Einleitung

Alle Neuigkeiten, Informationen, Non-Sense und Reiseberichte aus der Ukraine, damit auch der "ferne" Westen auf dem Laufenden ist, was dem Kai in der Ukraine so alles passiert. Ich freue mich natürlich über Wortmeldungen, Lebenszeichen, Infomeldungen oder Anmerkungen von euch - per Email/ Skype/ Kommentarfunktion etc.

Mittwoch, 8. Dezember 2010

Saporoschje – Warschau und zurück (II)

Oder: Mit dem Zigaretten-Express nach Warschau


Nachdem der Ticketkauf einige Tage zuvor erfolgreich verlaufen war, ging es also zunächst über Nacht mit dem Zug nach Kiew. Der durchschnittliche Ukrainer schnarcht übrigens mit einer Wahrscheinlichkeit von 33 % - würde ich nach meinen zahlreichen Bahnfahrten nun empirisch belegen wollen. Mit ein paar Stunden Aufenthalt zum Sight-Seeing in der ukrainischen Hauptstadt ging es dann am Nachmittag weiter nach Warschau.

Das EM-Stadion in Kiew.

Nur einige von vielen goldenen Kuppeln in Kiew...

Eigentlich war auch alles gut – ich dachte, ich kann mich früh schlafen legen und die kurze Nacht der Bahnfahrt von Saporoschje nach Kiew wieder aufholen, um die drei Tage in Warschau ordentlich nutzen zu können. Dann fiel mir ein, dass an der polnisch-ukrainischen Grenze natürlich eine Passkontrolle wartet und die Waggon-Räder getauscht werden müssen – das alles zwischen 1 und 3 Uhr in der Nacht. Also: Vorschlafen.
Alle guten Pläne verwandelten sich aber in Schall und Rauch, denn ich saß im Zigaretten-Schmuggel-Express. Ab 23 Uhr wurden im Zug alle möglichen Anstrengungen unternommen, um alles zu verstecken, was am Zoll limitiert ist. Im Gang wurden die Heizungsabdeckungen hochgenommen, auf dem Klo geschraubt, die Mülltonnen gespickt und man konnte mitbekommen, wie im Nachbarabteil die Wandabdeckungen abgeschraubt wurden. Es herrschte also buntes Treiben im Zug Nr. 67, von der ukrainischen Bahn euphemistisch der „Kiew-Express“ genannt.
Als dann um 1 Uhr die Pässe eingesammelt wurden und der Zoll vorbeischaute (obligatorische Frage: Waffen? Atomares Material? Drogen?) wurde im Nachbarabteil begonnen, mit den Beamten zu feilschen. Geschmiert läuft nun eben alles besser – für 100 Griwen (circa 10 €) kann man sich viel Zollgebühren sparen und letztendlich „profitieren ja auch alle davon“ (ich hab leider vergessen, wen ich hier zitiere). Mein Abteilpartner konnte eine schöne Anekdote berichten: Wenn man mit dem Reisebus über die Grenze fährt, gibt jeder Reisende 50 Griwen, diese werden gesammelt an der Grenze dem ukrainischen Zoll übergeben und die anschließende Kontrolle fällt entsprechend kürzer aus.
Das emsige Versteckenspielen im Zug hörte leider nicht auf, schließlich wartete ja noch die polnische Kontrolle. Bis dahin mussten allerdings noch die Waggonräder gewechselt werden, also fuhr der Zug in eine Halle (die ich schon von der Hinfahrt aus Berlin kannte), wurde dort angehoben und schließlich die Räder gewechselt. Dazu gehörte auch, dass auf einmal ein Mann im meinem Abteil stand, den Teppich wegklappte und zwei Halb-Meter-Stahlstangen aus dem Boden zog. Das gehört zum Service mit dazu, wenn man direkt über dem Radachsen schläft.
Als dann um 3 Uhr die Pässe wieder von den ukrainischen Grenzbeamten zurückgegeben wurden, stieg auch noch eine junge Frau in mein Abteil. Diese begann ebenfalls eifrig Zigarettenpackungen an allen erdenklichen Stellen im Abteil zu verstecken, sodass auch die letzten Bemühungen, ein Auge zuzutun, scheiterten. Ein halbe Stunde später kam nämlich auch der polnische Beamte, um die Pässe zu kontrollieren. Auf polnischer Seite war allerdings niemand daran interessiert, den mit Zigaretten gespickten Zug zu untersuchen.
So verging auch diese Kontrolle, mittlerweile war es vier Uhr. Als sich der Zug dann in Bewegung setzte, ging dann das „Entstecken“ los. Wie Eichhörnchen im Winter ihre Nüsse suchen, waren viele Menschen damit beschäftigt, ihre Zigaretten wiederzufinden. Als ich dann am frühen Morgen noch einmal die Toilette besuchen musste, ließen sich zwei Männer  nicht dabei stören, die gesamte Wandverkleidung und Deckenbelüftungsschächte im Gang abzuschrauben, um hier eine Stange nach der anderen herauszuholen. Außerdem war das erste Mal überhaupt in einem Zug, in dem ich in der Ukraine gefahren bin, der Klodeckel unten – schließlich musste man auf ihm stehen, um an die Schrauben an der Decke zu kommen. Über den Daumen gepeilt sind allein aus meinem Waggon sicherlich 100 bis 150 Stangen Zigaretten in die EU „gewandert“. Sogar mein Abteilnachbar, ein in Würzburg studierender Ukrainer, der gerade ein Auslandssemester in Schweden macht und auf dem Rückweg vom Heimatbesuch war, weil er vorletzte Woche mit seinem Vater auf den Kilimandscharo gewandert war, war erstaunt über das, was da nachts gelaufen war. Er hatte es nämlich einer ukrainischen Freundin nicht abgenommen, die mit demselben Zug schon einmal gefahren war, und plant nun eine Entschuldigung bei ihr.
Mein Abteil-Eichhörnchen war aber nicht komplett erfolgreich, sodass ich nun als Andenken im Besitz einer original-geschmuggelten moldawischen Zigarettenpackung bin. Die schlaflose Nacht war es allerdings nicht wert.

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