Oder: Wir können Gastfreundschaft
Eine Reise nach Alexandria: Wer denkt dabei nicht an Ägypten, Meer, Antike und große Geschichte? Aber falsch gedacht: Alexandria ist nicht gleich Alexandria. Alexandria in Ägypten unterscheidet sich von Alexandria in der Ukraine – und natürlich erst einmal durch die Aussprache. Während das aus der römischen Geschichte bekannte Örtchen auf dem ersten „a“ betont wird, liegt diese Betonung im Ukrainischen auf dem „i“, also ganz am Ende des Wortes. Natürlich ist das nicht der einzige Unterschied – aber dazu später mehr.
Warum eigentlich nach Alexandria? Auch in Alexandria gibt es eine Schule mit deutschem Schwerpunkt. Die Schüler der 11. Klasse dort bereiten sich gerade auf eine wichtige Deutsch-Prüfung vor, mit der sie ihr Sprachniveau zertifizieren können und das ihnen die Möglichkeit gibt, an deutschen Universitäten zu studieren. An der Schule unterrichtet aber kein deutscher Muttersprachler und so wurde ich gebeten, einige Tage mit diesen Schülern intensiv mündliche Kommunikation zu üben. Um ein bisschen die Ukraine zu bereisen und auch andere Schulen kennenzulernen, kam ich dieser Bitte gerne nach.
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| In Alexandria wachsen die Straßenlaternen aus den Häusern. Keine optische Täuschung! |
Sonntagabends reiste ich also – mal wieder – mit der Bahn aus Saporoschje in den Norden. An das Bahnfahren hat man sich mittlerweile gewöhnt, aber einige Dinge sind dann doch immer wieder überraschend und erlebnisreich. Auf der Hinfahrt wurde ich nämlich gleich von drei schnarchenden Frauen beschallt, im Hintergrund lief das vergessene Handy des Schaffners. Außerdem wundere ich mich immer wieder, wieviel Gepäck man mit sich führen kann. An einigen Stationen steigen Personen ein, die von der ganzen Familie in den Zug begleitet werden, zweimal rein und raus laufen und jedes Mal eine neue Tasche dabei haben. Tatsächlich habe ich schon erlebt, das eine einzelne Frau mit über fünfzehn großen Taschen im Zug saß. Dimensionen sprengt auch der Reiseproviant: Auf der Rückfahrt saß ein Rentner-Ehepaar in meinem Abteil. Sie hatten eine ganze Reisetasche mit Verpflegung dabei, unter anderem auch zwei ganze Töpfe mit allen möglichen ukrainischen Speisen.
In Alexandria wurde ich dann von meiner Gastfamilie am Bahnhof abgeholt. Die Gastfamilie entsprach übrigens dem ukrainischen Klischee: Zur Familie gehören Mutter und Tochter, es gibt keinen Mann im Haus. Ebenfalls typisch ukrainisch: Die Tochter ist 21 Jahre alt und arbeitet schon als Lehrerin in der Schule. Und um den ukrainischen Prototyp vollends zu erfüllen, arbeitet natürlich auch ihre Mutter in der Schule. Um beim Prototyp zu bleiben: In der Ukraine steht Gastfreundschaft auf der Prioritätenliste ganz oben. Sehr wichtig ist, dass der Gast satt ist. So hatte ich die Ehre, fünf Mahlzeiten am Tag einzunehmen. Und in den Pausen zwischen den Mahlzeiten gab es eigentlich immer Tee und Kekse. Meine Gastmutter hatte ein wundervolles Repertoire ukrainischen Speisen zu bieten, von Cirniki (gebratener Quark) über Borsch bis hin zu Pelmeni (gefüllte Teigtaschen). Und ebenfalls typisch ukrainisch: Zum Frühstück kann man durchaus Kohl-Rouladen essen. Gewöhnungsbedürftig. Lecker war es aber – ich habe den bisher besten Borsch in der Ukraine gegessen, musste aber höflich den obligatorischen Speck ablehnen (ja, da war er wieder).
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| Die Lehrerkantine. |
Nicht nur bei der Gastfamilie, sondern auch in der Schule gab es Essen. Dabei kann die Schule in Alexandria, das „Alexandrier Kollegium“, eine wirkliche Besonderheiten aufbieten: Es gibt eine eigene Kantine nur für die Lehrer. Angeschlossen an die normale Schulkantine gibt es einen Raum, in dem gedeckte Tisch bereitstehen und man anhand der Menükarte sein Essen bestellen kann. Für die Schüler ist das eine absolute Tabu-Zone; dieser Raum hat antiquarischen Charme, ich hätte anhand des Mobiliars und der Tapete auf die 70er Jahre getippt, lag damit aber falsch, denn die Schule wurde erst Anfang der 1990er Jahre gebaut.
Die Schule hat insgesamt circa 1.400 Schüler, was für die 90.000 Einwohner zählende Stadt sehr groß ist. Überrascht hat mich, dass an der Schule strenge Disziplin herrscht. Der Direktor legt eben darauf sehr viel Wert – während an „meiner“ Schule in Saporoschje die Kleider-Disziplin eher lasch gehandhabt wird, kann man sich in Alexandria auf Ärger gefasst machen, wenn man als Junge nicht im Anzug und als Dame mit zu kurzem Rock oder zu heftiger Schminke in der Schule erscheint. Handys sind in der Schule gar nicht erlaubt – auch das für mich neu, denn in Saporoschje kann sogar passieren, das auch die Lehrer im Unterricht telefonieren. Auf der letzten Lehrerkonferenz klingelten innerhalb von fünf Minuten drei Handys. Und wenn die Lehrer es schon nicht schaffen, klappt es bei den Schülern natürlich auch nicht. In Alexandria wird man dagegen sogar ermahnt, wenn man im Schulflur die Hände in den Hosentaschen hat. Das war auch für mich eine neue Erfahrung.
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| Super zehnte Klasse! |
In den drei Tagen arbeitete ich zwei Tage lang mit den Schülerinnen und Schülern der 11. Klasse und am dritten Tag mit der 10., 9. und 8. Klasse. Neben der Schule stand auch eine Schaschlik-Party auf dem Programm – ein Pendant zum deutschen Grillen. Die Fleischstücke werden auf riesige Spieße gesteckt und dann über Feuer gegrillt. Außerdem wurde in einem großen Topf, auch über Feuer, „Kascha“ (Weizenbrei) zubereitet. Außerdem gab es einen kleinen Ausflug in das Umland von Alexandria. Wie die gesamte Ukraine ist das Land vor allem flach und es gibt Felder oder Steppe.
So monoton wie das Umland sah auch die Stadt aus. Natürlich heißt die Hauptstraße „Lenin Prospekt“, natürlich stehen an dieser Straße viele Plattenbauten, natürlich sind die Straßen breit und haben viele Löcher, natürlich liegt viel Müll in der Gegend rum. Typisch ukrainisch. Dazu, dass die Schule eine Partnerschule in Berlin hat, sagte der Direktor: „Wir können nicht viel bieten, außer unsere Gastfreundschaft.“ Er hat völlig recht – aber in Gastfreundschaft sind sie exzellent.





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