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| "Saporischschja - Odessa" |
Ein wenig habe ich ja schon über das Bahnfahren in der Ukraine berichtet. Ein paar Details kann ich nun noch hinzufügen, schließlich habe ich schon die ein oder andere Stunde in den Abteilen der ukrainischen Eisenbahn verbracht. Insgesamt schon 90 Stunden, seitdem ich Berlin Ende August in Richtung Odessa verlassen habe. Hier die wichtigsten Fragen und Antworten für alle, die einmal in der Ukraine in die Bahn steigen möchten.
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| Wo sind wir? Ja klar, am Bahnhof "Kilometer 174". |
Wo fährt mein Zug ab?
In jeder Stadt gibt es mindestens einen Bahnhof; in Saporoschje beispielsweise die Bahnhöfe „Saporoschje 1“ und „Saporoschje 2“ – der eine für den Nah-, der andere für den Fernverkehr. Große Bahnhöfe haben auch elektrische Anzeigen, an denen man sich orientieren kann, wichtige Informationen werden aber (ganz so wie in Deutschland, man denke an die unverständliche und unmenschliche Stimme der weiblichen Ansagerin im Münsteraner Hbf) per Lautsprecherdurchsage durchgegeben und nicht alle Infos werden zwingend angezeigt. Also besser durchfragen, wo es losgeht, sonst ist der Zug weg. Am Bahnhof „Saporoschje 1“ gibt es sogar eine Tafel, auf der alle Züge stehen, die das gesamte Jahr ankommen und abfahren.
Woran erkenne ich meinen Zug?
Da immer mal wieder Wagen während der Fahrt angekoppelt oder abgekoppelt werden, fahren nicht alle Wagen zum eigentlichen Ziel (deshalb ist Wagen 7 auch gerne neben den Wagen 12 bis 15, dann kommt schon Wagen 20 usw.). Immer schön gucken, was auf dem Wagen steht, sonst landet man nicht da, wo man hinmöchte. Allerdings ist die Gefahr, in den falschen Wagen zu steigen, sehr gering, denn an der Waggontür steht beim Einstieg die Zugbegleiterin und kontrolliert das Ticket.
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| Mitten durch die ukrainische Steppe; kilometerweit Acker, schwarze Erde, ein paar Sträucher und Wiese. |
Vier Alternativen stehen zur Auswahl: Obschi (Sitzbank), Platzkarta (Liegebänke im Großraumwagen), Kupe (Liegeplätze im 4er-Abteil) oder Ljuks (Liegeplätze im 2er-Abteil); von der ersten bis zur letzten Variante wird es teurer, aber bequemer. Die Standardvariante ist das Kupe – zwei Bänke unten, zwei Bänke oben, ein kleiner Tisch. Alle Klassen darunter sind muffiger, lauter und unbequemer; die Gefahr, dass jemand schnarcht, ist aber immer gegeben – aber auch, dass man nette Leute kennenlernt und die lange Bahnfahrt nicht nur mit Buch und Schlafen, sondern auch mit Bier (alternativ: Tee) und Quatschen verbringt.
Wieviel Zeit sollte ich für meine Bahnfahrt einplanen?
Generell fährt die Bahn überallhin, aber es dauert lange, geht fast nur über Nacht und meistens auch nur einmal am Tag. Zwischendurch steht man planmäßig, aber aus unerklärlichen Gründen mal 20, mal 30 Minuten an größeren Bahnhöfen und fährt nicht weiter. Tagsüber geht es am langsamsten vorwärts, in der Nacht meistens schneller. Und was dann nahezu unmöglich erscheint, geht auch hier: Die Bahn kommt zu spät. Wie das trotz mehreren Stunden Standzeit als Puffer geht, kann ich mir nicht erklären.
Wie ist der Service in der Bahn?
Personal gibt es wie Sand am Meer – pro Wagen eine oder einen ZugbegleiterIn. Auf meiner letzten Fahrt nach Odessa sogar drei. Allerdings schauten sich die beiden Männer die gesamte Fahrt Filme in ihrem Abteil an und die Frau war die einzige, die arbeitete. In jedem Wagen gibt es einen großen Samowar und Tee wird ins Abteil gebracht – für 20 Cent.
Das Klo kann man nach spätestens einer Stunde Fahrt hygienisch vergessen – und eine Spülung gibt es auch nicht, nur ein Pedal am Boden. Wenn man darauf tritt, öffnet sich die Kloschüssel und der Inhalt wird direkt auf die Gleise befördert. Und es gibt eine Halterung für Brille und Deckel, damit sie hochgeklappt bleiben – sehr sinnige Idee. Aber Achtung: Wenn der Zug im Bahnhof steht, werden die Toiletten geschlossen und man sie nicht benutzen. Da der Zug viel steht, sind die Toiletten auch oft zu...
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| 16 Stunden Zugfahrt lassen sich am besten mit viel Lesestoff verbringen. |
Eine Bahnfahrt kostet im Kupe circa 10 € - natürlich abhängig von der Strecke, aber meistens kann man mit einem Preis in dieser Größenordnung rechnen. Frische Bettwäsche und Handtücher sind im Reisepreis inklusive.
Was bekomme ich für mein Geld?
Viel Personal pro Reisendem, Bettwäsche, günstig Tee und eine große Tour durch die Ukraine. Viel Landschaft, viel schwarze Erde, viele Haltestellen, viele Kühe, Schafe, Ziegen, Pferde und Gänse direkt an der Bahnstrecke.
Besondere Highlights: Wenn der Zug am Bahnhof mit dem Namen „51ster Kilometer“ hält, an dem drei Häuser stehen und ein paar Kühe am Gleis den Zug anschauen – es steigt natürlich niemand ein oder aus. Die nächste Station: Der Bahnhof mit den Namen „66ster Kilometer“. Hier steht ein Haus, am Bahnhof grasen (!) einige Schweine. Ein- oder Aussteigen tut niemand. Warum oder wonach die Bahnhöfe be-kilometert werden bleibt unklar.
Auch schön: Der Schaffner bittet dich, deinen Laptop nutzen zu dürfen, weil sein Akku leer und das Ladegerät weg ist. Dafür bekommst du im Gegenzug ein Stromkabel ins Abteil gelegt, das du die nächsten 14 Stunden nutzen kannst und Tee gibt es auch umsonst. Soviel Service hat noch nicht einmal die Deutsche Bahn in der ersten Klasse und dort würde dieselbe Strecke zehnmal soviel kosten – aber deutlich schneller zurückgelegt werden.




Hey,
AntwortenLöschenalso ich muss dich warnen du hast Blogger Konkurrenz aus Russland. Und ja: ziemlich interessant :) Wer neugierig geworden ist sollte sich mal folgenden Blog (bzw. Kolumne) anschauen:
http://www.spox.com/de/sport/fussball/international/kuranyi-kolumne/kevin-kuranyi-kolumne-dynamo-moskau-nationalmannschaft-dfb-joachim-loew-leben-in-russland.html
Ist rethorisch vllt nich ganz auf AUgenhöhe mit dir, aber auch sehr unterhaltsam :)
greetz!