Einleitung

Alle Neuigkeiten, Informationen, Non-Sense und Reiseberichte aus der Ukraine, damit auch der "ferne" Westen auf dem Laufenden ist, was dem Kai in der Ukraine so alles passiert. Ich freue mich natürlich über Wortmeldungen, Lebenszeichen, Infomeldungen oder Anmerkungen von euch - per Email/ Skype/ Kommentarfunktion etc.

Freitag, 17. Dezember 2010

Hau den Lukas

Oder: Gewalt ist keine Lösung


Da haben sich die "Herren Politiker" (um Helge Schneider zu zitieren) im ehrenwerten ukrainischen Parlament mal wieder ordentlich die Fressen poliert. Es gab sogar einen gebrochenen Kiefer - eine vielleicht noch recht milde Verletzung, wenn man bedenkt, dass hier mit Stühlen auf Köpfe geschlagen wurde (siehe Video).
Und warum das Ganze? Das kann man hier nachlesen:
http://www.ukraine-nachrichten.de/2968/w%C3%BCste-schl%C3%A4gerei-parlament

Ist doch schön, wenn man noch mit soviel Motivation in der Politik dabei ist ;-)

Mittwoch, 15. Dezember 2010

Auf ein Bier mit Свен Вайднер (II)

KsL: Hallo Sven, weiter geht’s. Beschreibe doch mal deine ersten Eindrücke von der Schule, die du ja immerhin eine ganze Woche lang mitbesucht hast.

S: Also erstmal muss ich ja sagen, dass es echt cool war, dass ich die komplette Woche mit in die Schule kommen durfte. Abgesehen davon, dass mich Saporoschje auch nicht fünf Tage lang hätte unterhalten oder begeistern können. Die Schule war ein wenig so, wie man sich eine Schule in der Ukraine eben vorstellt. Groß, grau, alt, und doch irgendwie robust.

KsL: Vielleicht nennst du mal die größten Unterschiede die dir so aufgefallen sind.

S: Ja, zuerst einmal find ich es sehr interessant, dass Kai höchstens zehn Schüler zu unterrichten hat, da die Deutschgruppen in kleine Kurse eingeteilt werden.
Zweitens – und das könnte man ruhig nach Deutschland übernehmen – haben die Lehrer ihr eigenes Klassenzimmer und nicht die Klasse. Das hält die Kinder in Bewegung und lässt den Lehrer sich heimisch fühlen.
Drittens – es gibt eine Quarantäne (= schulfrei), wenn der Amtsarzt sie verhängt, weil beispielsweise eine Grippewelle droht.

KsL: Die Geschichten der Lehrerin, die gar nicht glauben konnte, dass es in Deutschland keine Quarantäne gibt, waren aber nicht die einzigen, sagen wir mal „sonderbaren“ Erfahrungen...

S: Ne, stimmt. Sehr lustig war die fünfte Klasse. Nach einer Unterrichtstunde kamen immer mehr Schüler, die etwas von Kai und mir wollten. Zuerst dachten wir, dass Kai nun doch in den „Tagebüchern“ der Schüler –  ähnelt einem deutschen Hausaufgabenheft, nur dass jeder Lehrer nach jeder Stunde Noten verbucht – unterschreiben soll. Letztendlich wurde es aber nur eine große Autogrammstunde mit den Deutschen (lacht).
Ich war im Nachhinein doch ganz froh, dass wir während meines Aufenthalts nur nach Rammstein und Scooter und nicht nach Tokio Hotel gefragt wurden.

Autogrammstunde (kein Scherz!)

Und just eine Stunde später fragte die Nachbarlehrerin, ob denn „die Deutschen“ kurz Zeit hätten – die erste Klasse würde gerne mal richtige Deutsche sehen. So stand dann auch schon direkt im Flur eine komplette Klasse vor uns und starrte uns an. Außer „Guten Morgen“ und „Wir sind groß – wir sind klein – aber fein!“ konnten die dann auch nur noch große Augen machen. Sehr putzig, die Kleinen!
Wir haben sie dann natürlich für ihren gelungenen kleinen Vortrag mit dem typisch deutschen „toll“ bzw. „tooooollll“ gelobt, denn das haben sie zumindest schon gelernt.

KsL: Da hast du ja richtig was miterlebt.

S: Auf alle Fälle! Wobei sich viele sicherlich schon gefragt haben, ob es gut ist, dass nun das komplette Gymnasium 46, wenn es an das deutsche Volk denkt, zuerst Kai und als nächstes mich in Erinnerung hat.
Aber eins noch: Sehr interessant waren auch die selbst gemalten „Notausgang-Wegweiser-Männchen“ an den Wänden. Innerhalb einer Distanz von ca. 3 Metern zeigte eines nach links und das andere nach rechts. Wenn schon die Lehrer irritiert sind, was sollen dann im Ernstfall die Kinder machen? Achso... wahlweise hatten die „Notausgang-Wegweiser-Männchen“ übrigens ihre Männlichkeit offen zur Schau gestellt.

Dreibeinig läuft es sich am schnellsten nach draußen.

KsL: Erspare uns Einzelheiten.

S: Gerne. Vielleicht noch ein versöhnlicher Abschluss:
Die achte Klasse hat mittlerweile seit acht Jahren Deutschunterricht. Und ja – es ist eine schwere Sprache – es sind andere Buchstaben – es klingt komisch. Aber nein – man muss trotzdem nicht alle Verben falsch konjugieren, oder? Ich hätte nie gedacht, dass ich für die Hausaufgabenkontrolle von 8 Schülern so lange brauchen würde. Übrigens hat Kai mich dann auch noch schön reingeritten, indem er erst den Schülern sagt, ich hab alles korrigiert und dann alle Sätze, die angestrichen sind neu schreiben lässt... Schön den Hass auf den Besuch abschieben. Aber ist ja eigentlich richtig, vor allem wenn man Sätze wie:

"ich träume davon, dass in zwanzig jahren wissenschaftler vorrichtung, mit der wir in kosmos."

"natürlich, ich mag jeder menschen träumt davon, eine gute gesundheit und glück in der haus."

"aber das träumen für die zukunft."

liest.

Aber nun genug, weiteres beim nächsten Bier.

KsL: Poka!

Montag, 13. Dezember 2010

Auf ein Bier mit Свен Вайднер (I)

Oder: Der Sven war zu Besuch
Für Kyrillisch-Nichtkenner: "Saporischschja - Kiew"

Kain schöner Land (KsL): Hallo Sven, schön dass du dir kurz Zeit genommen hast für u-kai-ne.blogspot.com. Erstmal Prost!

Sven (S): Prost!

KsL: Bist du gut in Saporoschje angekommen?

S: Abgesehen von der eher hektischen Fahrt nach Dortmund, kann man den Flug bis Київ als „dem Flugpreis angemessen“ beurteilen. Die Einreise in die Ukraine verlief dann jedoch etwas schwieriger als geplant. Denn der Zollbeamte sprach nur Russisch und ich nur... (zögert) naja, eigentlich alles außer Russisch (lacht). Und da der Beamte nicht mal Worte wie „name“ auf Englisch sagen konnte, entstand eine sehr interessante und gestenreiche Unterhaltung. In knapp zehn Minuten schilderte ich dem Grenzbeamten, wohin und zu wem ich wollte. Für mich war eigentlich nur interessant, dass während der zehn Minuten, nichts aufgeschrieben, eingetippt oder notiert wurde. Letztendlich meinte er „okay“ und haute den Stempel in meinen Reisepass. Und dann ging es endlich raus aus dem Flughafen und rein ins Land bzw. zum Bahnhof, wo ich dann ja auch einen ersten Eindruck der geschilderten Marschrutka-Fahrten bekam. Auch wenn die erste Fahrt noch sehr angenehm verlief...

KsL: Ja richtig. Aber hier waren ja auch noch die Touristen mit dabei - Stichwort: UNESCO-Welterbe!

S (lacht): Ja, das war ein Erlebnis.

KsL: Vielleicht schilderst du die Situation kurz für unsere Leser?

S: Auf dem Weg zum Bahnhof bemerkte ein aufmerksamer Deutscher, dass wir uns in unserer Bundessprache unterhielten. Völlig unaufdringlich setzte er sich auch gleich bei der nächsten Gelegenheit neben uns und schwafelte los (muss schmunzeln). Nunja, lange Rede – kurzer Sinn: Der – im sehr dezenten rentner-beige gekleidete – Mann aus Aachen betrieb laut eigener Aussage „UNESCO-Welterbe-Akquise“ und ist hauptberuflicher Geschichtenerzähler. Er ließ es sich letztendlich auch nicht nehmen, Kais Russischkenntnisse für seine Zwecke zu beanspruchen und ließ ihn mit diversen Taxifahrern feilschen, um diese im Anschluss für ihre Preise auszulachen... was man sich bei den, doch bestimmt irgendwie mit den Klitschos verwandten, Taxifahrern auch erstmal trauen muss! Aber letztendlich wurden wir ihn ja doch noch los und konnten uns zu unserem Nachtzug begeben.

KsL: Der Nachtzug, der zwölf Stunden von Kiew nach Saporoschje braucht.

S: Richtig, wobei ich gleich anmerken muss, dass ich der „empirischen Studie“, die besagt, dass die Leute mit einer Wahrscheinlichkeit von 33 % im Zug schnarchen, nicht zustimmen kann. Ich würde eher behaupten, dass es wahrscheinlicher ist, dass auf der Fahrt für 33 Minuten mal nicht geschnarcht wird. Ein einziges Schnarchkonzert, bzw. eine Unterhaltung! Auf ein kurzes „zzZZzz“ folgten drei lange „ZZZZ“, um von weiteren Staccato-artigen „zzz“ „zzz“ „zzz“ unterbrochen zu werden.

KsL: Und du warst ja auch noch so nett, der kleinen dicken Frau dein unteres Bett gegen das obere zu überlassen.

S: Hätte ich gewusst, dass die Oberen so größenfeindlich sind, hätt’ ich es mir wohl zweimal überlegt. Aber letztendlich bin ich froh, dass ich zumindest zwei Stunden dösen konnte und fit genug für die Schule war.

KsL: Ja, dazu dann beim nächsten Bier, denn, wie ich sehe, sind sowohl deins, als auch meins längst leer.

S: Ich freu mich drauf!


Samstag, 11. Dezember 2010

Saporoschje – Warschau und zurück (IV)


Oder: One Night in Kiev


Zurück in der Ukraine – nach der Landung mit dem Flugzeug wartete auch schon die altbekannte Marschrutka auf mich. Es ging allerdings nicht direkt nach Saporoschje, sondern auf mich wartete eine spannende Nacht in der ukrainischen Hauptstadt. Am nächsten Tag sollte der erste Besuch aus Deutschland kommen, und da man ohne Kyrillisch-Kenntnisse in Kiew nicht weit kommt, bot ich meinem Gast Sven einen Abholservice an.
Zunächst verbrachte ich aber noch eine Nacht auf der Datscha. Eine Bekannte wohnt nämlich mit ihrem Freund weit außerhalb von Kiew in einer solchen Unterkunft und nahm mich für eine Nacht auf. So durfte ich in den Genuss einer typisch ukrainischen Unterkunft kommen – „all inclusive“, versteht sich. Und „all inclusive“ bedeutete: Ein Bett am Ofen (da keine Heizung), Plumpsklo im Garten, Dusche unterm Kirschbaum.
Eine recht kühle Behausung wurde aber durch beste Gastfreundschaft wettgemacht. Und einmal zu sehen, wie es im „echten“ Kiew aussieht, ist auch eine Erfahrung wert. Während in offiziellen Statistiken nämlich von knapp 3 Millionen Einwohnern in Kiew die Rede ist, sind es vermutlich 2 Millionen mehr, die hier leben, aber noch in ihren Heimatdörfern irgendwo in der Ukraine gemeldet sind. Diese Menschen müssen irgendwo wohnen – und Wohnraum ist in der Ukraine sowieso teuer und knapp, aber in Kiew noch viel teurer als im Rest des Landes. Deshalb sprießen im Umland illegale Datscha-Siedlungen aus dem Boden und werden Häuser gebaut, die keinem Baurecht entsprechen und nachträglich „legalisiert“ werden. Ganze Hochhaussiedlungen entstehen so außerhalb der Gesetze und werden durch Vitamin B und Finanzspritzen in der richtigen Höhe und an der richtigen Stelle wieder „rechtmäßig“.
Die Marschrutka am Rande der Agglomeration führte mich also durch unbeschreiblich schlechte Straßen, vorbei an neuen Hochhäusern, an notdürftig zusammengezimmerten Buden, an großen Häusern im Fachwerkstil und an hermetisch abgeriegelten und gesicherten Wohnsiedlungen für Reiche. Die Ukraine ist eben auch ein Land der Kontraste: Da steht der rostige Lada neben dem verchromten Porsche Cayenne an der Ampel und die hochgesicherte Villa neben der armseligen Datscha in einer Straße, die noch nie Asphalt gesehen hat. Wer also einmal in Kiew ist, sollte sich nicht nur das Stadtzentrum mit seinen goldenen Kuppeln ansehen, sondern mit einer der drei Metro-Linien etwas nach draußen fahren und erleben, wie man mit einem durchschnittlichen ukrainischen Einkommen von unter 200 € in einer Großstadt mit europäischen Mietspreisen lebt.
Und nicht nur, um den Stadtrand zu sehen, sollte man Metro-Fahren fahren, auch der Metro wegen: Die Stationen liegen teilweise bis zu 100 Meter unter der Erde und man fährt gefühlte fünf Minuten mit der Rolltreppe hinab, bis man angekommen ist. Die Stationen selber widersprechen allen anderen ukrainischen Verkehrsmitteln – schmuck und gepflegt sind sie nämlich. In einem Punkt gleicht die Kiewer Metro aber dann doch den Marschrutkas im Land: Sie ist zum Bersten voll. Bis vor einigen Jahren gab es noch Personal, das an den Stationen die Leute in die U-Bahn-Züge geschoben hat. Diese Leute habe ich nicht kennengelernt, aber die Sardinenbüchse war raumtechnisch gesehen nicht weit weg.
Nach meiner Nacht auf der Datscha führte der erste Weg am nächsten Tag wieder zum Flughafen, um den angekündigten Besuch abzuholen. Vom Flughafen ging es dann mit Sven per Marschrutka zum Bahnhof und von dort mit dem Nachtzug nach Saporoschje. Am nächsten Morgen wartete dann schon die Schule auf uns – trotz allem schlafzerstörendem Schnarchen im Zug.
Die Dusche unterm Kirschbaum habe ich dann übrigens nicht in Anspruch genommen. Auch wenn aus der Gießkanne warmes Wasser kam, wollte ich bei Schneematsch nicht draußen stehen und mir meine Gliedmaßen abfrieren. Außerdem wird die Kirschbaum-Dusche nur in der Dunkelheit benutzt, denn es gibt natürlich (warum auch?) keinen Duschvorhang und somit einen Panoramablick auf alle Nachbardatschas – und umgekehrt.

Donnerstag, 9. Dezember 2010

Saporoschje – Warschau und zurück (III)

Oder: Milchbar und Cotlet Club

Ein Hinterhof in der Warschauer Altstadt.
Und noch einmal die Warschauer Altstadt.
Das Weichselufer am Abend.

„Von Osten kommend ragt diese Stadt einem schimmernden Vorposten der Zivilisation gleich aus der eurasischen Landmasse auf. Es ist besser von jenseits zu kommen, wenn man mich fragt. (...) Aber nichts gegen Warschau.“ Das schrieb mein Münsteraner WG-Mitbewohner und Osteuropa-Kenner Moses auf meine Bitte, ein paar Tipps zu Warschau zu nennen.
Und wie Recht er hat: Die ersten zwei Stunden in Warschau: Umwerfend. Nach drei Monaten Ukraine ist man nahezu überwältigt, wenn es keine Löcher in den Straßen gibt, an den Bus- und Tramhaltestellen Fahrpläne hängen und Schilder sind, die zeigen, welche Linien halten. Straßenschilder sind auch etwas, dass man fast vergessen hat und Personen, mit denen man auch auf Englisch kommunizieren kann, gibt es in Warschau vermutlich mehr als in der gesamten Ukraine. Aber auch für Besucher, die nicht aus dem Osten, sondern aus dem Westen anreisen, ist Warschau eine Reise wert.

Warschau vom Kulturpalast aus gesehen.
Mit den fünf TeilnehmerInnen des Regionaltreffens aus Estland, Lettland, Polen und Tschechien – die allesamt wie ich Deutsch in ihren Einsatzländern unterrichten – machten wir uns auf, Warschau zu erkunden. Die zerstörte Altstadt haben die Warschauer nach dem Zweiten Weltkrieg komplett wiederaufgebaut. Die kleinen Straßen und verwinkelten Gassen wirken nicht, als ob sie tatsächlich erst nach 1945 entstanden sind – aber das denkt man beim Münsteraner Prinzipalmarkt ja auch nicht. Eine Fahrt auf die Spitze des Kulturpalastes, der wie eine kleine Kopie des Empire-State-Buildings aussieht, lässt einen tollen Blick auf Warschau zu (aber auch nur, wenn es nicht diesig ist). Von dort kann man auch das EM-Stadion sehen, an dem noch fleißig gewerkelt wird. Ebenfalls kann man bis zu einem Stadtteil auf dem anderen Weichsel-Ufer blicken, der den Namen „Praga“ trägt. Man muss also nicht bis nach Tschechien reisen, um dort gewesen zu sein. Und auch kulinarisch kommt man in Warschau nicht zu kurz – polnisches Bier ist gut, lokale Speisen bekommt man in den „Milchbars“, tollen Kakao gibt es auch und der „Cotlet Club“ ist allein schon wegen seines Namens einen Besuch wert.

Das EM-Stadion.
Und dann gab es für mich auch den ersten Schnee in diesem Jahr. Während es in der Ukraine untypisch warm ist und Saporoschje sich standhaft gegen jede Form von Kälte wehrt (den Ausreißer Anfang Oktober ausgenommen), fielen die weißen Flocken ordentlich vom Warschauer Himmel. Mütze, Schal und Handschuhe mussten also auch das erste Mal in diesem Winter ausgepackt werden.


Schneetreiben auf der Straße mit dem schönen Namen "Neue Welt".

Auf Polnisch heißt der Weihnachtsmarkt "Jarmark". In Warschau gabs dann auch den ersten Glühewein der Saison.
Sympathische Stadt - hier läuft das Bier sogar durch die Gegend.

Mittwoch, 8. Dezember 2010

Saporoschje – Warschau und zurück (II)

Oder: Mit dem Zigaretten-Express nach Warschau


Nachdem der Ticketkauf einige Tage zuvor erfolgreich verlaufen war, ging es also zunächst über Nacht mit dem Zug nach Kiew. Der durchschnittliche Ukrainer schnarcht übrigens mit einer Wahrscheinlichkeit von 33 % - würde ich nach meinen zahlreichen Bahnfahrten nun empirisch belegen wollen. Mit ein paar Stunden Aufenthalt zum Sight-Seeing in der ukrainischen Hauptstadt ging es dann am Nachmittag weiter nach Warschau.

Das EM-Stadion in Kiew.

Nur einige von vielen goldenen Kuppeln in Kiew...

Eigentlich war auch alles gut – ich dachte, ich kann mich früh schlafen legen und die kurze Nacht der Bahnfahrt von Saporoschje nach Kiew wieder aufholen, um die drei Tage in Warschau ordentlich nutzen zu können. Dann fiel mir ein, dass an der polnisch-ukrainischen Grenze natürlich eine Passkontrolle wartet und die Waggon-Räder getauscht werden müssen – das alles zwischen 1 und 3 Uhr in der Nacht. Also: Vorschlafen.
Alle guten Pläne verwandelten sich aber in Schall und Rauch, denn ich saß im Zigaretten-Schmuggel-Express. Ab 23 Uhr wurden im Zug alle möglichen Anstrengungen unternommen, um alles zu verstecken, was am Zoll limitiert ist. Im Gang wurden die Heizungsabdeckungen hochgenommen, auf dem Klo geschraubt, die Mülltonnen gespickt und man konnte mitbekommen, wie im Nachbarabteil die Wandabdeckungen abgeschraubt wurden. Es herrschte also buntes Treiben im Zug Nr. 67, von der ukrainischen Bahn euphemistisch der „Kiew-Express“ genannt.
Als dann um 1 Uhr die Pässe eingesammelt wurden und der Zoll vorbeischaute (obligatorische Frage: Waffen? Atomares Material? Drogen?) wurde im Nachbarabteil begonnen, mit den Beamten zu feilschen. Geschmiert läuft nun eben alles besser – für 100 Griwen (circa 10 €) kann man sich viel Zollgebühren sparen und letztendlich „profitieren ja auch alle davon“ (ich hab leider vergessen, wen ich hier zitiere). Mein Abteilpartner konnte eine schöne Anekdote berichten: Wenn man mit dem Reisebus über die Grenze fährt, gibt jeder Reisende 50 Griwen, diese werden gesammelt an der Grenze dem ukrainischen Zoll übergeben und die anschließende Kontrolle fällt entsprechend kürzer aus.
Das emsige Versteckenspielen im Zug hörte leider nicht auf, schließlich wartete ja noch die polnische Kontrolle. Bis dahin mussten allerdings noch die Waggonräder gewechselt werden, also fuhr der Zug in eine Halle (die ich schon von der Hinfahrt aus Berlin kannte), wurde dort angehoben und schließlich die Räder gewechselt. Dazu gehörte auch, dass auf einmal ein Mann im meinem Abteil stand, den Teppich wegklappte und zwei Halb-Meter-Stahlstangen aus dem Boden zog. Das gehört zum Service mit dazu, wenn man direkt über dem Radachsen schläft.
Als dann um 3 Uhr die Pässe wieder von den ukrainischen Grenzbeamten zurückgegeben wurden, stieg auch noch eine junge Frau in mein Abteil. Diese begann ebenfalls eifrig Zigarettenpackungen an allen erdenklichen Stellen im Abteil zu verstecken, sodass auch die letzten Bemühungen, ein Auge zuzutun, scheiterten. Ein halbe Stunde später kam nämlich auch der polnische Beamte, um die Pässe zu kontrollieren. Auf polnischer Seite war allerdings niemand daran interessiert, den mit Zigaretten gespickten Zug zu untersuchen.
So verging auch diese Kontrolle, mittlerweile war es vier Uhr. Als sich der Zug dann in Bewegung setzte, ging dann das „Entstecken“ los. Wie Eichhörnchen im Winter ihre Nüsse suchen, waren viele Menschen damit beschäftigt, ihre Zigaretten wiederzufinden. Als ich dann am frühen Morgen noch einmal die Toilette besuchen musste, ließen sich zwei Männer  nicht dabei stören, die gesamte Wandverkleidung und Deckenbelüftungsschächte im Gang abzuschrauben, um hier eine Stange nach der anderen herauszuholen. Außerdem war das erste Mal überhaupt in einem Zug, in dem ich in der Ukraine gefahren bin, der Klodeckel unten – schließlich musste man auf ihm stehen, um an die Schrauben an der Decke zu kommen. Über den Daumen gepeilt sind allein aus meinem Waggon sicherlich 100 bis 150 Stangen Zigaretten in die EU „gewandert“. Sogar mein Abteilnachbar, ein in Würzburg studierender Ukrainer, der gerade ein Auslandssemester in Schweden macht und auf dem Rückweg vom Heimatbesuch war, weil er vorletzte Woche mit seinem Vater auf den Kilimandscharo gewandert war, war erstaunt über das, was da nachts gelaufen war. Er hatte es nämlich einer ukrainischen Freundin nicht abgenommen, die mit demselben Zug schon einmal gefahren war, und plant nun eine Entschuldigung bei ihr.
Mein Abteil-Eichhörnchen war aber nicht komplett erfolgreich, sodass ich nun als Andenken im Besitz einer original-geschmuggelten moldawischen Zigarettenpackung bin. Die schlaflose Nacht war es allerdings nicht wert.

Sonntag, 5. Dezember 2010

Saporoschje – Warschau und zurück (I)


Oder: Ticketkauf auf Ukrainisch


Das Ziel: Warschau.
Der Weg: lang.
Die Reise: noch länger.
Der Ticketkauf: fast ein Ding der Unmöglichkeit.


Ein Treffen mit den Programm-Teilnehmern aus Polen, Tschechien, Lettland und Estland war der Grund für eine Reise nach Warschau – Erfahrungen austauschen, Warschau sehen und ein paar Tipps für die eigene Arbeit mitnehmen. Nun liegt Warschau leider nicht mal „um die Ecke“, mit einer langen Anreise hatte ich schon gerechnet. Da das Treffen recht spontan organisiert wurde, waren die Flüge schon zu teuer. Außerdem macht Bahnfahren ja Spaß. Also hieß es, Bahntickets nach Warschau zu kaufen.
Von Kiew fährt sogar täglich ein Zug in die polnische Hauptstadt, nach Kiew von Saporoschje sogar täglich mehrmals Züge. Kein Problem also, Tickets zu bekommen, dachte ich. Aber wie so oft: Falsch gedacht.
Mein erster Weg ging zum Bahnhof „Saporischschja 2“, denn dort geht es meistens schneller, weil weniger los ist. Dort die Auskunft: Tickets nach Warschau gibt es nur beim Bahnhof „Saporischschja 1“. Also zu „Saporischschja 1“: In die Schlange an der Kasse eingereiht, gewartet, Auskunft: „Tickets nach Warschau gibt es nicht an der Kasse, sondern im Service-Center.“ Also zum Service-Center. Das hatte natürlich die fast schon legendäre „technische Pause“ (es gibt an allen Formen von Kassen in der Ukraine die normalen Mittagspausen („Pause“) und dann zusätzlich noch viertelstündige Pausen über den gesamten Tag verteilt – die „technischen Pausen“). Als diese dann vorbei war, konnte ich dann die Auskunft erhalten, dass es Tickets nach Warschau gibt. Allerdings können die nur bis 17 Uhr verkauft werden (das war allerdings schon über eine Stunde her) und es gibt auch nur Tickets nach Warschau – aber nicht zurück. Die einzige Möglichkeit: Rücktickets erst in Polen kaufen. Ernüchternde Ergebnisse also nach einer Reise durch die halbe Stadt.
Zwei Tage später zog ich also noch einmal los, um VOR 17 Uhr ein Ticket NACH Warschau zu kaufen. Für den Rückweg entschied ich mich dann doch für einen Flug. Das Service-Center hatte sogar geöffnet und ich wurde direkt bedient. Meine Russisch-Kenntnisse reichten dann auch für die Vermittlung meines Wunsches aus. Für den deutschen Bahnfahrer, der einen Ticketkauf am Automaten oder im Internet gewohnt ist, bot sich nun allerdings ein sehr sonderbares Bild:


Nachdem ich gesagt hatte, dass ich das Bahnticket kaufen möchte, schloss die Verkäuferin das Service-Center für 10 Minuten. Zuerst musste für dieses Ticket erst einmal telefoniert werden. Der zweite Schritt bestand in der Herstellung des Tickets. Die werden normalerweise gedruckt, meines musste aber handschriftlich angefertigt werden. Dafür wurde eine uralte, vermutlich noch aus sowjetischen Zeiten stammende Vorlage genutzt (mit Durchschlag) und am Schluss noch eine Maschine eingesetzt, die in das Ticket eine Lochstanzung einfügte. Der Vorteil dieser alten Vorlage: Die Beschriftung war auf Ukrainisch, Russisch und Deutsch. Inklusiv war auch ein „Auszug aus dem Abkommen über den internationalen Personenverkehr (SMPS)“ in der Rückseite des Kartenumschlages. Nachdem ich dann auch noch die Bahntickets nach Kiew und von Kiew zurück gekauft hatte, war der Ticketkauf beendet. Viele Wege führen nach Rom, aber anscheinend nur doch nur einer nach Warschau.