Oder: One Night in Kiev
Zurück in der Ukraine – nach der Landung mit dem Flugzeug wartete auch schon die altbekannte Marschrutka auf mich. Es ging allerdings nicht direkt nach Saporoschje, sondern auf mich wartete eine spannende Nacht in der ukrainischen Hauptstadt. Am nächsten Tag sollte der erste Besuch aus Deutschland kommen, und da man ohne Kyrillisch-Kenntnisse in Kiew nicht weit kommt, bot ich meinem Gast Sven einen Abholservice an.
Zunächst verbrachte ich aber noch eine Nacht auf der Datscha. Eine Bekannte wohnt nämlich mit ihrem Freund weit außerhalb von Kiew in einer solchen Unterkunft und nahm mich für eine Nacht auf. So durfte ich in den Genuss einer typisch ukrainischen Unterkunft kommen – „all inclusive“, versteht sich. Und „all inclusive“ bedeutete: Ein Bett am Ofen (da keine Heizung), Plumpsklo im Garten, Dusche unterm Kirschbaum.
Eine recht kühle Behausung wurde aber durch beste Gastfreundschaft wettgemacht. Und einmal zu sehen, wie es im „echten“ Kiew aussieht, ist auch eine Erfahrung wert. Während in offiziellen Statistiken nämlich von knapp 3 Millionen Einwohnern in Kiew die Rede ist, sind es vermutlich 2 Millionen mehr, die hier leben, aber noch in ihren Heimatdörfern irgendwo in der Ukraine gemeldet sind. Diese Menschen müssen irgendwo wohnen – und Wohnraum ist in der Ukraine sowieso teuer und knapp, aber in Kiew noch viel teurer als im Rest des Landes. Deshalb sprießen im Umland illegale Datscha-Siedlungen aus dem Boden und werden Häuser gebaut, die keinem Baurecht entsprechen und nachträglich „legalisiert“ werden. Ganze Hochhaussiedlungen entstehen so außerhalb der Gesetze und werden durch Vitamin B und Finanzspritzen in der richtigen Höhe und an der richtigen Stelle wieder „rechtmäßig“.
Die Marschrutka am Rande der Agglomeration führte mich also durch unbeschreiblich schlechte Straßen, vorbei an neuen Hochhäusern, an notdürftig zusammengezimmerten Buden, an großen Häusern im Fachwerkstil und an hermetisch abgeriegelten und gesicherten Wohnsiedlungen für Reiche. Die Ukraine ist eben auch ein Land der Kontraste: Da steht der rostige Lada neben dem verchromten Porsche Cayenne an der Ampel und die hochgesicherte Villa neben der armseligen Datscha in einer Straße, die noch nie Asphalt gesehen hat. Wer also einmal in Kiew ist, sollte sich nicht nur das Stadtzentrum mit seinen goldenen Kuppeln ansehen, sondern mit einer der drei Metro-Linien etwas nach draußen fahren und erleben, wie man mit einem durchschnittlichen ukrainischen Einkommen von unter 200 € in einer Großstadt mit europäischen Mietspreisen lebt.
Und nicht nur, um den Stadtrand zu sehen, sollte man Metro-Fahren fahren, auch der Metro wegen: Die Stationen liegen teilweise bis zu 100 Meter unter der Erde und man fährt gefühlte fünf Minuten mit der Rolltreppe hinab, bis man angekommen ist. Die Stationen selber widersprechen allen anderen ukrainischen Verkehrsmitteln – schmuck und gepflegt sind sie nämlich. In einem Punkt gleicht die Kiewer Metro aber dann doch den Marschrutkas im Land: Sie ist zum Bersten voll. Bis vor einigen Jahren gab es noch Personal, das an den Stationen die Leute in die U-Bahn-Züge geschoben hat. Diese Leute habe ich nicht kennengelernt, aber die Sardinenbüchse war raumtechnisch gesehen nicht weit weg.
Nach meiner Nacht auf der Datscha führte der erste Weg am nächsten Tag wieder zum Flughafen, um den angekündigten Besuch abzuholen. Vom Flughafen ging es dann mit Sven per Marschrutka zum Bahnhof und von dort mit dem Nachtzug nach Saporoschje. Am nächsten Morgen wartete dann schon die Schule auf uns – trotz allem schlafzerstörendem Schnarchen im Zug.
Die Dusche unterm Kirschbaum habe ich dann übrigens nicht in Anspruch genommen. Auch wenn aus der Gießkanne warmes Wasser kam, wollte ich bei Schneematsch nicht draußen stehen und mir meine Gliedmaßen abfrieren. Außerdem wird die Kirschbaum-Dusche nur in der Dunkelheit benutzt, denn es gibt natürlich (warum auch?) keinen Duschvorhang und somit einen Panoramablick auf alle Nachbardatschas – und umgekehrt.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen