Bahntickets kaufen – eigentlich ein einfacher Vorgang, aber ohne tiefe Sprachkenntnisse nicht so einfach zu bewerkstelligen. Eine Kollegin war so nett, mich beim Kauf zu begleiten. Außerdem gibt es direkt neben der Schule die „Privat-Bank“ (das ist einfach aus dem kyrillischen transkribiert: Привать Баик), diese Bank ist eine Art Tante-Emma-Laden für Dienstleistungen. Nicht nur Bahntickets kann man kaufen, auch Flugtickets und natürlich kann man alles erledigen, was mit Geld zu tun hat. Nur wenige Ukrainer haben ein Konto, sondern holen sich ihren Lohn bei der Bank ab und zahlen Geld auch auf der Bank ein, wenn sie eine Rechnung begleichen wollen. Aus diesem Grund ist dort immer viel los.
Der Gang zur Bank gestaltete sich dieses Mal allerdings als kleines „Happening“: Schon einmal war ich dort gewesen, um die Bahntickets nach Odessa zu erwerben. Die Bank wird schon seit mehreren Wochen betreten, ohne die Tür zu öffnen. Die Scheibe fehlt nämlich und man geht einfach durch den Rahmen. Der Angestellte, der für die Bahntickets zuständig ist, fragte direkt beim ersten Mal dort, ob ich der deutsche Lehrer bin. Spricht sich halt schnell rum im Viertel, wenn einer Deutscher da ist... Dieses Mal wusste er auch sofort Bescheid, außerdem ist mein Vorname zwar kein typischer slawischer Name, aber alle Ukrainer kennen das Märchen „Kai und Gerda“ von Hans Christian Andersen. Ich bin nicht nur einmal gefragt worden, ob meine Schwester „Gerda“ heißt.
Der Pluspunkt beim Ticketkauf in der Bank: Man bekommt einen Beleg und kann das Ticket am Bahnhof am umgangssprachlich „VIP-Kasse“ genannten Schalter abholen und nicht lange warten. Dieses Mal funktionierte in der Bank aber angeblich das Internet nicht schnell, außerdem war es brechend voll, gefühlte tausend Leute wurden zwischendurch auch noch bedient. Somit saßen wir fast eine Stunde dort, um drei Tickets zu kaufen. Aber es wurde nicht langweilig, denn die Privat-Bank entpuppte sich als Schmelztiegel des Viertels – das übrigens den Namen „Pawlo-Kitschkass“ trägt:
Zunächst kam eine ehemalige Schülerin, die die Kollegin noch kannte. Sie holte sich ihr Stipendium bei der Bank ab. Aus unerfindlichen Gründen musste sie dafür eine Gebühr bezahlen – Kommentar des Bankangestellten dazu: „Bestimmt, weil sie Deutsch studiert.“ Natürlich wusste die ehemalige Schülerin auch, wer ich bin, obwohl ich sie nie gesehen habe. Zu guter Letzt reihte sich dann auch noch eine der Frauen, die an der Schule an der Eingangstür sitzen, in die illustre Runde auf der Privatbank ein. Die Eingangs-Tür-Damen erkennen mich mittlerweile auch. Nachdem ich in den ersten drei Wochen mehrfach fast wieder aus der Schule geschmissen worden wäre, bekomme ich meinen Raumschlüssel nun immer freundlich in die Hand gedrückt. Am selben Morgen hatten zwei der Damen noch versucht, mit mir zu kommunizieren. Ich hatte allerdings nichts verstanden, meine Kollegin wurde nun in der Bank aufgeklärt. Zuerst hatte ich morgens angenommen, dass es um meine Locken gegangen wäre, was ich aus den Gesten der beiden schloss. Von wegen: Meine Kollegin wurde nun gefragt, ob sich in Deutschland eigentlich alle Männer nicht kämmen würden.
Meines und das Haar der Deutschen beschäftigt also die Damen am Schuleingang. Ich hoffe, dass ich in Saporoschje nun kein falsches Deutschlandbild vermittele. Wer mich kennt, weiß, dass meine Haare durchaus wild „liegen“, aber ich möchte feststellen: Natürlich benutze ich einen Kamm. Und 99 % aller Deutschen vermutlich auch.
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