortung übernehmen – Nachricht geben – in Kraft treten...)
Vor allem aber habe ich „mitgenommen“, dass ich in den nächsten sechs Monaten noch einmal nach Odessa reisen muss. 16 Stunden im Zug hin oder her – die Reise ist es definitiv Wert.
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