Einleitung

Alle Neuigkeiten, Informationen, Non-Sense und Reiseberichte aus der Ukraine, damit auch der "ferne" Westen auf dem Laufenden ist, was dem Kai in der Ukraine so alles passiert. Ich freue mich natürlich über Wortmeldungen, Lebenszeichen, Infomeldungen oder Anmerkungen von euch - per Email/ Skype/ Kommentarfunktion etc.

Dienstag, 12. Oktober 2010

Mein Kabinett

Oder: Kalt, aber funktional



Von nun an arbeite ich in der Kneipe (mehr Informationen hier). Zwar darf die Kneipe offiziell vor den Schülern nicht Kneipe genannt werden, aber im Kollegium ist dieses Wort gesetzt.
Zur Erläuterung: An ukrainischen Schulen gilt das Lehrerraum-Prinzip. Das heißt, dass die Schüler nicht einen eigenen Klassenraum haben, sondern die Lehrer. Somit wandern die Schüler jede Stunden von Raum zu Raum (im Kollegium spricht man scherzhaft von den „Touristen“). Der Lehrer dagegen darf es sich gemütlich machen, vor allem sind die Räume deutlich ansprechender eingerichtet und die Zerstörungswut in den Mittelstufenklassen macht sich zumindest in den Schulräumen nicht bemerkbar (im Gegensatz zu den Räumen in deutschen Schulen).
Da mittlerweile auch ich begonnen habe, zu unterrichten, besitze ich die Ehre, ebenfalls einen eigenen Klassenraum mein Eigen nennen zu dürfen. Durch den Anbau ist das Gymnasium 46 in der glücklichen Lage, mehr Räume als Lehrer zu haben, was in der Ukraine nicht der Standard ist. Es gibt Schulen, deren Gebäude so klein sind, dass im Zwei-Schicht-System vormittags und nachmittags gearbeitet wird. Meine zwölf Stunden Deutschunterricht verteilen sich im Moment auf die Klassen 5, 8 (dort in drei verschiedenen Kursen) und 10 – an drei Tagen habe ich also zwei Stunden Unterricht, an zwei Tagen drei Stunden Unterricht. Das hört sich nach wenig an – aber ich habe noch keine Routine und muss dementsprechend mehr Zeit in die Vorbereitung stecken, dennoch sind 12 Stunden im Vergleich zu 20 oder 25 Wochenstunden (die hier üblich sind) natürlich schon ein großer Luxus.

„Kabinett“ – das ist (grob übersetzt) das russische Wort für Büro und bezieht sich in der Schule auf den Klassenraum. Ich nenne also nicht eine ganze Ministerriege mein Eigen, sondern nur einen Raum mit fünf Tischen, ein paar mehr Stühlen und einer ziemlich kleinen Tafel. Geld gibt es hier sowieso nicht viel, das Schulinventar hat in den meisten Fällen schon einige Jahre auf dem Buckel und in den Klassenräumen stehen alte Wohnzimmerschränke oder sogar ganze ausgediente Schrankwände, die als Lagerraum für Bücher, Hefte, Karten, Teekocher, Kekse und vieles mehr herhalten. In meinem Kabinett steht allerdings kein Schrank, sondern nur eine Vitrine (!) mit einem großen Spiegel. Stil: Gelsenkirchener Barock. Mir ist unerklärlich, wie und vor allem warum das mal in die Schule gewandert ist.

Neben Unterrichten und Unterrichtsvorbereitungen wird in den nächsten Wochen also eine weitere Aufgabe sein, mein Kabinett ein wenig ansprechender aussehen zu lassen. Am schönsten wäre allerdings, wenn endlich die Heizung funktionieren würde. Die schönste, wohnlichste und angenehmste Raumgestaltung ist hinfällig, wenn es an der frischen Luft deutlich um die 5° sind und drinnen leider nicht geheizt werden kann, weil die Heizungen in der gesamten Ukraine erst in einem Monat eingeschaltet werden. Da aber Wahlkampf ist, hat man sich hier entschlossen, gegenüber der eigentlichen Regelung, am 1. November die Heizungen einzuschalten, schon etwas früher zu heizen. Schließlich muss das Volk bei Laune gehalten werden.

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