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Alle Neuigkeiten, Informationen, Non-Sense und Reiseberichte aus der Ukraine, damit auch der "ferne" Westen auf dem Laufenden ist, was dem Kai in der Ukraine so alles passiert. Ich freue mich natürlich über Wortmeldungen, Lebenszeichen, Infomeldungen oder Anmerkungen von euch - per Email/ Skype/ Kommentarfunktion etc.

Montag, 18. Oktober 2010

Die Schulkantine

Oder: Mein täglich Borsch gib mir heute


Mitte Juni fand in Stuttgart das Vorbereitungsseminar für den Aufenthalt in der Ukraine statt – dort trafen sich alle vierzig Programmteilnehmer, die dieses Jahr in gesamt Osteuropa in der Schule arbeiten und auch die Programmteilnehmer des letzten Jahres. Mit gesamt Osteuropa ist in diesem Fall gemeint, dass meine Mit-PraktikantInnen – unter anderem – in Polen, Tschechien oder Kroatien, in Bosnien-Herzegowina oder Albanien, in Weißrussland, Russland oder Kasachstan zu finden sind. Als es in einem Gespräch beim Seminar um das Thema Essen ging, teilten sich jedenfalls die Meinungen bezüglich der Schulkantinen. Erfahrungen wurden von ungenießbar und undefinierbar bis delikat gesammelt, wobei an einigen Schulen selbst die Lehrer davon abrieten, sich das Kantinenessen einzuverleiben. Ich wusste also nicht, was mich erwartete, als ich direkt nach Ende meines ersten Schultages mittags in die schuleigene Kantine zum Essen geführt wurde.

Alle meine Sorgen zerschlugen sich allerdings und seit dem ersten Tag nehme ich nun immer mein Mittagessen in der Kantine ein – auf russisch „Столовая“ (Stalowaja). Das Angebot ist zwar nicht groß, aber es schmeckt gut und macht vor allem satt. Jeden Tag gibt es Borsch, Kartoffelpüree und Buchweizen. Buchweizen ist in der Ukraine übrigens ein Grundnahrungsmittel, ebenso wie Reis oder Kartoffeln. Manchmal gibt es eine alternative Suppe zum Borsch, meist Reis-, Nudel- oder Gemüsesuppe. Außerdem gibt es täglich Fisch oder anderes Fleisch, das auch genießbar ist.

Das alles führt die Schulkantine allerdings noch nicht aus dem Mittelmaß heraus. Erst die Tatsache, dass hier jeden Tag Brot und Gebäck frisch zubereitet werden, macht aus der Kantine eine Super-Kantine. Zum Borsch gibt es also immer frisches Brot und zur Nachspeise „Pluschka“ – was man sich wie ein größeres Mörbchen mit Zucker bestreut vorstellen muss. („Mörbchen“ ist natürlich ein absolut rheinländisches Wort, vielleicht lässt es sich mit „Teilchen aus Weck“ am besten hochdeutsch beschreiben. Wobei Weck im Münsterland wieder als Stuten bezeichnet werden müsste... Zur Dauerproblematik der rheinischen und münsterländischen Backartikelbezeichnungen noch ein kleiner Exkurs: „Weckmann“ (= Rheinland) klingt eindeutig besser als das Wort „Stutenkerl“ (= Münsterland) und ist viel besser geeignet, um diesen sympathischen, verzehrbaren Mann zum Martinsfest zu bezeichnen.) Pluschka gibt es außerdem in vielen Varianten – mit Rosinen, ohne Rosinen, mit Zucker bestreut oder gefüllt – dann meist mit eingedickter Milch, deren Konsistenz wie Karamell ist. Und weil das alles so lecker ist, kann man es auch kaufen und mit nach Hause nehmen.

Leider steht das Essen im großen Kontrast zur Ausstattung der Kantine: Sie ist mit Abstand der renovierungsbedürftigste Raum der gesamten Schule; Tische, Stühle, Wandanstrich und auch der Großteil der Küchengeräte haben eigentlich ausgedient und müssten ersetzt werden. Wie in allen Fluren gibt es keinen Bodenbelag, sondern nur blanken Beton mit Rissen, auch die Wände sind einfach angemalter Beton. Zudem essen nicht alle Schüler in der Kantine, dafür ist sie viel zu klein – die Kinder der ersten bis vierten Klassen gehen in den beiden großen Pausen hier speisen; nach der sechsten Stunde kommen noch die Kinder aus dem Hort. Dann macht die Kantinen-Frauschaft auch Schluss, denn sie fangen schließlich um fünf Uhr an zu arbeiten. Der einzige Vorteil, zu dieser Uhrzeit zu starten, ist vermutlich, dass die Marschrutka dann leer ist.

Die größte Freude bereitet dem passionierten Mensa-Gänger allerdings der Zeitpunkt der Abrechnung. Für Salat, einen großen Teller Suppe, Brot, Kartoffelpüree, ein Stückchen Fleisch und eine „Pluschka“ für zuhause berappt man am Schluss knapp 80 Cent. In der Mensa am Aasee hätte es für den dreifachen Preis ein frittiertes Etwas mit weißer Soße und ein paar Kräutern drin, Fertigsalat auf Zuckerdressing und zwei Beilagen gegeben. Da lob ich mir doch die Schulkantine!

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